Kultur
Wo das Faustrecht regiert
Bücher
Andrew Brown: Schlaf ein, mein Kind. btb, 383 S., ca. 17 Fr. Roger Smith: Kap der Finsternis. Klett Cotta, 356 S., ca. 38 Fr. Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben. Rütten & Loening, 407 S., ca. 34 Fr. Tracy Gilpin: Stunde der Busse. Heyne, 432 S., ca. 17 Fr. Jassy Mackenzie: Todeskälte. Diana, 367 S., ca. 35 Fr. Deon Meyer: Weisser Schatten. Rütten & Loening, 421 S., ca. 34 Fr.
Stellenbosch, Südafrika. In der trägen Strömung des Eerste River treibt der leblose Körper einer jungen Weissen. Es ist Melanie du Preez, Tochter eines Universitätsprofessors und honoriges Mitglied der Gesellschaft. Ihr Notizbuch weist sie zudem als Sammlerin von Wiegenliedern aus. «Damit dürften garantiert auch noch dem Letzten die Tränen kommen», giftet Inspector Eberard Februarie, Protagonist im Krimi «Schlaf ein, mein Kind» des Südafrikaners Andrew Brown.
Und Tränen fliessen: zunächst aus Trauer, dann aus Zorn. Als die Polizei einen Verdächtigen verhaftet, fackelt Vater du Preez nicht lange. Er verschafft sich Zutritt zum Gefängnis und erschiesst den mutmasslichen Täter, einen illegalen Einwanderer aus Burundi. Februarie und Assistentin Xoliswa Nduku recherchieren indes weiter. Selbstjustiz gehört schliesslich zum Alltag am Zipfel des Schwarzen Kontinents.
Die WM weckt Interesse
Starke Storys kommen derzeit aus Südafrika. Gleich mehrere Autoren debütieren auf dem deutschsprachigen Markt. Gewiss dürfte die Fussball-WM 2010 in Südafrika mit ein Grund sein für das plötzlich erwachte Interesse deutschsprachiger Verleger. Aber die dortige Kriminalliteratur hatte auch Nachholbedarf. Doch seit 2006, konstatiert das Pendragon-Krimijahrbuch 2009, habe sich die südafrikanische Kriminalliteratur rasant entwickelt. «Heute ist sie reich, realitätsnah und wirft ein originäres Schlaglicht auf die eurozentrische Engstirnigkeit, All- und Besserwisserei.»
Andrew Brown spielt mit den Klischees, die seiner Heimat gerne übergestülpt werden, wie Rassenkonflikt, Korruption und Faustrecht. Im Laufe der Geschichte zerzaust er die vermeintlichen Gewissheiten jedoch mit ausgeklügelter Gerissenheit. «Nichts ist, wie es scheint», sagt der Autor. Das habe ihn Südafrika gelehrt. Als Anti-ApartheidAktivist wurde Brown mehrmals festgenommen. Heute arbeitet der Anwalt am Cape High Court in Kapstadt und ist Reservist, eine Art Hilfspolizist. Das Streben nach Gerechtigkeit, sagt er, komme ihm je länger je mehr vor wie ein Tanz, der sich völlig unvorhersehbar entwickeln könne.
Gewalt ist an der Tagesordnung
Das faustsche Thema vom Bösen, das sich zum Guten wandelt (und umgekehrt), dominiert auch den Thriller «Kap der Finsternis» von Roger Smith. Jack Burn, ein gesellschaftlich gestrauchelter Amerikaner, flieht mit Frau und Kind nach Kapstadt, wo er prompt von zwei Gangmitgliedern überfallen wird. Um die Familie zu schützen, tötet Burn die beiden – und verliert damit die Liebe der Gattin. Sie schickt ihn buchstäblich in die Wüste.
Wie Brown arbeitet auch Smith mit Stereotypen: Der sympathische, unglücklicherweise spielsüchtige Amerikaner trifft auf einen fetten, stinkenden und gewissenlosen Südafrika-Bullen. Anders als bei Kollege Brown gibt es bei Smith jedoch keine moralischen Instanzen mehr. Gewalt ist Alltag, der Mensch ohne Wert. Jeder Mord zieht einen weiteren nach sich. Smith konfrontiert die Leser mit einem Leichenberg und mit dem erschreckenden Gefühl, davon nicht wirklich ergriffen, geschweige denn erschüttert zu werden.
