Kultur

Hockney hat keine Zeit, die Queen zu malen

Von Peter Nonnenmacher. Aktualisiert am 26.01.2012

Die Bilder von kalifornischen Pools machten David Hockney weltberühmt. Nun, im Alter, wendet sich der britische Maler der Landschaft in seiner Heimat zu.

1/7 Die Royal Academy in London zeigt bis zum 9. April «A Bigger Picture». David Hockney posiert vor «The Arrival Of Spring In Woldgate».
Bild: Keystone

   

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Der eigensinnige Brite ist auch ein vehementer Gegner der Rauchverbote: David Hockney. (Bild: Keystone )

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Andere Künstler, die das 75. Lebensjahr erreichen, wären zweifellos glücklich mit einer Rückschau auf ihr Lebenswerk, mit einer Retrospektive - zumal, wenn eine hoch angesehene Institution wie die Royal Academy in London ihnen ihre geheiligten Hallen für eine Ausstellung überliesse. Wie andere Künstler ist David Hockney aber eben nicht. Obwohl er auf ungleich mehr an bemerkenswerter Produktion zurückschauen kann als die meisten seiner Zeitgenossen, drängt es den Mann, den sie in seiner Heimat den grössten lebenden Maler Grossbritanniens nennen, den Blick nach vorn zu richten, Neues zu erproben.

Deshalb kann man in Hockneys jüngst eröffneter Show «A Bigger Picture» an einigen Exponaten die Farbe praktisch noch riechen. Das meiste dessen, was die grosse Londoner Ausstellung zusammengetragen hat, stammt aus den letzten Jahren. Einiges war noch gar nicht gemalt, als vor vier Jahren die Planung für die Veranstaltung begann.

Bäume und Büsche Britanniens

Was die Kuratoren am Piccadilly damals wussten, war nur, dass Hockney ein paar Jahre zuvor aus Los Angeles in seine nordenglische Heimat, nach Yorkshire, zurückgekehrt war. Und dass er nach Jahrzehnten in Kalifornien - nach seiner Pop-Art, seinen Opernkulissen, seinen berühmten Pools, Hollywoodvillen und Grand-Canyon-Schluchten -, dass er nun also begonnen hatte, die ganz gewöhnlichen Bäume und Büsche von Bridlington zu malen. Dass er, in seinem Eigensinn, plötzlich beschlossen hatte, Landschaftsmaler zu werden. In freier Natur. Mit grösster Geduld fürs Detail seiner alten Heimat. Aber eben auch mit einem neuen Ehrgeiz: dem Willen, die Natur vollkommen neu zu sehen - und diese neue Sicht an die Betrachter seiner Bilder weiterzugeben.

Was die Royal Academy so ausgebreitet hat an Hockney-Werken aus den letzten Jahren (mit ein paar frühen Bildern als hilfreichem Kontrastprogramm) sind Schneisen, Hohlwege und blühende Sträucher. Auch lang gewundene Landstrassen und Baumstämme und Hecken, die in fast kalifornischen Farben gehalten sind. Gelegentlich sind es dieselben Szenen in verschiedenen Jahreszeiten. Dann wieder aus vielen Einzeltafeln zusammengesetzte Arbeiten, mit leicht verrückten Schnittstellen, unterschiedlich getönt. In diese magischen Wälder und Lichtungen hinein sucht Hockney das unruhig wandernde Auge zu ziehen. Man soll in diesen Landschaften herumspazieren - wie es, sagt Hockney, die alten Chinesen in ihren bemalten Pergamentrollen taten.

Das ist jedenfalls der Effekt, den er sich wünscht für seine Produktionen. Kein geografisch-flaches Erfassen von Natur, sondern eines, das gleichermassen über Pupille und Psyche läuft. Natürlich, hat er anlässlich seiner Ausstellung erklärt, hielten viele seiner Landsleute Landschaften schlicht für langweilig. Das aber sei nur der Fall, «weil die Leute nicht wirklich hinschauen». Die meisten Spaziergänger tasteten mit dem Auge nur eben den Weg vor ihren Füssen nach möglichen Hindernissen ab: Dabei gebe es so viel mehr, was sich, aus anderer Perspektive, erfassen liesse.

Frischer Blick auf Bekanntes

Ihm selbst, meint Hockney, habe der Umzug von L. A. nach Bridlington für diese Aufgabe den nötigen frischen Blick verschafft. Die nasse, winterdunkle Landschaft seiner Kindheit «neu zu inszenieren», wurde ihm, als er des kalifornischen Lebens müde war, zu einer neuen, offenbar unwiderstehlichen Herausforderung: «Es heisst ja manchmal, das Landschafts-Genre sei am Ende. Das ist aber gar nicht möglich. Man kann der Natur nie müde werden. Müde werden wir nur der Art, wie wir Natur betrachten. Also müssen wir eine neue Art der Betrachtung finden.»

Mit Mütze, Schal und Zigaretten, mit unerschöpflicher Energie und riesigen Staffeleien ist er diesem Vorhaben in den letzten Jahren zu Leibe gerückt. Mit seinem Zeichenblock, dem iPad und zuletzt sogar einer fahrbaren Kameravorrichtung hat er versucht, der Yorkshirelandschaft etwas Neues abzugewinnen. Die Urteile darüber, ob es ihm gelungen ist, sind gespalten. Die einen halten Hockney für den innovativsten Landschaftsmaler der Moderne. Sie sehen ihn in der Tradition Turners, Constables und Van Goghs und finden, dass er erst jetzt seine Grösse so richtig unter Beweis gestellt habe. Die anderen fühlen sich «ausgelaugt» von seinem jüngsten Projekt und beklagen einen Mangel an Leben, an visionärer Kraft in seinen Bildern. Nach so viel Landschaft, meinte ein englischer Kritiker am Ende seines Ausstellungsbesuchs, könne er es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen «und die Gummistiefel auszuziehen».

Er will nicht Sir Soundso sein

Hockney, der ausser seiner scharfen Beobachtungsgabe auch einen unerschütterlichen Humor hat, dürfte geschmunzelt haben über diese respektlose Bemerkung. Der Maler, der sich in Bridlington ebenso häuslich einrichten kann, wie er es in Hollywood tat, gibt selbst nicht viel auf übermässiges Lob oder auf respektierliches Verhalten.

Nur äusserst zögerlich hat er sich zu Beginn dieses Jahres in den erlesenen Kreis der 24 Träger des britischen «Order of Merit» aufnehmen lassen - auf ausdrücklichen Wunsch der Königin. Den Rittertitel, den ihm seine begeisterte Monarchin schon vor Jahren verleihen wollte, hat er noch abgelehnt. Ein Sir Soundso wollte der ehedem blonde Querkopf aus der Beatles-Ära nicht werden. Er wollte einfach er selbst sein. Und sich auf die Arbeit konzentrieren.Im Vorjahr hat er auch die Bitte der Queen, sie zu malen, ausgeschlagen. Er habe, erklärte er damals, zu wenig Zeit: «Ich bin voll beschäftigt damit, England zu malen. Ihr Land.» Das Land der Königin. Wie man hört, wird sich Elisabeth II. vom Ergebnis dieser Bemühungen selbst ein Bild verschaffen wollen. Wenn gerade kein Massenaufmarsch ihren Blick behindert, in «ihrer» Royal Academy. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2012, 08:53 Uhr


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