Kultur
Sie war da – und blieb doch unerreichbar weit weg
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 01.09.2008
Immerhin wird ein Konzert gegeben und nicht bloss eine Aerobic-Lektion: Madonna in Dübendorf.
Und dann sitzt sie einem plötzlich gegenüber, lässig in einen Stuhl gefläzt, die Beine provokativ breit gespreizt: Madonna halt, wie man sie seit 25 Jahren kennt. Nur macht die Pose aus der Distanz keinen Eindruck, und die Distanz ist enorm. Das lässt sich wohl nicht vermeiden, wenn über siebzigtausend Menschen sie auf einmal sehen wollen.
Ausgerechnet jetzt, da Madonna zum ersten Mal für uns spielt, wirkt sie unerreichbar weit weg. Selbst auf den Videoschirmen ist sie nur als zuckende Spielzeugfigur zu erkennen. Das einzige überdeutlich Sichtbare ist ihre Initiale, ein riesiges «M», das links und rechts der Bühne drohend in die Höhe ragt («M» nennen sie übrigens auch ihre Angestellten). Die turmhohe Majuskel und daneben die winzige Chefin, um die sich alle drehen – besser liesse sich die Fallhöhe zwischen Mythos und Realität nicht vermessen.
Das MTV-Problem
So bleibt als erster Eindruck von diesem grössten aller Schweizer Konzerte mit der erfolgreichsten Frau des Showgeschäfts und den unablässig um sie herum verkündeten Superlativen eine ebenso grosse Enttäuschung. Madonna brilliert als Selbstdarstellerin, die virtuos mit Rollen, Stilen, Botschaften und Emblemen spielt und dabei die Tanzfläche ebenso befeuert wie die Hörsäle. Aber ihre Bühne bleibt das Fernsehstudio, und ihr Publikum sieht sie fast nur durch die Kamera.
Selbst ihre Konzerte sind von Anfang an auf die filmische Zweitverwertung angelegt, das Ereignis wird nachträglich am Schneidetisch montiert. Madonna wurde gross mit dem Musiksender MTV, das merkt man ihr an, wenn sie auf einer Bühne steht. Als die Rolling Stones vor zwei Jahren hier auftraten, vermochten sie die Distanz zu überbrücken, trotz Hunderten von Metern Luftlinie, weil sie seit bald fünfzig Jahren auf der Bühne stehen und wissen, wie man ein grosses Publikum bespielt. Madonna hat das nie gelernt.
Deshalb lässt diese Enttäuschung bis zum Schluss auch nicht nach; die Distanz zu ihr lässt sich nicht überwinden. Da helfen keine Videoprojektionen und keine Laserstrahlen, da hilft auch ihr «Hello Zürich » und «Do you wanna dance?» nicht, und erst recht nicht die Choreografie, die Madonna mit ihren Tänzern auf der Bühne veranstaltet. Das Herumturnen mag im Videoclip und auf der DVD schön anzusehen sein, auf dem riesigen Gelände von Dübendorf sieht man nur ein entferntes Zappeln. Man hatte sich auf kalte Pracht gefasst gemacht, ein gleissendes Spektakel, das man zwar bewundern, an dem man aber nicht teilhaben würde. In Dübendorf passiert das Umgekehrte: Zu sehen gibt es praktisch nichts, weil man es nicht erkennt, aber das Publikum freut sich trotzdem und feiert sich und den Star mit Begeisterung. «So far away», singt Madonna einmal, im Stück «Miles Away», das die Distanz zu ihrem Geliebten beklagt. Die Menge klatscht im Takt.
