«Ich wollte darüber nachdenken, wie aus Frieden Krieg wird»

Der Historiker Christopher Clark über Europas Weg in den Ersten Weltkrieg, die Frage der Kriegsschuld, die Kontroverse um seine Thesen und den Gebrauchswert der Geschichte als Orakel.

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Herr Clark, wo ist Ihre Pickelhaube abgeblieben?
Die habe ich ­zu Hause gelassen. Nein, im Ernst: Ich hatte nie eine. Aber ich weiss, worauf Sie anspielen: In England wurde mir vorgeworfen, ich müsste bei meinen Vorlesungen eine Pickelhaube tragen, weil ich die deutsche Schuld am ­Ausbruch des Ersten Weltkriegs ­herunterspiele.

Hat es Sie überrascht, dass Ihr Buch eine solche Debatte ausgelöst hat?
Ja, und vor allem in Deutschland vermisse ich eine sachliche Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Inhalt meines Buches. Dort geht es vornehmlich um eine Gesinnungsfrage: Wie verhalte ich mich zur Frage der deutschen Kriegsschuld? Ich aber wollte von der Schuldfrage loskommen und darüber nachdenken, wie aus Frieden Krieg wird. Es gibt Leute, die sich allein schon von der Tatsache angegriffen fühlen, dass ich nicht von einer Hauptschuld der Deutschen ausgehe. In Deutschland werden ­Debatten viel härter geführt als hier in England. Man sagt wie Martin ­Luther beim Wormser Reichstag: «Hier stehe ich, ich kann nicht anders.»

Das heisst, die Ereignisse vom Sommer 1914 sind auch 100 Jahre später noch längst nicht historisiert?
Tatsächlich war ich verwundert, dass das Thema noch so viele Emotionen freisetzt. Zum Teil hat das natürlich auch damit zu tun, dass einige Kollegen, die sich selbst als linke, kritische Historiker verstehen, glauben, mein Buch nähre rechtslastige, apologetische Strömungen. Überrascht bin ich auch von beinahe verleumderischen Attacken gewisser Kollegen sowie von verfälschenden Rezensionen, die mancherorts erschienen sind.

Der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler hat Sie scharf angegriffen: Ihr Buch falle zurück auf die Linie des britischen Kriegspremiers David Lloyd George, der davon sprach, die Nationen seien in den Krieg «hineingeschlittert».
Wahrscheinlich hat Wehler mein Buch gar nicht gelesen. Er hat mich in der Besprechung eines anderen Werkes sozusagen im Vorbeifahren angepöbelt. Die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic wiederum hat die einseitige und verstellende Behauptung aufgestellt, ich stützte mich allein auf veraltete Literatur und gebe die Propaganda der Mittelmächte wieder. Das sind extreme Vorwürfe, die mit meinem Buch überhaupt nichts zu tun haben.

Warum ist die These von der Hauptschuld des Deutschen Reiches entstanden und warum hat sie sich bisher so hartnäckig gehalten?
Historiker wie Wehler und John Röhl glauben, wenn man an der Hauptschuld Deutschlands rüttle, dann rüttle man auch an der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg. Primär ging es also immer um die Nazizeit und um die Frage, wie weit man den Marsch in Richtung 1933 zurückverfolgen kann. Der Erste Weltkrieg war in den Augen der Historiker durch den Zweiten verschüttet, durch das unendlich grössere Trauma des Luftkriegs, des deutschen Massenmords an Juden, Russen und Zigeunern und die Vertreibungen der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Gewisse deutsche Rezensenten bauen Sie nun zum Antipoden Fritz Fischers auf, der Deutschland in seinem Buch «Griff nach der Weltmacht» 1961 die Hauptverantwortung zuschob und dafür von einigen seiner Landsleute heftig attackiert wurde.
Aber ich verstehe mich nicht als Antipode Fischers! Ich will auch nicht ­behaupten, dass ich ihn widerlegt hätte. Es gibt gewisse Behauptungen Fischers, die bereits seit Jahrzehnten hinterfragt werden, etwa diejenige, wonach die Deutschen den Krieg ­bereits 1912 geplant und schliesslich wissentlich vom Zaun gebrochen hätten. Aber es bleibt auch sehr viel von Fischer, vor allem sein Psychogramm der deutschen Eliten: Ihre Paranoia und ihren Bellizismus, auch ihre merkwürdige Mischung aus Arroganz und Furchtsamkeit, all das hat er ­treffend beschrieben. Fischers Werk bleibt ein beeindruckendes historisches Denkmal.

