Hintergrund

Wenn Hunde im künstlichen Bau den Fuchs hetzen

In einer Trainingsanlage jagen Hunde den Rotpelzen nach. Solches ist bei Wettingen geplant – eine Schweizer Premiere.

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Zwischen Wettingen und Otelfingen in unmittelbarer Nähe zur Kantonsgrenze soll ein künstlicher Fuchsbau, eine sogenannte Schliefanlage, erstellt werden. Ein entsprechendes Baugesuch ist bei der Gemeinde Wettingen hängig, heisst es dort auf Anfrage. Es wäre die erste Anlage dieser Art im Kanton Aargau – und die einzige schweizweit.

Schliefanlagen sind bei Tierschützern höchst umstritten. Im Internet werden deshalb bereits Unterschriften gegen das Bauvorhaben gesammelt. In einem solchen Kunstbau werden Füchse zur Ausbildung von Jagdhunden gehalten. Die Hunde werden darauf ausgerichtet, den Fuchs in den Höhlengängen aufzuspüren. Zwar sind die Tiere durch ein Gitter, eine Scheibe oder eine Schiebetüre voneinander getrennt, das Training sei jedoch mit grossem Stress für beide Gattungen verbunden, kritisieren Tierschützer.

«Ein Überbleibsel aus dem Mittelalter»

Ihre Kritik gilt aber nicht nur den Schliefanlagen selbst, sondern generell der Baujagd, wozu die Hunde im Kunstbau abgerichtet werden. Bei dieser Form der Jagd umstellen mehrere Jäger einen Fuchs- oder Dachsbau und schicken dann einen Erdhund hinein, der das Tier aus seiner Behausung treibt. Kommt es hervor, wird es von den Jägern erschossen. Der WWF beurteilt die Baujagd «aus tierethischen Gründen» als äusserst problematisch. Hansuli Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes STS, bezeichnet sie als Überbleibsel aus dem Mittelalter, das nicht mehr in unser Jahrhundert passt.

Sie sei auch nicht notwendig, um den Fuchsbestand zu regulieren, so Huber, «obwohl dieses Ammenmärchen von den Jägern noch immer erzählt wird». Die Zahl der Füchse hänge vom vorhandenen Nahrungsangebot ab. «Wenn eine Fähe viel Futter hat, bekommt sie mehr Jungtiere. Gibt es weniger Nahrung, sinken auch die Geburtenzahlen.»

6200 Füchse leben im Kanton Zürich – 1200 in der Stadt

Dem widerspricht Jürg Zinggeler von der Fischerei- und Jagdverwaltung der Baudirektion Kanton Zürich: «In einer naturbelassenen und vom Menschen unberührten Landschaft mag es stimmen, dass sich die Fuchspopulation selbst reguliert. Aber der Mensch beeinflusst praktisch überall den Lebensraum dieser Tiere, sodass eine kontrollierte Jagd unumgänglich ist.»

Der Fuchsbestand ist im Kanton Zürich in den letzten zehn Jahren auf einem unverändert hohen Stand verharrt. Allein in der Stadt Zürich werden 1200 Tiere vermutet. Wie viele es seien, lasse sich gemäss Zinggeler nur abschätzen. «Die Jäger geben jeweils im Frühling ihre Schätzungen zu den Wildbeständen in ihren Revieren bekannt. Im vergangenen Jahr ging man von 5800 Füchsen aus, in diesem Jahr von 6200.»

Auch im Kanton Aargau fühlt sich der Fuchs offenbar ausgesprochen wohl. «Er ist ein Profiteur unserer Raumnutzung. Die Bestände sind eher hoch, deshalb dürfen Füchse bejagt und geschossen werden – auch im Rahmen von Baujagden», sagt Thomas Stucki, Leiter der Sektion Jagd und Fischerei beim Kanton Aargau, auf Anfrage.

Baujagd in Zürich erlaubt, aber nicht häufig

In Zürich habe die Fuchsjagd am Bau laut Zinggeler keine grosse Tradition und komme daher auch nicht besonders häufig vor. Von rund 4000 jährlich erlegten Füchsen seien nur etwa zwei bis drei Prozent bei der Baujagd geschossen worden. «Wenn der Fuchs bejagt wird, dann in freier Wildbahn und nicht am Kunstbau.» Die Baujagd werde nicht aktiv gefördert, sei aber auch nicht verboten – «sofern sie nach den Regeln des Tierschutzes geschieht und die Tiere rasch und schmerzlos getötet werden». Konkrete Vorgaben dazu seien in der Jagdverordnung aber nicht festgehalten, so Zinggeler. «Dort steht lediglich, welche Waffen bei der Jagdausübung erlaubt sind und welche nicht. Zur Fuchsjagd sind beispielsweise nur Schusswaffen mit Kugeln oder Schrot erlaubt.»

Wie viele Jäger die Baujagd im Kanton Aargau betreiben, ist Thomas Stucki nicht bekannt. «Gemäss unserer Jagdverordnung ist sie jedoch nur mit einem am Kunstbau eingeübten Bodenhund zulässig.» Hunde müssen also gezwungenermassen in Schliefanlagen trainieren. Da es bisher keine solchen Anlagen auf dem Kantonsgebiet gab, sind die Jäger ins Ausland gereist, um ihre Hunde auszubilden. Stucki erachtet es daher als sinnvoll, dass nun auch im Kanton Aargau ein solches Angebot entstehen soll. «So läuft die Jagdhundeausbildung nach genauen Vorgaben ab und wir können die Anlage auch selber kontrollieren.»

Hunde für die Jagd scharfmachen

Ein Argument, das auch beim STS Unterstützung findet. «Da wir im Ausland keine Kontrolle über die Einhaltung von Tierschutzvorgaben in Schliefanlagen haben, ist es wohl das kleinere Übel, wenn im Kanton Aargau ein Kunstbau errichtet wird», sagt Hansuli Huber.

Er glaubt aber nicht daran, dass die Ausbildung im Kunstbau die Sicherheit des Hundes bei der Jagd im offenen Feld verbessern wird. «Der Hund wird dadurch nicht davor geschützt, sich in einem echten Bau zu verletzen oder sich sogar darin zu verfangen. Die Hunde werden in den Übungsanlagen lediglich für die Jagd scharfgemacht.» Auch der Fuchs leide. «Er ist zwar durch ein Gitter oder eine Scheibe vom eindringenden Hund getrennt. Für das Tier bedeutet dies aber trotzdem eine dauernde Stresssituation.»

Der STS halte daher an der Forderung nach einem Baujagdverbot und konsequenterweise auch an einem generellen Verbot von Schliefanlagen in der Schweiz fest. «Das Ganze macht schlicht keinen Sinn», betont Huber. «Eine Tierhatz ist nicht nur wildbiologisch unnötig, sondern nichts weiter als ein perverses Vergnügen.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.11.2013, 11:04 Uhr

Schliefanlagen in Zürich

Im Kanton Zürich sind Schliefanlagen grundsätzlich nicht verboten. Bisher gab es allerdings noch keine Anfrage für einen Kunstbau. Daher existieren auch keine Vorgaben für die Ausgestaltung einer solchen Anlage. «Man kann nicht präventiv Regeln für etwas ausarbeiten, das überhaupt kein Thema ist», sagt Markus Pfanner, Sprecher der Zürcher Baudirektion, gegenüber Tagesanzeiger.ch. Sobald ein Bedarf bestehe, würden genaue Kriterien für den Bau einer Schliefanlage ausgearbeitet, so Pfanner. (tif)

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