Kultur

Das 27'000-Teile-Puzzle

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 03.02.2011

Die Wiederkehr der Götter vom Tell Halaf: Im Berliner Pergamon-Museum ist das glückliche Ende einer abenteuerlichen Ausgräber- und Rekonstruktionsgeschichte zu bewundern.

Rekonstruktion grosser Abenteuer: Die «Sortierhalle» in Berlin im Juni 2003.

Rekonstruktion grosser Abenteuer: Die «Sortierhalle» in Berlin im Juni 2003.
Bild: Stefan Geismeier (Staatliche Museen zu Berlin)

Max von Oppenheim 1930 mit seiner «aramäischen Venus». (Bild: Von-Oppenheim-Stiftung)

Ein Puzzle verlangt Geduld und ein gutes Auge; meist schafft man es in ein paar konzentrierten Stunden. Rund acht Jahre brauchten die Spezialisten des Vorderasiatischen Museums in Berlin, um das bis heute wohl grösste und schwierigste Wissenschaftspuzzle zu lösen: die Rekonstruktion der monumentalen Statuen vom Tell Halaf. 3000 Jahre sind sie alt, ausgegraben hat sie Max von Oppenheim (1860–1946), Bankierssohn, Diplomat, Hobbyarchäologe. Er hatte für sie 1930 ein Privatmuseum in einer alten Eisengiesserei in Berlin-Charlottenburg eingerichtet, das 1943 von Brandbomben getroffen wurde. Auf 900 Grad erhitzten sich die Basaltskulpturen; als sie das Löschwasser traf, zersprangen sie in Einzelteile – 27'000 Brocken, kiloschwer oder auch nur fingernagelgross. Sie wurden in Kisten gepackt, in Kellerräume gebracht und mehr oder weniger vergessen. Die Sammlung galt als unwiederbringlich verloren.

Dann kam die deutsche Wiedervereinigung. Die Ostberliner Museumsinsel wurde Haus für Haus saniert. Und 2001 begann mit Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Bankhauses Sal. Oppenheim der Versuch, die gigantische Brockensammlung zu rekonstruieren. Das Ergebnis ist jetzt in einer Sonderausstellung im Pergamon-Museum zu sehen. Es ist überwältigend.

Lächelnde Fabelwesen

Die Ausstellung erzählt drei Geschichten. Die älteste spielt um 1000 vor Christus. Damals wurde im heutigen Nordsyrien das Assyrerreich durch einen «asymmetrischen Krieg» von Aramäerstämmen derart zermürbt, dass es sich aus der Region zurückzog. Im Vakuum entstanden kleinere Fürstentümer, darunter das von Guzana (im Alten Testament: Gosan) am Horab-Fluss. Der Herrscher Kapara errichtete einen Palast, vor dessen Prachtfassade er Löwen und Fabeltiere postierte; sie trugen monumentale Götterfiguren und sollten Eindringlinge und böse Geister abschrecken.

Auch der heutige aufgeklärte Besucher kann sich eines leisen Schauders nicht erwehren beim Blick in die leeren Augenhöhlen des monumentalen Greifen und anderer Fabeltiere. Wie so oft bei archaischen Skulpturen versucht man, ihren Gesichtsausdruck zu deuten, ohne Erfolg: Lächelt dieser Mund, grollt jener über drei Jahrtausende hinweg?

Der Traum von «1001 Nacht»

Man belässt es beim Schauder und behilft sich mit Information, die die Ausstellung und der Katalog reichlich bieten. Der übermannsgrosse Skorpionvogelmann etwa – der Schwanz mit der tödlichen Stachelspitze ist genau zu erkennen – kommt auch im «Gilgamesch»-Epos vor. Das kleinere Paar in Trauer stand in einem Kultraum mit Grabbeigaben: Einen umfangreichen Totenkult pflegten die Aramäer vom Tell Halaf also auch. Ihre Selbstverwaltung hielt nur 150 Jahre an, dann kamen die Assyrer zurück, machten das Fürstentum tributpflichtig und brannten nach einem Aufstand den Palast nieder.

Die zweite Geschichte ist die spannendste: die eines Jungen, der nicht in die Familienbank eintreten wollte, sondern – nach Lektüre von «1001 Nacht» – nur ein Ziel hatte: Forschungsreisender im Orient zu werden. Er ging ans deutsche Konsulat nach Kairo, lernte die Sprache, mietete ein Haus in der Altstadt, eine schwarze Köchin und einen einheimischen Diener und drang, anders als seine Kollegen, tief in die arabische Kultur ein. Auch eine «Zeitfrau» legte er sich zu und hielt sie, wie er stolz in seinen Erinnerungen festhält, 13 Jahre vor der Öffentlichkeit verborgen.