Warum urteilte Fischer in der Kriegsschuld-Frage so hart über seine Landsleute? Spielte der Geist der Nachkriegszeit dabei eine Rolle?
Tatsächlich wurde Fischer für die ­Methoden der Entscheidungsfindung der deutschen Eliten durch seine ­eigene Nähe zum Dritten Reich sensibilisiert. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er Propagandavorträge vor der Truppe gehalten. Nach dem Krieg empfand er aufrichtige Reue über seine Komplizenschaft. Fischer war ein guter Historiker, der sehr ­sauber mit den Quellen arbeitete und dadurch Grosses hervorbrachte. ­Darauf wollte ich aufbauen und seine Erkenntnisse in ein grösseres, europäisches Bild einbetten.

Wenn wir auf Europa am Vorabend des Krieges blicken, welche Mächte wollten dann beim Status quo bleiben und wer war daran interessiert, etwas zu ändern?
Grossbritannien war daran interessiert, dass sich möglichst wenig ändert: Man wollte die eigene Poleposition behalten. Frankreich hätte eigentlich eine Status-quo-Macht sein müssen, doch stand dem ent­gegen, dass man in Paris stets das ­Elsass und Lothringen im Hinterkopf hatte, die beiden Provinces perdues, die man unbedingt zurückgewinnen wollte. Russland hingegen war keine Status-quo-Macht: Es wollte Zugang zu den Meeresengen gewinnen und schürte Unruhen auf dem Balkan, wo es sich in einem Interessengegensatz mit Österreich-Ungarn und dem ­Osmanischen Reich befand. Österreich-Ungarn war selbstverständlich eine Status-quo-Macht. Bei den beiden Balkankriegen 1912 und 1913 hatte Wien mitansehen müssen, wie alle Sicherheitskonzepte vernichtet wurden, die Österreich für die Region entwickelt hatte.

Bleiben wir bei Österreich-Ungarn, das für viele Zeitgenossen bereits in den letzten Jahren seiner Existenz die Welt von gestern zu sein schien, als die es der Schriftsteller Stefan Zweig Jahre später bezeichnen sollte. War das Vielvölkerreich tatsächlich todgeweiht?
Bei den Ententemächten war dies eine weitverbreitete Behauptung. ­Bereits in der Vorkriegszeit sprach man Österreich-Ungarn mit diesem Argument jedes Recht auf die Wahrung seiner Interessen ab: Ein Staatswesen, das ohnehin nicht mehr lange Bestand habe, sollte auch nicht das Recht haben, seine Zukunft macht­politisch zu sichern. Tatsächlich hatte das Reich ernste Probleme: In den Parlamenten ging es chaotisch zu. Häufig wurden sie geschlossen und Entscheidungen stattdessen an den Volksvertretern vorbei auf dem Verwaltungsweg getroffen. Tödlich dysfunktional würde ich das Reich ­dennoch nicht nennen. Es gab ordentliche Strassen, ein Postsystem mit mehreren Lieferungen am Tag ­sowie ein funktionierendes Gerichts­wesen. Henry Wickham Steed, vor dem Krieg Korrespondent der Londoner Times in Wien, vertrat gar die ­Ansicht, das Reich erlebe eine Krise des Wachstums, in der die Völkerschaften darüber stritten, wie die Güter zu verteilen seien. 1912 und 1913 wuchs die Wirtschaft im Habsburgerreich in der Tat unglaublich stark. So gesehen war die Krise ein Zeichen der Stärke, nicht der Schwäche.

