Kultur
Achtung, Teufelsweib am Steuer!
Bertha Benz.
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Buch
Angela Elis, «Mein Traum ist länger als die Nacht. Wie Bertha Benz ihren Mann zu Weltruhm fuhr», Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2010, 320 Seiten.
Damals hatte sich Bertha Benz mit dem von ihrem Ehemann Carl Benz entwickelten Fahrzeug unbemerkt auf die Reise von Mannheim nach Pforzheim und zurück gemacht. Mit der rund 100 Kilometer langen Fahrt verhalf sie dem motorisierten Verkehr zum Durchbruch. «Der Teufel! Der Teufel! Der leibhaftige Teufel» – kreischen laut damaligen Presseberichten zwei Jungen in einem badischen Kornfeld, als sie in unmittelbarer Nähe ein Fauchen, Knattern und Spucken hören, wie sie es noch nie in ihrem Leben vernommen haben.
Weiter beschreibt Bertha-Benz-Biografin Angela Elis einen nächtlichen Dialog der Eheleute über das Vorhaben kurz vor der Überlandfahrt. Da der patentierte dreirädrige Motorwagen zwar eine geniale Erfindung war, aber keine Käufer fand, wollte Bertha Benz der Idee der pferdelosen Fortbewegung auf der Strasse neuen Schub geben.
Ein gefährliches Abenteuer: Noch nie hatte jemand eine so weite Strecke mit einem Automobil zurückgelegt; geeignete Strassen und Schilder gab es nicht. Die Behörden erteilten nur eine eng begrenzte Betriebserlaubnis für die Umgebung. Bei einem Unfall könnte ihr Mann zu seinem Schutz sagen, er habe nichts gewusst.
«Natürlich ist dieser Dialog nicht dokumentiert», sagt Elis zu ihrer Deutung der Geschichte. «Aber ich halte es für absolut unwahrscheinlich, dass Bertha Benz das heimlich gemacht hat.»
Ungewöhnliche Frau
Elis hat für das Buch zwei Jahre lang recherchiert. Dabei stiess sie auch auf weitgehend unbekannte Zeitungsartikel und Briefe. «Die Lebensgeschichte von Bertha und Carl Benz wurde noch nie erzählt, das hat mich sehr gewundert.»
Da aber nicht alles schriftlich festgehalten ist, wählte sie die Form einer Romanbiografie. «Ich versuche, auf Grundlage der Fakten plausibel und möglichst authentisch zu fantasieren.»
Angela Elis hat sich als Moderatorin des ARD-Magazins «Fakt» und der Wissenschaftssendung «nano» auf 3sat einen Namen gemacht. 2005 veröffentlichte sie zusammen mit Michael Jürgs die deutsch-deutsche Abrechnung «Typisch Ossi - Typisch Wessi».
Nun beschreibt sie die bewegende Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, deren Lebensspanne vom Aufkommen der Eisenbahn im 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg reichte. Zusammen mit ihrem Ehemann erlebte Bertha Benz Aufbruch, bitteres Scheitern und dann die kaum noch geglaubte Verwirklichung ihres Traums.
Eine Erklärung gibt es auch zum Geburtsdatum von Carl Benz. Er wurde am 25. November 1844 geboren, gab aber stets den 26. November an. Elis kommt zum Ergebnis, dass er seinen Geburtstag nachträglich auf einen Dienstag legte, um an den Todestag seines Vaters zu erinnern.
Begegnung mit Daimler
Die Autorin lässt Bertha Benz ausserdem eine Begegnung ihres Mannes mit dem anderen genialen Autotüftler jener Zeit, Gottlieb Daimler, bestätigen - die es nach der Legende gar nicht gegeben haben soll.
Spannend ist die Beschreibung des Lebens von Bertha Benz in der Nazizeit, in der sie zunächst Adolf Hitler verehrte. Viel zu spät wird ihr bewusst, dass dieser Hitler, in dem sie den Retter Deutschlands glaubte zu sehen, ein Mörder und Kriegstreiber ist. Als die Panzer rollten, wandte sie sich ab und starb verbittert - kurz nach dem Tod eines ihrer Enkel an der Front - mit 95 Jahren am 5. Mai 1944. Die Vision der Motorisierung, für die sie jahrzehntelang kämpfte, wurde missbraucht und richtete sich zuletzt gegen sie.
(phz/sda/)
Erstellt: 15.03.2010, 13:44 Uhr