Abstumpfung durch Gewalt ist ein Merkmal amerikanischer Thriller. Westliche Gattungskonventionen prägen alle Südafrika-Krimis. Die Apartheidproblematik mit ihrem Rassismus, der bis in die Gegenwart greift, verleiht ihnen jedoch Eigenständigkeit und Authentizität. Die Texte zeitgenössischer Autoren leben von den Trümmern früherer Zeiten.
Nach dem Motto «Wer die Wahrheit sucht, muss sich der Vergangenheit stellen» baut Brown in sein Werk einen zweiten Erzählstrang ein. Er handelt von einer jungen Sklavin, die ein paar Jahrhunderte zuvor von einem für die Kolonie unersetzbaren Winzer vergewaltigt und geschwängert wird. Brown lässt das Gestern/Heute parallel laufen. Erst ganz am Schluss führt er die beiden Geschichten zusammen in einer ebenso grandiosen wie grausamen Pointe.
Die Sitten der Apartheid
Malla Nunn hingegen siedelt ihren Roman «Ein schöner Ort zu sterben» ganz im Gestern an, nämlich im Jahr 1952, als die Apartheidgesetze eingeführt wurden. Sie verarbeitet in ihrem Erstling die eigene Familiengeschichte. Ihre Eltern lernten sich im Südafrika der Fünfzigerjahre kennen, als es Weissen verboten war, Farbige zu heiraten. Packend, aber ohne melodramatisches Tremolo schildert sie die unmenschlichen Sitten von anno dazumal. Ihr literarischer Krimi überzeugt durch charakterstarke Akteure und einen Plot, der über die letzte Zeile hinaus verstört.
Auch Tracy Gilpin debütiert in «Stunde der Busse» mit einem gesellschaftspolitischen Thema: der Geburtenkontrolle. Im Zentrum des Geschehens steht die Organisation Stop, die sich für Schwangerschaftsverhütung einsetzt und deshalb von Feinden nur so umzingelt ist. Das Schauerstück spielt in Kapstadt, «der Welthauptstadt des Verbrechens», wie Gilpin schreibt. Kapstadt und Johannesburg treiben die Mordrate in Südafrika in die Höhe. Über 50 Tötungsdelikte werden täglich registriert, mehr als 50 000 Vergewaltigungen jährlich.
Johannesburg ist Tatort im Thriller «Todeskälte» von Jassy Mackenzie. Obwohl die Story um Privatdetektivin Jade de Jong mit allem aufwartet, was Albträume beschert – Korruption, Doppelbödigkeit, Zeitnot und Morde en masse –, erreicht die Autorin (ebenso wie Gilipin) die Flughöhe von Brown und Nunn bei weitem nicht. Beide zelebrieren eine Brutalität, die einzig auf Effekthascherei basiert.
Der Mankell Südafrikas
Differenzierter geht Deon Meyer ans Werk, das Aushängeschild südafrikanischer Kriminalliteratur. Meyer heckt Meuchelgeschichten im Akkord aus – und schreibt diese, im Gegensatz zu anderen Autoren, in seiner Muttersprache Afrikaans. Bislang wurden fünf Krimis ins Deutsche übersetzt. Schauplatz des jüngsten, «Weisser Schatten», ist der Kruger National Park: Leibwächter Lemmer begleitet eine reiche Dame ins Naturparadies. Kaum haben die beiden ihr Ziel erreicht und gar ein Faible füreinander entdeckt, fällt die Frau einem Anschlag zum Opfer. Lemmer schwört Rache und räumt auf.
Meyers Fiktionen sind feinsinnig, psychologisch und atmosphärisch dicht konstruiert. Darüber hinaus würdigen sie die Schönheit des Landes. Der «Mankell Südafrikas», wie Meyer von der Presse gerne tituliert wird, hat zu Recht zahlreiche Preise eingeheimst. Mit Brown, Meyer und Nunn verfügt Südafrika über Krimi-Stimmen, die man gern noch öfter hören möchte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.11.2009, 08:33 Uhr







