Kultur

«Kuriositäten sozialistischer Baukunst»

Interview: Anatol Heib. Aktualisiert am 24.05.2011 7 Kommentare

Ein Gespräch mit Philipp Meuser, der einen Architekturführer über Nordkoreas Hauptstadt Pyongyang veröffentlicht hat.

1/14 Der Schülerpalast Mangyongdae (eröffnet 1989) bildet den städtebaulichen Abschluss der Kwangbok-Strasse.
Bild: Dom Publishers/Philipp Meuser

   

Zur Person: Philipp Meuser ist freischaffender Architekt in Berlin und Inhaber des Verlags Dom Publishers. Seit 2004 internationale Planungs- und Bauprojekte mit Schwerpunkt Osteuropa und Asien. Er hat zahlreiche Botschaftsprojekte ralisiert, u. a. für die Schweizer Botschaft. Meuser hält regelmässig Vorträge im In- und Ausland und hat zahlreiche Publikationen mit Schwerpunkten Health Care Design (Krankenhäuser, Apotheken, Arztpraxen) und Architekturgeschichte der Sowjetunion veröffentlicht.

Nordkoreas Hauptstadt

Pyongyang ist das Machtzentrum und Vorzeigestadt Nordkoreas. Hier wohnen zirka 3,8 Millionen Menschen. Pyongyang gilt als die älteste Stadt der Koreanischen Halbinsel. Während Japans Kolonialzeit von 1910–1945 entwickelte sich Pyongyang zu einem Industriezentrum.

Im Koreakrieg (1950-1953) wurde sie zerstört. Nach dem Wiederaufbau nach sozialistischem Vorbild ist das Erscheinungsbild der Stadt geprägt von breiten Boulevards, überdimensionierten Bauten und grossen Wohnhäusern.

Buch

Philipp Meuser. Architekturführer Pyongyang. 2 Bände im Schuber. Erschienen im Verlag Dom Publishers.

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Wie kommt man auf die Idee, einen Architekturführer von Pyongyang zu erstellen?
Ich habe mich schon immer für Orte interessiert, die als schwer zugänglich gelten und nicht gerade im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Pyongyang wird zwar immer wieder in der Berichterstattung über Nordkorea genannt, trotzdem erfährt man kaum etwas über die Stadt. Besonders nicht über die Architektur.

Waren Sie selber in Nordkorea?
Ja, fünfmal. Drei Reisen unternahm ich nur für den Architekturführer. Ich informierte die Behörden über mein Architekturprojekt und war überrascht, dass ich grünes Licht bekam.

Wie gestaltete sich Ihre Arbeit in der Stadt?
Beim Fotografieren konnte ich mich wie bei allen anderen Reisen in Nordkorea nicht frei bewegen. Ich hatte ständig einen Begleiter an meiner Seite. Es wurde mir auch vorgegeben, was ich fotografieren konnte.

Was war das Schwierigste bei der Arbeit?
Dass die Vertragspartner in Nordkorea ihr Gesicht wahren können. Deshalb habe ich mit dem dortigen Verlag einen Vertrag abgeschlossen. Vor der Publikation musste ich alles vorlegen. Einige Bilder wurden wieder entfernt, Bildunterschriften abgeändert.

Zum Beispiel?
So stand beispielsweise unter einem Foto, dass Kim Il-sung aus sowjetischem Exil zurückgekehrt sei. Die Nordkoreaner wollten aber, dass wir von einer «triumphalen Rückkehr» schreiben. Trotzdem nahm ich mir ein Stück Freiheit heraus. So enthält der erste Band – wie vertraglich vereinbart – wirklich nur autorisiertes Material. Der zweite hingegen, von dem ich in Nordkorea auch nie gesprochen habe und der auch nicht Bestandteil des Abkommens war, kommentiert die Arbeit und zeigt nicht freigegebene Bilder.

Was wollen Sie mit dem Architekturführer erreichen?
Es geht mir auf keinen Fall um eine Glorifizierung des Regimes. Der Architekturführer soll irritieren und wie bei anderen Büchern dieses Genres den Eindruck vermitteln, dass man einfach mit dem Buch dorthin reisen und die Orte besuchen kann. Ich wollte die Stadt aus architektonischer Sicht auf den Punkt bringen und habe mich bemüht, alles so objektiv wie möglich darzustellen. Deshalb ordnet beispielsweise auch ein Kollege aus Südkorea die Bauwerke ein.