Das vielleicht grösste Problem des Habsburgerreiches bestand darin, dass sich seine slawischen Einwohner nach dem Ausgleich mit Ungarn, der 1867 zur Doppelmonarchie geführt hatte, gegenüber den Magyaren zurückgesetzt fühlten. Thronfolger Franz Ferdinand wollte dies durch die Einführung bundesstaatlicher Strukturen ändern. Hätte er das Reich retten können?
Das werden wir nie wissen, doch in der Analyse des Problems lag er ­sicher richtig. Die Art und Weise, wie die ­ungarische Reichshälfte durch die Magyaren geführt wurde, war eines der Grundprobleme des Reiches, vor allem in Regionen wie Siebenbürgen, der Backa und der Vojvodina, wo ­Rumänen, Serben und Kroaten zwar nicht legal aufgrund ihrer Nationa­li­tät entrechtet waren, durch das sehr strenge Zensuswahlrecht aber de ­facto von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen wurden. Nur die reichsten sechs Prozent durften überhaupt wählen, was dazu führte, dass im Budapester Parlament fast ausschliesslich Magyaren sassen.

Kommen wir zur Frage des Kriegs­ausbruchs: 1887, so schreiben Sie, sei ein grossflächiger Krieg noch unmöglich gewesen. Was geschah danach?
1887 befinden wir uns auf dem Höhepunkt des alten Bündnissystems des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck: Durch eine Vielzahl von Abkommen und Verträgen ist Deutschland mit anderen Mächten verbunden: Durch den Dreikaiserbund mit Russland und Österreich-­Ungarn, durch den Rückversicherungs­vertrag noch einmal mit Russland und durch den Dreibund mit dem Mittelmeerabkommen, das wiederum Grossbritannien, Italien und das Osmanische Reich miteinander verbindet. Damit war Frankreich isoliert und Deutschland vielfach abgesichert. Grossbritannien blieb aussen vor, so dass sich Berlin im Ernstfall nicht zwischen London und Paris hätte entscheiden müssen. Das alles ändert sich ab 1890: Das deutsch-russische Abkommen wird fallengelassen, worauf sich Paris und Petersburg annähern. 1905 wiederum kommt es durch die Schwächung ­Russlands nach der Niederlage im russisch-japanischen Krieg sowie durch die britische Annäherung an Frankreich zu einer neuen Konstellation: Nun stehen sich Grossbritannien, Frankreich und Russland auf der einen Seite und der Dreibund, also Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien, auf der anderen Seite gegenüber.

Ich erinnere mich, wie mir Bismarcks Bündnissystem im Geschichtsunterricht an einem deutschen Gymnasium nahegebracht wurde: Der Lehrer zeichnete eine Vielzahl von Linien an die Tafel, mir schwirrte der Kopf, aber ich verliess den Unterricht mit dem Eindruck, Bismarck sei ein strategisches Genie gewesen und der fatale Wendepunkt der europäischen Geschichte sei mit seiner Entlassung durch Kaiser Wilhelm II. im März 1890 gekommen. Wie nahe kommt dies der Realität?
Natürlich war Bismarck ein grosser Staatsmann: Er verstand den Wert des Friedens und wusste, dass die ­eigene Sicherheitsposition leidet, ­sobald man den Gesprächsfaden zu Russland reissen lässt. Dennoch war das Bismarcksche System bereits zu Bismarcks Zeiten schwer aufrechtzuerhalten: Es steckten zahlreiche innere Widersprüche in diesem System, deswegen war es auch so komplex. Wie brüchig es war, zeigte sich bereits in den bulgarischen Krisen der 1890er-Jahre, die das Verhältnis zwischen den europäischen Grossmächten empfindlich störten. Bismarcks Sohn Herbert, der das System seines Vaters besser kannte als die meisten, sagte, der Rückversicherungsvertrag sei kaum mehr wert als das Papier, auf dem er geschrieben stehe. In Wahrheit verschleiere das Abkommen die tatsächlichen Spannungen, vor allem, weil der Interessengegensatz, der zwischen Wien und Petersburg auf dem Balkan bestehe, einen dauerhaften Frieden praktisch unmöglich mache. Im Ernstfall, so glaubte Herbert von Bismarck, würde der Rückversicherungsvertrag die Russen den Deutschen vielleicht für acht Wochen vom Halse halten.

