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Wikipedia feiert millionsten Artikel – Schweizer Firmen schreiben fleissig mit
Von Adrian Sulc. Aktualisiert am 29.12.2009 4 Kommentare
Nur ein Eintrag unter vielen: Was steht in Wikipedia über Wikipedia? (Bild: Keystone)
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So funktioniert Wikipedia
Ohne Spenden geht nichts
Wer bei Wikipedia Artikel schreibt, erhält keinen Lohn, nicht einmal Spesen. Doch obwohl sich die Autoren selber organisieren und koordinieren, kostet das Projekt viel Geld. Primär sind es Löhne der 32 Angestellten in Informatik und Administration. Auch die immense Datenmenge, die täglich abgerufen wird, kostet. Die 378 Server der Wikimedia-Stiftung beherbergen alle 250 Sprachversionen der Enzyklopädie. Weitere Angestellte, etwa in Deutschland, werden von lokalen Wikimedia-Vereinigungen bezahlt. Da Wikipedia und weitere Projekte der Wikimedia-Stiftung (etwa Wikibooks) werbefrei sind und die Texte frei verwendet werden können, bilden Spenden die einzige Einnahmequelle. Die aktuelle Kampagne scheint erfolgreich zu verlaufen: 6,6 von den erhofften 7,5 Millionen Dollar sind beisammen. Für das Geschäftsjahr 2009 rechnet die Wikimedia Foundation mit Einnahmen von 10,6 Millionen Dollar und Ausgaben von 9,4 Millionen. (sul)
Wer für Wikipedia «relevant» ist
Die Relevanz ist wohl der grösste Streitpunkt in der Wikipedia-Gemeinschaft – Diskussionen zwischen «Radikallöschern» und Befürwortern einer breiten Enzyklopädie sind häufig. An der Klausel «Wikipedia ist kein allgemeines Personen-, Vereins-, Organisationen- oder Firmenverzeichnis» scheitern bereits viele Eintragungswünsche. Doch der Teufel steckt im Detail. Ist ein Sportler mit einem lokalen Titelgewinn «relevant»? Ein Unternehmen mit fünf Filialen? Ein Professor mit eigenem Lehrstuhl? Als Richtlinien für die deutschsprachige Wikipedia dienen die ausführlichen «Relevanzkriterien». Sie besagen, wann ein Begriff, eine Theorie, eine fiktive oder reale Person, eine Organisation, eine Partei oder ein Unternehmen aufgenommen werden darf. Eine Brauerei etwa ist «relevant», wenn sie eine Jahresproduktion von 10 Millionen Litern ausweisen kann oder konnte – oder während 100 Jahren ununterbrochen mindestens eine halbe Million Liter pro Jahr herstellte. (sul)
Letzten Sonntag um 11.33 Uhr war es so weit: Mit dem Eintrag über den britischen Botaniker Ernie Wasson erhielt die deutschsprachige Wikipedia ihren millionsten Artikel. Stolz färbten die Autoren des Internetlexikons das Wikipedia-Logo darauf golden ein. Darunter kam der Schriftzug «die erste Million» zu stehen. Die kostenlose Enzyklopädie, heute eine der zehn meistgenutzten Internetseiten weltweit, wird weiterwachsen – obwohl sie bereits weitaus umfangreicher ist als jedes andere Lexikon.
Das Erfolgsgeheimnis ist simpel: Wer einen Internetanschluss hat, kann auch mitschreiben, verbessern und korrigieren – was zu einer bisher ungekannten Themenbreite führt. Wirtschaftswissenschaftliche Definitionen, afrikanische Kleinstädte, Geistliche aus dem 9. Jahrhundert sind dokumentiert – aber auch die Nebencharaktere aus TV-Serien, Untergrund-Musikrichtungen oder Ausdrücke aus der Jugendsprache. Die Wikipedia-Funktion «zufälliger Artikel» spuckt eindrückliche Beispiele aus.
Google sucht vorne mit
«Vertraue keiner Enzyklopädie, an der du nicht selbst mitgewirkt hast» – mit diesem Selbstverständnis schreiben alleine im deutschsprachigen Raum Tausende mit. Die meistgenutzte Suchmaschine der Welt, Google, verweist oft unter den ersten zehn Suchergebnissen auf Wikipedia-Artikel. Viele Unternehmen haben die Bedeutung des Mitmach-Lexikons erkannt – und schreiben oft selber mit, wie eine Umfrage unter 20 Schweizer Konzernen zeigt, deren Aktien im Swiss-Market-Index (SMI) aufgelistet sind.
