Basels Kulturphilosophen

Schriftsteller Hansjörg Schneider (u.a. «Kommissär Hunkeler») über Guy Morin und die Basler Kulturspezialisten, «die von Kunst so viel verstehen wie ich vom Bau eines Iglus».

Hansjörg Schneider: «Nie haben die Kulturverantwortlichen ein privates Wort mit mir geredet. Sie wollen nicht wissen, was ich denke, es würde nur stören.»

Hansjörg Schneider: «Nie haben die Kulturverantwortlichen ein privates Wort mit mir geredet. Sie wollen nicht wissen, was ich denke, es würde nur stören.» Bild: Lucian Hunziker

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Anlässlich des Rücktritts von Regierungspräsident Guy Morin, oberster Kulturchef Basels, gestatte ich mir folgende Gedanken: Vor zehn Jahren war es in Basel Mode, darüber zu ­philosophieren, was denn Kultur und Kunst eigentlich seien. Welche Rolle spielt die Kultur in einer Gesellschaft? Wie kann der Staat ihr helfen? Es wurden Grundsatzpapiere verfasst, Strategien entworfen. Damals wurde das Amt des Regierungspräsi­denten, der zugleich oberster Kulturchef ist, ­geschaffen. Erster Amtsträger war Guy Morin. Er ist angetreten, um etwas zu bewegen.

Nie schöpferisch tätig geworden

Die Werbung hämmert uns ein: Werde auch du kreativ. Denn es ist chic und schafft gute Laune, kreativ zu sein. Gestalte dein Leben. Gestalte deine Umwelt, deine Freizeit, deine Liebe. Werde schöpferisch.

Wer eine Chance sieht, schöpferisch zu sein, schlägt unerbittlich zu. Das hat zum Beispiel zur Folge, dass die Leiterin eines Museums nicht mehr bloss ihre Sammlung möglichst attraktiv zur Schau stellt. Ganz im Gegenteil. Sie lässt ihre Schätze im Keller verschwinden, um Ausstellungen pädagogischen Charakters über bestimmte Themen zu kreieren. Zum Beispiel über das Leben der Kellerassel. Oder des Regenwurms. Wenn das Publikum streikt, ist es selber schuld. Wenn jemand dagegen Einwände äussert, hebt ein Geschrei an, als ob die Freiheit der Kunst bedroht wäre.

Ich vermute, dass Guy Morin gar nie eine Chance hatte, sich selber schöpferisch zu ­betätigen, wie er es geplant hatte. Die Leiter der kulturellen Institutionen haben ihn nicht lassen. Sie haben mit Argusaugen darüber gewacht, dass ihnen kein Zacken aus der Krone gebrochen wurde.

Kein privates Wort mit Morin

Herr Morin hat mir ein paarmal die Hand geschüttelt, an offiziellen Anlässen. Er hat kein einziges privates Wort mit mir geredet, was mir schon aufgefallen ist. Das ist die Eigenart aller Basler Kulturphilosophen: Sie grenzen sich ab von denen, die ­tatsächlich Kunst machen. Was eine Krankheit unserer Zeit ist. Selbst ernannte Spezialisten, die von Kunst so viel verstehen wie ich vom Bau eines Iglus, wollen über die Leute bestimmen, die Kunst produzieren. Sie tun dies, indem sie sich zuerst einmal von den Leuten, die Kunst herstellen, abschotten.

Ich habe in den langen Jahrzehnten, in denen ich in Basel wohnhaft war und schrieb, mit ­keinem der Kulturverantwortlichen ein privates Wort geredet. Sie wollen nicht wissen, was ich denke, es würde nur stören. Ich kann damit leben.

Die Ausnahme ist Christoph Eymann. Er hat mich einmal über seine Sekretärin zu einem ­Mittagessen in der «Kunsthalle» eingeladen und gefragt, wie es mir gehe. Was ich sehr geschätzt habe.

Privatleute, die ihr Metier verstehen

Das Basler Kulturleben funktioniert meiner Meinung nach gut. Es funktioniert, weil es nicht zentral geführt wird. Es gab keinen Grund, das Amt eines Kulturchefs einzuführen. Das Basler Kulturleben funktioniert auch deshalb gut, weil es auch von Privatleuten getragen wird, die ihr Metier verstehen. Maja Oeri, die den Neubau des Kunstmuseums geplant, durchgesetzt und zu einem grossen Teil bezahlt hat, ist eine international anerkannte Kapazität. Ernst Beyeler, der die Fondation Beyeler aufgebaut hat, war ein erfolgreicher Kunsthändler.

Er wusste, was sich gehört. Als es dem alten Jürg Federspiel gesundheitlich schlecht ging, habe ich ein paar Kollegen zusammengetrommelt, um noch einmal mit Jürg zu essen und zu trinken. Es sassen in der «Kunsthalle» Peter Bichsel, Franz ­Hohler, Urs Widmer. Und natürlich Federspiel. Weiter hinten sass Ernst Beyeler beim Abend­essen. Bevor er das Lokal verliess, kam er an ­unseren Tisch, gab jedem die Hand und sagte: «Ihr habt recht, genauso muss man es machen.»

Was für eine grossartige Geste uns Schreibern gegenüber.

Hansjörg Schneider ist Schriftsteller. Er lebt in Basel und im Schwarzwald. Seine Kolumne auf der Meinungsseite der BaZ heisst «Kleine grosse Welt». (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.01.2017, 14:29 Uhr

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