Kultur
«Besser als knarrendes Kasernenhof-Deutsch. Oddr?»
Interview: Linus Schöpfer. Aktualisiert am 24.08.2012
Koydl, Wolfgang, «Wer hat's erfunden? Unter Schweizern.», Ullstein-Taschenbuch-Verlag, 282 Seiten, ISBN 978-3-548-37356-0, CHF 15.90.
Wer hat's erfunden?
Zur Person
Wolfgang Koydl (*1952) ist seit letztem Jahr Schweiz-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung». Vordem arbeitete er in Kairo, Istanbul, Washington und London für die «Süddeutsche». Über seine Zeit in England verfasste Koydl die Bücher «Fish and Fritz» und «Bitte ein Brit!».
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Es wimmelt von Schweiz-Büchern. Deutsche erklären Deutschen die Schweiz, Schweizer erklären Deutschen die Schweiz, Schweizer erklären Schweizern die Schweiz. Was hebt Ihr Buch ab?
Eigentlich ist es eine ganz schöne Anmassung, nach so kurzer Zeit in einem Land ein Buch über dieses Land zu schreiben. Nein, nicht eigentlich. Es ist anmassend. Darum will und kann ich nichts erklären. Ich habe nur versucht aufzuschreiben, wie meine Familie und ich versucht haben, sich einen Reim auf dieses faszinierende und ziemlich exotische Land zu machen. Für alle Fehler bin allein ich verantwortlich, und ich bitte vorausgreifend um Nachsicht. Beim nächsten Mal wird alles anders.
Spielt bei einem Buchprojekt wie «Wer hat's erfunden» auch der Umstand eine Rolle, dass die Publikation auf ein kaufkräftiges Zielpublikum – einkommensstarke Schweizer, einkommensstarke Deutsche in der Schweiz – hoffen darf?
So teuer ist das Buch doch gar nicht, dass es nur für einkommensstarke Schichten erschwinglich ist. Neu für mich ist aber tatsächlich, dass ich zum ersten Mal ein Buch über ein Land und seine Bewohner geschrieben habe, das diese Bewohner lesen können. Ich bin entsprechend gespannt auf die Reaktionen.
Weshalb enden die meisten Bücher über die Merkmale und Eigenarten der Schweiz und der Schweizer auf dem Land bei den Bauern oder in den Bergen bei den Älplern, obwohl heute die deutliche Mehrheit der Schweizer in Städten und Agglomerationen lebt?
Ich sitze zurzeit an einem anderen Projekt: Dinge, die man unbedingt in der Schweiz gesehen, getan, erlebt haben sollte. Überdurchschnittlich viele haben erstaunlicherweise mit Kühen zu tun. Die Schweiz ist ein Industrie-, Technologie-, Wissenschafts- und Finanzzentrum. Doch man assoziiert das Land mit Bergen, Almen und Seen. Und vieles, was die Schweiz als Industrie-, Technologie-, Wissenschafts- und Finanzzentrum so attraktiv und effizient macht, hat bis heute seine Wurzeln in den Bergen und Almen.
Interessanterweise konstatieren Sie in Ihrem Buch, dass die Schweizer Bürokratie stark ausgeprägt sei. Diese Feststellung steht im Gegensatz zur stolzen Einschätzung vieler Schweizer, in einem unbürokratischeren, bürgernäheren Staat zu leben als zum Beispiel die Deutschen oder die Franzosen.
Das liegt vielleicht daran, dass hier viele Bürger selber im Alltag als Bürokraten wirken. Die Grenze zwischen Laien und Profis verschwimmt manchmal.
Ein anderer interessanter Befund Ihres Buches geht dahin, dass viele Schweizerinnen jenseits eines bestimmten Alters getrockneten Pflaumen ähnelten. Wie begründen Sie Ihre gewagte These? Sind Schweizerinnen jenseits eines bestimmten Alters pflaumiger als beispielsweise Engländerinnen?
Dörrpflaume heisst: nicht fett, gut gebräunter Teint, gesund und durchtrainiert und unglaublich vielfältig. Es sollte eigentlich ein Kompliment sein. Aber Sie wissen ja: Deutsche und Komplimente...
Ebenfalls bemerkenswert an Ihrem Buch ist, dass fast alle schweizerdeutschen Sätze falsch sind. Das sagt kein Schweizer: «E bitzeli Ragn un Nabbl», «Quöugwüuch-Gewittre», «Em Maa sis Auto is schnell». Sie sind immer sehr nahe dran – aber treffens dann eben doch nicht.
Verflixt. Haarscharf daneben ist eben leider auch vorbei. Aber andererseits: Nur haarscharf daneben ist doch besser als knarrendes Kasernenhof-Deutsch. Oddr?
Sie werden dieses Jahr 60. Wo werden Sie sich in fünf, zehn Jahren zur Ruhe setzen: in der Schweiz oder in Deutschland?
Das hängt davon ab, wer am besten durchhält: meine Gesundheit, der Euro oder die Schweizerische Nationalbank mit ihrer Kursuntergrenze.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.08.2012, 12:42 Uhr

