Fast alle der angefragten Unternehmen haben den eigenen deutschen und englischen, teilweise auch den französischen Wikipedia-Eintrag auf dem Radar, das heisst, sie verfolgen die Änderungen mehr oder minder systematisch. Nur das Pharmaunternehmen Actelion beobachtet seine Einträge nicht, beim Rückversicherer Swiss Re wird lediglich von London aus der englische Eintrag im Auge behalten. Der Luxusgüterkonzern Richemont antwortete nicht auf die Umfrage, und die Bank Julius Bär will laut Sprecher Martin Somogyi ihre Monitoring-Aktivitäten «nicht offen ausbreiten».
Adecco durchforstet das Netz
Der Personalvermittler Adecco setzt zusätzlich zur eigenen Beobachtung der Wikipedia-Einträge auf ein Monitoring verschiedener interaktiver Internetplattformen: Ein externes Unternehmen durchsucht neben Wikipedia unter anderem auch Youtube, Facebook ( 31.91 -3.39%) und Twitter nach Adecco-Bezügen.
Elf der antwortenden Unternehmen teilten mit, sie bearbeiteten ihre eigenen Wikipedia-Einträge selber, Novartis und UBS wichen der Frage aus. Das Bearbeiten des eigenen Lexikoneintrags scheint teilweise mit einer gewissen Scham behaftet: Es wird betont, Änderungen würden nur «äusserst zurückhaltend» oder «punktuell» vorgenommen. Eine Sprecherin der Zürich-Versicherung verweist auf Wikipedia-Richtlinien zum Thema «Interessenkonflikt», die zwar von Bearbeitungen durch Direktbetroffene abraten, diese aber bei Einhaltung der Wikipedia-Grundsätze nicht verbieten. Credit-Suisse-Sprecherin Sibylle Mani verweist auf eine bankeigene Richtlinie zum Thema Wikipedia, die besagt, dass Fehler korrigiert werden und Kritik an der Firma nicht gelöscht, sondern mit dem Standpunkt der CS ergänzt wird.
Vorsicht nach Roger Köppels Eintragskosmetik
Fünf SMI-Unternehmen bearbeiten grundsätzlich keine Artikel: ABB, Actelion, Nestlé, Roche und Swatch. Nestlé mache jedoch auf der zum Artikel gehörenden Diskussionsseite auf Fehler aufmerksam, schreibt Sprecherin Nina Backes. Anders tönt es seitens der Swatch-Gruppe: «Es herrscht eine derartige Informationsflut im Internet, dass es ein Kampf gegen Windmühlen wäre, gegen Falschmeldungen anzugehen», so eine Sprecherin. Dass es auf den eigenen Wikipedia-Einträgen Falschmeldungen gab, bestätigen neben Swatch auch Holcim und Roche. Bei Holcim ging es laut Sprecher Peter Gysel um einen Vorwurf ohne «Hand und Fuss». Nach mehrmaligem Hin und Her habe der Verfasser des Vorwurfs das Ändern aufgegeben. Roche-Sprecherin Nina Schwab schreibt, dass es «gelegentlich» diffamierende Inhalte gebe, diese jedoch von den Wikipedia-Benutzern in der Regel «innerhalb weniger Stunden» entfernt würden.
Meist genauso rasch entfernt die Wikipedia-Gemeinschaft auch Eigenwerbung der Unternehmen. Und spätestens seit «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel nachgewiesen wurde, dass er seinen eigenen Eintrag geschönt hatte, fürchten sich die Unternehmen vor derartigen Schlagzeilen. Denn jede je gemachte Änderung ist auf Wikipedia einsehbar – zusammen mit dem Benutzernamen oder der IP-Adresse des Autors.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.12.2009, 04:00 Uhr
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4 Kommentare
Im Deutschen Wiki wird der Relevanz-Begriff zu eng ausgelegt. Es gibt da richtige Wiki-Polizisten. Da das Wiki ja nicht gedruckt wird ist es egal, wieviele Einträge es hat. Es ist auch ein Archiv für Informationen, die in 50 Jahren relevant sein können. Also mehr ist besser. Ich finde nur was ich suche, und so bin froh, wenn es überhaupt einen Eintrag hat. Antworten
Die deutschsprachige (oder soll ich sagen "deutsche"?) Wikipedia hat ein Löschproblem. Da gibt es mehrere z.T. sehr junge Administratoren, die ruck-zuck neue Artikel löschen. Dabei ist es gerade eine der Stärken der Wikipedia, dass aus einem neuen Artikel durch die Mitwirkung anderer was wird. Es gibt mittlerweile eine wikipedia-interne Bewegung, die sich gegen den Löschwahn formiert hat. Antworten






















































