Mehr als eine Aerobic-Lektion
Immerhin wird ein Konzert gegeben und nicht bloss eine Aerobic-Lektion. Zwar sieht man die Begleitband der Sängerin kaum, weil die meisten Musiker am Bühnenrand hingestellt wurden und dort an ihren Geräten drehen. Auch muss offen bleiben, was an diesem Auftritt live aufgeführt wird und was ab Band kommt (inklusive ihrer Stimme). Dennoch lässt sich sagen, dass zwar ihre Show versagt hat, sie aber grossartige Tanzmusik vorträgt. Präziser: Der Auftakt wirkt stark, und das Finish sehr stark; dazwischen sackt die Erregungskurve ab. Das hat paradoxerweise mit Madonnas künstlerischer Konsequenz zu tun. Anders als die meisten Kollegen (allen voran die Stones) besteht Madonna darauf, ihre Tourneen mit den Stücken der jeweils neuen Platte zu bestücken. Leider erreicht «Hard Candy» nur in Ansätzen das Niveau ihrer Meisterwerke der letzten Jahre, von denen sie dafür nur je einen Song zitiert. Auf dem letzten Album funktionieren nur vier Lieder wirklich gut, und es fällt auf, dass sie zwei davon zuerst spielt und die beiden anderen gegen Ende. Dazwischen hängt das Konzert durch, weil das neue Material zu wenig trägt. Dann werden auch die gesanglichen Schwächen offensichtlich, die leicht gepresste, wenig modulationsfähige Stimme.
Und doch: Vieles klingt grossartig. Statt zum Beispiel ihre neuen Lieder wie die al- ten klingen zu lassen, macht sie das Umgekehrte und führt Songs wie «Vogue», «Get Into The Groove» oder «Like A Prayer» in modernen, härteren Versionen wie neu auf, beschleunigt ihren Puls.
Als Leitmotiv von Madonnas neuer Tournee fungiert die Hast, die schon ihren Vater antrieb in den Chrysler-Werken von Detroit – im Konzert zu hören als das metallische Ticken eines Weckers, der klingt wie ein Zeitzünder. Madonna reist dauernd herum, ihr Terminkalender ist voll, ihre Geduld bleibt begrenzt, schnell droht Langeweile. Diese Ruhelosigkeit dominiert auch «4 Minutes», die erste Single ihres neuen Albums, die sie gegen Ende in einer scharf gespielten Version brillant darbietet. Obwohl die Zeile «We only got four minutes to save the world» etwas Grossmäuliges, geradezu Imperialistisches hat, klingt der Song aufregend und lasziv.
Als Kontrast gibt sie wenig später «Hung Up» aus dem vorletzten Album, das vom Gegenteil erzählt, nämlich der quälend verlangsamten Zeit des Wartenden: «Time goes by so slowly for those who wait.» Auch dieses Stück hat sie radikal umarrangieren lassen, dunkel pochen die Bässe aus den Boxen, die Sehnsucht des Originals wirkt verzweifelt und reisst einen doch mit.
Hitler, McCain, Obama
Dass uns die Zeit ausgeht, will Madonna gleichermassen politisch wie ökologisch verstanden haben. Das sieht dann so aus, dass sie auf ihren Videoschirmen erst Hitler, Mugabe, McCain und andere vorzeigt, die ihr offensichtlich nicht gefallen, gefolgt von Gandhi, Bill Gates, Martin Luther King und natürlich Barack Obama. Dazwischen werden ökologische Katastrophen abgefertigt und ein Transparent vorgezeigt, das zum Energiesparen aufruft. Die politische Provokation ist auf die Entrüstung hin kalkuliert und trotzdem indiskutabel: Was den proklamierten Umweltschutz angeht, verbrennt Madonna an diesem Abend den Strombedarf einer mittleren Stadt und fliegt nach dem Konzert im Privatjet nach London zurück. Aber sie war schon immer ein Medium, das sich nicht an seine Botschaften hält.
Zum Schluss spielt sie ihre neue Single «Give it 2 Me» mit den hinreissenden Zeilen «If it’s against the law, arrest me / If you can handle it, undress me». Das pulsierende, zuckende, pochende Stück klingt so gut wie alles, was sie in ihrer 25-jährigen Karriere gemacht hat. Und Madonna steht am Bühnenrand und singt, dass wir es ihr geben sollen, und die 74 000 geben es ihr, delirierend vereint mit der Unnahbaren. Das Stück klingt aus, die Musik kommt zum Stillstand.
Madonna grüsst und ist weg, Game over. Zurück bleibt das kalte, grosse M. Weithin sichtbar. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.09.2008, 14:56 Uhr