Auf den meisten Bildern sind keine Menschen zu sehen.
Es gibt zwar einige Bildern mit Menschen, aber an den meisten Orten, wo sich viele Personen aufhielten, wurde ich ermahnt, nicht zu fotografieren. Es kommt aber hinzu, dass gerade die breiten Strassen wirklich so leer sind, Verkehrsstaus gibts da keine. Privatfahrzeuge haben vielleicht zwei Prozent der Stadtbewohner, alle anderen gehen zu Fuss oder mit Strassenbahn und Bus zur Arbeit.

Wie bewerten Sie Pyongyang als Architekt?
Sie widerspiegelt das politische System, welches darauf basiert, dass Grund und Boden keine Ware ist. Es gibt keine Parzellen in privatem Eigentum.

Das bedeutet?
Der Staat ist der einzige Bauherr und kann überall zugreifen. So kann er genau bestimmen, was er wo inszenieren will. Einerseits ist Pyongyang aufgrund der ungewöhnlichen Objekte ein Kuriositätenkabinett. Auf der andern Seite ist es eine mustergültige Stadt nach sozialistischem Vorbild, die mit einer Konsequenz gebaut wurde: Sie ist auf reine Funktionalität ausgerichtet und verfügt über vielgeschossige Wohnbauten und gewaltige Kulturbauten wie Oper, Theater oder Denkmäler im Zentrum. Die Stadt könnte nach einem Lehrbuch der Architekten Le Corbusier oder Ludwig Hilberseimer entworfen worden sein. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich die Architekten bei Pyongyang viele Gedanken gemacht haben: Gebäude sind durchgestaltet und vereinen Städtebau, Architektur und Kunst. Das hat auch schöne Seiten.

An welchen Vorbildern hat man sich beim Städtebau in Pyongyang orientiert?
Es ist offensichtlich, dass die städtebaulichen Ideen der sozialistischen Nachkriegsmoderne entspringen: breite Boulevards, überdimensionierte Plätze, monotoner Wohnungsbau und ikonografische Gesellschaftsbauten. Pyongyang ist wie bereits erwähnt ein Kuriositätenkabinett der sozialistischen Baukunst.

Was hat Sie bei der Erkundung der Stadt am meisten überrascht?
Mein wechselhaftes Empfinden. Anfangs war ich sehr fasziniert von den gewaltigen Räumen und der Architektur. Aber mit der Zeit überkam mich regelmässig ein Gefühl der Ohnmacht. Es hatte etwas Bedrückendes, denn eine derartig monumentale Stadt ist nur in diktatorisch organisierten Staaten möglich. Ich war jedes Mal erleichtert, wenn ich die Stadt wieder verlassen konnte.

Wie sieht Pyongyang fernab der Prunkbauten aus?
Neben den Hauptstrassen offenbart sich die Armut der Bevölkerung. Gehwege etwa sind nicht befestigt wie im Zentrum der Stadt. Die Wohngebäude in der zweiten Reihe haben seit Jahren keine Farbe mehr gesehen. Dieses Phänomen beobachtet man aber nicht nur in Nordkorea...

Haben Sie nach der Veröffentlichung Reaktionen aus Nordkorea erhalten?
Die erste und bislang einzige Reaktion aus Nordkorea kam vom deutschen Botschafter in Pyongyang. Er äusserte sich beeindruckt von den beiden Bänden. Der nordkoreanische Botschafter in Berlin lobte dagegen die Druckqualität der Fotos – ein wahrlich unpolitisches Statement. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.05.2011, 10:11 Uhr

7

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

7 Kommentare

Peter Müller

24.05.2011, 10:46 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Bild 3 sieht so aus als hätten die Nordkoreaner ein paar Roche Türme vergraben und es würde nur die Spitze dieses aus dem Boden ragen. Da sieht man mal wo Herzog und de Meuron sich inspirieren lassen... Antworten


Yannick Hagman

24.05.2011, 17:07 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Also ich vermute langsam, der geliebte Führer hat längst eine 0.1 Kind-Politik durchgesetzt und diese Juche-Gebäude sind blosse Attrappen, wie sonst wäre es denn zu erklären, dass diese Aufnahmen alle immer so ausgestorben aussehen? Antworten




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.