Ein Gegensatz, der bis heute häufig betont wird, ist der zwischen Bismarck und Wilhelm: Auf der einen Seite der weitsichtige Staatsmann, ihm gegenüber der Kaiser, dem es an der nötigen Reife fehlte, um sein Amt auszuüben. War Wilhelm ein Idiot?
Sicher nicht. Wilhelm hatte eine scharfe Intelligenz. Wenn er über die Weltläufe abstrakt räsonierte, konnte er zu sehr klugen Einsichten kommen. So sagte er zum Beispiel vollkommen richtig voraus, dass der ­Gegensatz zwischen Japan und den USA im 20. Jahrhundert eine grosse Rolle spielen werde. Im November 1916 bemerkte er bei einem Besuch in Wien, er verstehe nicht, warum sich so viele Nörgler und Pessimisten über den Verlauf des Krieges äusserten. Die Deutschen müssten doch nur warten: In Russland werde eine ­Revolution kommen, die Briten hätten kein Geld mehr und in Frankreich sei die Moral unglaublich niedrig. Das war keine unkluge Diagnose, nur hörte niemand auf ihn.

In Erinnerung geblieben ist Wilhelm weniger durch seine Hellsichtigkeit als durch unbedachte Sprüche.
In der Tat waren selbst seine gesündesten Einsichten eingebettet in einen Schwall zügelloser Äusserungen, stilistischer Entgleisungen und peinlicher Bekenntnisse. Der russische Aussenminister Sergej Sasonow berichtet beispielsweise von einem Gipfeltreffen im Juli 1912 in Baltischport, wo er das Pech hatte, beim Galadiner neben dem Kaiser zu sitzen. Wilhelm erzählte, seine Eltern hätten ihn nie geliebt. Ein solch intimes ­Bekenntnis aus dem Mund eines ­Höhergestellten war unerhört und für Sasonow natürlich mehr als peinlich. Derartige Situationen provozierte der Kaiser immer wieder und für Deutschlands Beziehungen mit dem Rest der Welt machte ihn dies zu einem ständigen Risiko.

In der populären Erinnerung gilt Wilhelm heute als oberster Kriegstreiber, als Herrscher, der den Weltkrieg gleichsam herbeischwadronierte. Zu Recht?
Er machte viel Lärm und war berüchtigt für seine rhetorischen Exzesse, doch wer ihn kannte, sah in ihm einen Mann des Friedens. Das war er tatsächlich: Er sprach zwar bellizistisch, doch wenn es kritisch wurde, hat er immer gebremst. Bei der Marokko-Krise 1905 gab er ganz klar zu erkennen, dass Deutschland wegen Nordafrika keinen Krieg führen würde. Ähnlich handelte er auch im Juli 1914, nachdem die serbische Antwortnote auf die Forderungen Wiens eingetroffen war: Mit Belgrads Antwort sei jeder Kriegsgrund hinfällig. Solches vergaben ihm die deutschen Militärs nie. Für sie war er ein Feigling, der immer klein beigab.

Dennoch: Als Lieblingskind des Kaisers galt die deutsche Flotte und dies machte England den Deutschen zum Feind.
Die deutsche Flottenpolitik war sicher verfehlt und abwegig, vor allem weil sie in kein diplomatisches Konzept eingebettet war. Das Argument, wonach sie jede Verständigung ­unmöglich machte, wird allerdings schon seit Jahren infrage gestellt: Zum Teil wurde die britische Angst vor der deutschen Marine auch von den britischen Flottenbehörden geschürt. Es gab in Grossbritannien einen Konflikt zwischen den Waffengattungen, in dem sich die Marine Gelder zulasten des Heeres sichern wollte. Zum anderen diente die Flotte den Deutschen als Faustpfand: London und Paris konnten ja deswegen zu so einem guten Einvernehmen kommen, weil sie als Kolonialmächte über potentielle Tauschobjekte verfügten. Sie konnten zum Beispiel ­sagen: «Ihr bekommt Marokko, wir dafür Ägypten.» Als das kleinste der Grossmacht-Empires waren die Deutschen für derartige Tauschgeschäfte schlecht gerüstet, denn trotz ihrer grossmäuligen Weltpolitik hatten sie fast nichts anzubieten. Die Flotte bot hier einen Ersatz. So gesehen schloss das Wachstum der deutschen Marine die Kanäle für Gespräche nicht, sondern hielt sie sogar eher offen.

