Kultur
«Alle, die es gelesen haben, sagen nur eins: genial!»
Interview: Linus Schöpfer. Aktualisiert am 06.09.2012 36 Kommentare
Zur Person
Oskar Freysinger (*1960) ist Gymnasiallehrer, SVP-Nationalrat und Schriftsteller. Freysinger ist Mitglied des serbischen Schriftstellerverbandes.
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Herr Freysinger, wie heisst das beste Buch, das Sie bis dato gelesen haben?
(überlegt lange) Hüere schwirigi Frag! «Die Brüder Karamasow» von Dostojewski, würde ich meinen. Kein anderer Autor hat die Tiefgründigkeit der menschlichen Seele ausgelotet wie Dostojewski.
Warum die «Brüder»? Warum nicht «Schuld und Sühne» oder «Der Spieler»?
Mich faszinieren die verschiedenen dramatischen Figuren, die Brüder selber. Die 60, 70 Seiten, die sich mit dem Grossinquisitor beschäftigen, sind schlicht wunderbar. Moral oder Macht, die Religion im Dienst einer Machtpolitik, das notwendige Übel... das ist nicht zu überbieten!
Ist Dostojewski ein Vorbild für den Schriftsteller Freysinger?
Klar. Zu meinen Vorbildern gehören aber auch Flaubert – zumal «Salambo» und «Madame Bovary» – und Alfred Andersch mit «Sansibar oder der letzte Grund». Wen ich auch nennen muss, ist Max Frisch. «Homo Faber» hat es in sich, auch ein Ausnahmewerk. Diese Fabel ist perfekt aufgebaut, die Konstruktion ist absolut stimmig. Ganz grosse Klasse.
Sie publizieren sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch. Inwiefern unterscheiden sich Ihre deutschen von Ihren französischen Werken?
Sie unterscheiden sich zwar nicht thematisch, aber hinsichtlich der Gattung. Chansons passen auf Französisch einfach besser; meine deutschen Lieder habe ich mittlerweile auf Französisch übersetzt. Bei Gedichten und Prosaarbeiten gibt es keinen Unterschied, beim Theater hingegen hat das Deutsche Vorteile.
Weshalb?
Was Rede und Gegenrede betrifft, den Dialog, ist das Deutsche kräftiger und präziser, weil es weniger spielerisch, auch weniger elegant ist als das Französische.
Wären Sie gerne hauptberuflich Schriftsteller?
Klar! Einen Nachteil hätte das allerdings: Mich nährt die Schule, die Politik. Wer nur Schriftsteller ist, der läuft Gefahr, von den Verlegern mit Vorgaben belegt zu werden oder von seinem Erfolgsrezept gefangen genommen zu werden – es ist ja sein Brotberuf. Ich dagegen mache, was ich will. Und bis anhin sind die Verleger ziemlich offen, mir wird nichts vorgeschrieben.
Was sind Ihre grossen Projekte momentan?
In Neuenburg wird im Oktober mein neues französisches Buch, «garce de vie», eine Art literarisches Roadmovie, veröffentlicht. Ebenfalls im Oktober erscheint «Wabers Schwarm», eine Geschichte auf Deutsch über einen Imker. Im November wird ausserdem mein Roman «Löwenzahn oder der alte Mann von der Suone» als Schauspiel aufgeführt. Nicht zu vergessen: Seit 15 Jahren habe ich ein Theaterstück in der Schublade, von dem alle, die es gelesen haben, nur eins sagen: Genial! Bis anhin will es aber noch niemand aufführen.
Welches Stück? Um was gehts?
«Die Rückkehr»! Jesus Christus kommt zurück, nachdem er den ersten Heilsplan für missglückt erklärt hat. Es läuft dann allerdings nicht so, wie er es will... (lacht) eine beissende Satire auf unsere moderne Welt.
Welche Bücher eignen sich für einen Einstieg ins Freysinger-Werk? «Löwenzahn oder der alte Mann von der Suone» ist sicher ein guter, einfacher Einstieg. Wer tiefer gehen will, dem empfehle ich die «Schachspirale». Als Ueli Maurer die Geschichte gelesen hat, hat er mir gesagt, er müsse sich ordentlich anstrengen; die Sprache sei schon auf einem ziemlichen Niveau!
Sie haben schon eine Vielzahl Bücher veröffentlicht, sind aber auch Gymnasiallehrer und Nationalrat. Woher nehmen Sie eigentlich die Zeit?
Ich habe einen riesigen Vorteil – ich schaue nicht fern. Rechnen Sie mal zusammen, was ein Durchschnittsbürger an Zeit verliert, wenn er vor der Glotze hockt. 15 Stunden pro Woche kommen da spielend zusammen. Wenn ich in einem Monat 60 Stunden am Schreibtisch sitze, habe ich bereits einen kleinen Roman beieinander.
Morgen nehmen Sie am Live-Poesie-Experiment von baz.ch/Newsnet teil. Was reizt Sie?
Das ist eine Herausforderung! Arbeiten unter Druck, das ist nicht einfach. Wenns nicht gut läuft, dann geht man joggen oder wartet einen Tag. Das wird morgen nicht möglich sein.
Verfolgen Sie morgen ab 11 Uhr live auf diesem Kanal, wie Oskar Freysinger am Live-Poesie-Experiment eine Geschichte entstehen lässt! (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.09.2012, 10:43 Uhr
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36 Kommentare
Wie sagt man so schön: "Eigenlob stinkt", vor allem, wenn der Schreiber, der sich selber für einen Poeten hält, eigentlich als Nationalrat von den Schweizer Bürgern und als Lehrer von den Walliser Bürgern bezahlt wird. Echte Künstler leben von Ihrer Kunst und sonst von gar nichts! Antworten
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