Auf dem Erdboden angelangt

Die vierte Internationale Architekturbiennale in Rotterdam zeigt den aktuellen Stand der Städtebauforschung.

Eine Stadt, zwei Welten: Sao Paolo.

Eine Stadt, zwei Welten: Sao Paolo.
Bild: PD

Die ganze Welt wird Stadt: Der Stadt-Igel.

Die ganze Welt wird Stadt: Der Stadt-Igel.

Auf den ersten Blick haben Türsteher, blaue Zonen, Rauchverbote und Sackgassen nichts gemeinsam, schon gar nicht mit Städtebau. Für das New Yorker Planungsbüro Interboro gehören sie jedoch zum «Arsenal der Aus- und Eingrenzung», das sie an der 4. Internationalen Architekturbiennale in Rotterdam präsentieren. Der Grad der Offenheit einer Stadt wird demnach nicht allein von Gebäuden welcher Art auch immer bestimmt, sondern ebenso von scheinbar unsichtbaren Strukturen, die sich ganz selbstverständlich im städtischen Gefüge einnisten. Der Türsteher reguliert die Kundschaft des Klubs, die blaue Zone erlaubt nur Anwohnern das Parkieren, Rauchverbote ziehen scharfe Grenzen zwischen innen und aussen, und Sackgassen unterbrechen das Strassenraster zugunsten einer exklusiven Wohnlage. 101 solcher «Waffen» führt Interboro auf und demonstriert damit, wie vielfältig Städtebauforschung heute geworden ist.

Denn um Städtebau geht es in erster Linie an der Rotterdamer Biennale. Sie setzt sich damit klar gegen ihre ungleich grössere und etabliertere Schwester in Venedig ab, an der die zeitgenössische Architektur im Vordergrund steht. Städtebauliche Fragestellungen sind in den letzten Jahren vermehrt auf die Agenda der Universitäten und Architekturbüros gerückt; sei es, weil die Hochschulen wegen der Bologna-Reform ausdrücklich zur Forschung aufgefordert sind, sei es, weil einige Architekten mangels Bauaufgaben zunehmendes Interesse daran zeigen. Ein dritter Grund dürfte die wachsende Erkenntnis sein, dass sich in den Städten das Schicksal der Zivilisationen entscheidet, denn dort sind Einkommen und Wertschöpfung auf engstem Raum konzentriert. Die Hälfte der Menschheit lebt bereits heute in Städten und Agglomerationen, Mitte des 21. Jahrhunderts werden es voraussichtlich zwei Drittel sein.

Der Stadt-Igel

Die vierte Ausgabe der Biennale in Rotterdam vereint unter dem Dach des Niederländischen Architekturinstituts (NAi) sechs Ausstellungen, die sich dem weit gefassten Titel «Open City – Designing Coexistence» auf komplett unterschiedliche Art annähern. Als Kurator der Gesamtschau konnte der holländische Architekt Kees Christiaanse gewonnen werden, der in Zürich kein Unbekannter ist. Seit 2003 ist Christiaanse Professor am Institut für Städtebau an der ETH Zürich, ausserdem ist er für zwei wichtige Masterpläne verantwortlich: die Weiterentwicklung der ETH Hönggerberg zum Campus Science City und das neue Stadtquartier am Hauptbahnhof, «Europaallee» genannt.

Christiaanse und sein Kuratorenteam an der ETH bestimmten die Themen, wählten die Teilnehmer der einzelnen Ausstellungen aus und beschränkten sich auf eine locker-verspielte, leicht zugängliche Einführungsschau im Foyer des NAi. Der Kurator hat sich dort gleich einen unaufgeräumten Arbeitsplatz eingerichtet, über ihm hängt ein schweres Stadtmodell, vor ihm steht fast schon drohend der «Stadt-Igel», eine drei Meter hohe, total verstädterte Weltkugel aus Holz.

Manche Ausstellungsteile widersprechen sich

Im Gegensatz dazu sind dann die Ausstellungen in den oberen Geschossen des NAi etwas schwerer verdaulich. Die Menge an Text, die den Besucherinnen und Besuchern zugemutet wird, erreicht mittlerweile ein nicht mehr zu bewältigendes Ausmass, obwohl auch die grafischen Mittel des Planes und des Diagrammes ausgeschöpft werden. Nichtsdestotrotz sind die Ausstellungen übersichtlich gegliedert, und die Fokussierung auf sechs in sich abgeschlossene Themen tut der Biennale als Ganzes gut.

Dabei kann es durchaus vorkommen, dass sich zwei Ausstellungsteile in ihrer Stossrichtung widersprechen. So befassen sich die Sub-Kuratoren von «Squat» mit punktuellen, intelligenten Massnahmen zur Verbesserung der Situation in einer riesigen Favela mitten in São Paulo. Während hier also die Favela als eine sich selbst regulierende, lebendige Nachbarschaft akzeptiert wird, plädiert gleich nebenan die Ausstellung «Collective» für eine Neuinterpretation des Massenwohnungsbaus, wie er in der früheren Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten praktiziert wurde.

Ebenfalls quer in der Landschaft der vorgefassten Meinungen liegt Interboros eingangs erwähnte Präsentation «Community». Ausgerechnet in den USA, wo sich lauter hoch differenzierte Siedlungen mit Gleichgesinnten jeglicher Couleur gebildet haben, lokalisieren die Kuratoren erstaunliche Potenziale an Gemeinschaftssinn. Anstatt in den Chor der Kulturpessimisten einzustimmen, die dieses «Sorting-Out» als schädlich für die Gesellschaft anprangern, geht Interboro in die Offensive und zeigt eine Auswahl von gut funktionierenden Gemeinschaften mit äusserst homogener Bewohnerstruktur. Ein weiterer Ausstellungsteil im NAi befasst sich mit dem grossen Themenkomplex der Migration und findet pikante Parallelen zwischen palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon und sogenannten «Gated Communities» in der Boomstadt Dubai.

Reifer und stärker

So kompakt die Ausstellung im NAi daherkommt, auf einen Aussenposten konnte die Biennale auch dieses Jahr nicht verzichten, und der Ausflug mit dem Shuttle-Boot auf dem Rhein zur ehemaligen RDM-Werft lohnt sich. Das Areal wandelt sich gerade zu einem neuen Kreativzentrum im Rotterdamer Hafen mit der Academie van Bouwkunst als Inkubator. Ralf Pasel, Architekt und Dozent an der Academie, fasst in einer immensen ausrangierten Werkshalle 45 Forschungsarbeiten aus 28 Universitäten in einem kuratorischen Kraftakt zusammen. Insgesamt wirkt die diesjährige Biennale in Rotterdam reifer und stärker auf die Praxis bezogen als ihre Vorgängerinnen. Die zahlreichen konkreten Projekte zeigen, dass die Städtebauforschung das Stadium der Analyse verlassen hat und nach einem Ausflug in die bunte Welt der faszinierenden Satellitenbilder langsam wieder auf dem Erdboden ankommt. Für die Zukunft der Städte ist das nur von Vorteil.

Bis 10. Januar 2010; www.iabr.nl

Eine Stadt, zwei Welten: Blick aus der Favela Paraisópolis in São Paulo auf die Hochhäuser eines benachbarten Quartiers. Foto: PD

Die ganze Welt wird Stadt: Der drei Meter hohe «Stadt-Igel». Foto: PD

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2009, 04:00 Uhr

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