Sie sprechen auch von einer «Krise der Männlichkeit», die den Weg in den Krieg geebnet habe. Elastizität und Eleganz früherer Generationen habe den Entscheidungsträgern von 1914 gefehlt. Ist das Maulheldentum des Kaisers auch ein Versuch, dies zu kompensieren?
Es wäre jedenfalls eine plausible ­Erklärung: Um seiner Rolle gerecht zu werden, muss Wilhelm stark auf­treten und seine Macht betonen. Es ist wie ein Reflex, dass er ständig sagt: Ich dulde dies nicht, ich dulde das nicht, ich stehe in der Tradition Friedrichs des Grossen. Wilhelms Bramarbasieren steht mit dieser Vorstellung von Männlichkeit in Einklang.

Warum kommt diese Krise gerade jetzt?
Darüber gibt es mehrere Theorien: Vermutlich kommt die Art von Männlichkeit, wie sie von den europäischen Eliten gepflegt wird, von mehreren Seiten unter Druck: Zum einen treten schwarze Sportler auf den Plan, ein Mythos afrikanischer Männlichkeit entsteht. Zum anderen beginnt das europäische Proletariat, einen aus­geprägten Körperkult zu pflegen, was sich in der zunehmenden Popularität des Fussballs, des Boxsports und der Entstehung von Arbeiterturnvereinen äussert. Die Elite reagiert darauf mit zunehmend hypertrophen Formen der Männlichkeit. Phrasen wie «Man muss hart bleiben» oder «Steh deinen Mann» werden zu geläufigen Redewendungen.

Die Vorliebe fürs Zurschaustellen der eigenen Härte erstreckte sich auch auf Künstler und Intellektuelle erstreckt: Der Krieg veredle den Menschen, schrieb Thomas Mann, während Sigmund Freud nach der Kriegserklärung an Serbien erklärte, seine ganze Libido gehöre von nun an Österreich-Ungarn.
Wobei man sich hier die Frage stellen muss, warum Österreich den Krieg nicht gewonnen hat, wenn es die ­Libido Freuds mit sich hatte. Mit dieser fürchterlichen Waffe hätte man doch auf dem Balkan und in Galizien triumphieren müssen. Aber vielleicht haben sie die Freudsche Libido ja in die falsche Richtung gelenkt und der Schuss ging nach hinten los.

Aber warum diese Kriegsbegeisterung unter Dichtern und Denkern?
Vielleicht war der Frieden manchen einfach zu langweilig. Wenn man sich etwa die Kunstbewegung des Futurismus anschaut, ist da auch eine gewisse Lust an Gewalt und Zerstörung vorhanden. Es schien so, als würde die Kunst den Krieg vorwegnehmen. Vor allem aber unterschätzte man die Schrecken des Krieges.

Vier Reiche brachte der Krieg zu Fall: Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland und das Osmanische Reich. Der Publizist Sebastian Haffner hat 1987 die These aufgestellt, Deutschland sei ­dennoch der eigentliche Sieger, denn mit Russland und Österreich seien auf dem Kontinent zwei konkurrierende Mächte weggefallen.
Es spricht einiges für diese These. Russland tritt von der Weltbühne ab, wenn auch nur für kurze Zeit und in Mitteleuropa entsteht eine Vielzahl von Kleinstaaten, die Deutschland kaum gefährlich werden können. Der eigentliche Sieger sind dennoch die USA. Fast über Nacht übernimmt Amerika von Europa die finanzielle Hegemonie. Gut ist das nicht, denn wir haben es mit einem Hegemon zu tun, der nicht darauf vorbereitet ist, seine Rolle auszufüllen. Isolationis­tische Tendenzen in der amerikanischen Politik sind die Folge; vor allem aber besteht in Washington ein Desinteresse an systemschützenden Funktionen, das unter anderem den grossen Finanzcrash von 1929 erklärt.