Genau dokumentiert und fotografiert

1899 startete er eine grosse Expedition in Gebiete des damaligen Osmanischen Reichs, die noch kaum ein Europäer betreten hatte. In Nordsyrien hörte er von seltsamen Steinfiguren, die Beduinen entdeckt, aber aus Angst und Aberglauben sofort wieder zugeschüttet hätten. Oppenheim sah sich den Ort an, einen unscheinbaren Hügel (Tell), und stiess knapp unter der Oberfläche direkt auf die Reste der Palastfassade.

Es dauerte aber bis 1911, bis er darangehen konnte, den Palast von Tell Halaf freizulegen. Ausgerüstet und versorgt von einer Karawane von 1000 Kamelen, unterstützt von 10 deutschen Experten und rund 500 einheimischen Arbeitskräften, legte der Hobbyarchäologe die 3000 Jahre alte Anlage frei. Er ging vorsichtig und systematisch vor, liess jeden Schritt genau dokumentieren und fotografieren. Finanziert hat «el baron» das Unternehmen aus dem eigenem Vermögen (und mit Unterstützung des Vaters, der sich mit der «traurigen Passion» des Sohnes inzwischen abgefunden hatte).

Als die erste Grabungsphase 1913 zu Ende ging, verblieben die ausgegrabenen Statuen – darunter die spektakuläre, vier Tonnen schwere «aramäische Venus», die wie aus einem riesigen Würfel zu erwachsen scheint und in die ihr Entdecker regelrecht verliebt war – in einem Steinhaus, Oppenheims «Wüstenpalast», vor Ort. Erst 1927 konnte er zurückkehren und fand das Haus zerstört und geplündert vor; das trauernde Paar etwa diente einem Kilometer entfernten französischen Kasino als «Kunst am Bau».

Nachbau der Prachtfassade

Inzwischen war viel passiert: Im Ersten Weltkrieg hatte Oppenheim von Konstantinopel aus versucht, die Araber zum Jihad gegen die englischen Besatzer aufzuhetzen – eine Art Gegenstück zu Lawrence von Arabien. Danach gründete er in Berlin ein Orient-Institut und stattete seine Wohnung am Kurfürstendamm mit Orientalia aus, die er im Lauf der Jahre zusammengekauft hatte.

1927 bis 1929 – er war nun fast siebzig – konnte er endlich, nach Überwindung aller politischen Hindernisse, wieder in den Orient. Nun gelang es ihm auch, mit der französischen Mandatsmacht eine reguläre Fundteilung zu erreichen; ein Teil der Ausgrabungen blieb im syrischen Aleppo, der andere kam nach Berlin. Wie das Privatmuseum aussah, das Max von Oppenheim errichtete: Davon vermittelt die Ausstellung mittels Fotos und Installationen einen plastischen Eindruck. Dort baute er die Prachtfassade des Palastes nach; die Monumentalstatuen blickten auf berühmte Besucher wie den irakischen König Faisal, die Krimiautorin Agatha Christie (die aber nur lästerte, dass der Bau nicht geheizt und ohne Sitzgelegenheiten sei), Samuel Beckett oder André Malraux. Auch Annemarie Schwarzenbach war da und war beeindruckt. Am 23. November 1943 ging die Sammlung zugrunde.

Geduldige Restauratoren

Mit ihren Resten beginnt die dritte Geschichte – von Geduld, Ausdauer und Geschick der Restauratoren. Ihre Leistung ist nicht weniger hoch einzuschätzen als der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Jahrelange Kleinarbeit, ohne Computer, nur mit Augenmass und Vorstellungsvermögen, Epoxidharz und Fixiergurten. Nur 2000 Puzzleteile konnten nicht zugeordnet werden.

Die drei Geschichten laufen in dieser Ausstellung zusammen. Ein dreifaches Happy End: Die Götter sind auferstanden (und bewahren mit den sichtbaren Rissen, Klebespuren und Gipsergänzungen auch die erlittene Katastrophe), das Lebenswerk eines Ausnahmemenschen ist gerettet, die Mühe der Wissenschaftler belohnt. Der Schlusspunkt liegt in der Zukunft: Die rekonstruierte Fassade des Palastes von Tell Halaf soll einmal ein eigenes Eingangstor zur vorderasiatischen Sammlung des Pergamon-Museums bilden. Nicht zum Erschrecken, sondern zum Entzücken der Besucher.

Pergamon-Museum, auf der Museumsinsel Berlin, bis 14. August. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2011, 08:26 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.