Ein wenig ähnlich wie Haffner argumentiert Ihr Kollege Niall Ferguson: Dass die Briten Krieg gegen Deutschland führten, sei dumm gewesen, denn heute führe Deutschland den Kontinent ohnehin. Ist ein deutscher Nationalstaat einfach zu gross für Europa?
Ich habe eine gewisse Sympathie für Ihr Argument. Deswegen plädiere ich für eine Weiterführung des europäischen Gedankens. Nur durch eine stringent-föderale Ordnung kann Deutschlands Übergewicht in Europa entschärft werden. In Amerika fürchten sich die Bürger von Maine, Vermont oder Rhode Island nicht davor, dass sie von Kalifornien tyrannisiert werden könnten, weil sie in einem funktionierenden Bundesstaat mit transparenten Entscheidungsprozessen leben.

Sie haben einmal gesagt, die Geschichte biete uns keine kompakten Ratschläge an, aus denen wir für die Gegenwart ­lernen könnten. Heisst das, dass die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg trotz allen öffentlichen Streits um ihre Thesen eine rein akademischen Ange­legenheit bleibt?
Lehren im eigentlichen Sinne bietet uns die Geschichte in der Tat nicht an, wohl aber orakelhafte Erzählungen, die uns Rätsel aufgeben. Das heisst aber nicht, dass wir nichts aus der ­Geschichte lernen könnten. Woraus sollten wir sonst Erkenntnisse ziehen? Andere Quellen haben wir nicht, denn gegenüber der Zukunft sind wir blind und werden es wohl auch immer bleiben. Was uns die ­Ereignisse vom Sommer 1914 lehren, ist, wie schnell alles schlimmer werden kann, wenn Kanäle der Kommunikation nicht mehr offen sind, wenn das Gespräch versiegt und ein Kompromiss unmöglich wird. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 27.06.2014, 09:22 Uhr)

Christopher Clark: «Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog». ­Deutsche Verlags-Anstalt, ­München 2013. 896 Seiten. Fr. 53.90.

Christopher Clark

Als hätte es nie einen Weltkrieg ­gegeben, präsentiert sich Cambridge, die alte englische Universitätsstadt, dem Besucher: Majestätisch steht die berühmte Kapelle des King’s College da, ehrwürdig die Fakultätsgebäude, der englische Rasen in den Innenhöfen millimetergenau gestutzt. In den Clubräumen von St. Catharine’s ­College empfängt mich Christopher Clark (54). Seit 2006 Professor an der Elitehochschule, gilt der Australier ­mittlerweile als führender Spezialist für deutsche Geschichte: Für sein grosses Werk über Preussen («Preussen. ­Aufstieg und Niedergang 1600–1947») erhielt er 2010 den Deutschen Historikerpreis, eine Auszeichnung, die Geschichtswissenschaftler für gewöhnlich erst im Herbst ihrer ­Karriere ereilt. Clark, der mit einer Deutschen verheiratet ist und fliessend Deutsch spricht, ist dieser Tage ein gefragter Mann: Sein Buch «Die Schlafwandler», in dem er den Weg Europas in den Ersten Weltkrieg beschreibt, gibt 100 Jahre nach ­Ausbruch des Konflikts zu reden – vor allem weil Clark, anders als zahlreiche Autoren vor ihm, nicht von einer Hauptschuld des Deutschen Reiches ausgeht. Wie viele deutschsprachige Journalisten er vor mir bereits empfangen habe, frage ich ihn. «Ich habe auf­gehört, zu zählen», antwortet Clark und zerstreut im selben Atemzug meine Befürchtung, er könnte mittlerweile alles zum Ersten Weltkrieg gesagt haben: Bis jetzt sei ihm noch bei jedem Interview etwas Neues eingefallen.

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