Kultur
«Salinger war ein Wegbereiter für Sex, Drugs und Rock'n'Roll»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 29.01.2010 1 Kommentar
Gabriele Rippl ist Professorin für englische Literatur an der Universität Bern.
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«The Catcher in the Rye» (Der Fänger im Roggen)
In dem berühmten Roman erzählt J.D. Salinger die Geschichte Internatsjungen Holden Caulfield. Der 16-Jährige bricht die Schule ab und flüchtet vor der verlogenen bürgerlichen Welt. Seine Rebellion endet im Desaster, einzig seine Schwester kann ihn vor dem Schlimmsten bewahren.
«The Catcher in the Rye» fasziniert noch heute Millionen von Lesern. Wie erklären Sie sich das?
Der Roman kam 1951 heraus, in der McCarthy-Zeit, in der auf Intellektuelle und andere Nichtangepasste eine Hetzjagd lief. Es herrschte eine Ideologie des Konformismus. Der Roman stellt den Wunsch nach eigenständiger Identität des Individuums in den Mittelpunkt. Normen und Rollenerwartungen werden darin hinterfragt. Das ist ein zeitloses Thema, das bis heute viele Menschen bewegt, insbesondere die Jugendlichen.
Der Held ist ein Verlierer. Trotzdem identifizierte sich eine ganze Generation mit ihm.
Genau. Dass ein Verlierer zum Helden wird, ist aber in der US-Literatur jener Zeit nichts Aussergewöhnliches. Die Autoren antworteten auf die Kommunismus-Hetze, den Kontrollwahn und die Doppelbödigkeit der Gesellschaft mit schonungsloser Bekenntnisliteratur. Auch «The Catcher in the Rye» ist in der Ich-Person geschrieben, bereits auf der ersten Seite heisst es sinngemäss: «Wenn meine Eltern wüssten, dass ich hier das so schreibe, die würden mich umbringen». Anti-Helden, die in der Ich-Form von sich selbst erzählen, waren in den 1950er-Jahren sehr verbreitet.
Was unterscheidet «The Catcher in the Rye» von anderen Romanen jener Zeit?
Salinger verlieh den Jugendlichen eine Stimme, von der sie vielleicht noch gar nicht wussten, dass sie sie haben. Da hat jemand für ihre Gefühle die richtigen Worte gefunden. Wut, Rebellion, Weltschmerz, Hinterfragung der gesellschaftlichen Werte, Frustration, Verzweiflung – alles was Jugendliche beschäftigt, ist in Salingers Roman enthalten.
Reicht das, um zu einem der einflussreichsten Romane der US-Literatur zu werden, wie das jetzt überall geschrieben wird?
Nebst der Thematik ist die Ästhetik entscheidend. Gleich mit dem ersten Satz spricht einen der Held direkt an. Die Erzählung erfolgt konsequent aus seiner Sicht. Wie hier mit einer realistischen, teils auch obszönen Sprache Nähe und Empathie erzeugt werden, ist ausserordentlich. Kurz zusammengefasst: Eine klasse Story, toll geschrieben.
Salinger hat sich rar gemacht, lebte zurückgezogen, war kaum in der Öffentlichkeit zu sehen. Spielte das eine Rolle?
Ja, sicher. Verknappung erhöht die Nachfrage. Das trägt zur Mythenbildung bei. Dasselbe Phänomen kann man bei Pynchon beobachten, dem anderen grossen US-Gegenwartsautor, von dem es nur ein Foto gibt. Man weiss nur Bruchstückhaftes über Salinger, zum Beispiel, dass er ein Kriegstrauma hatte, was ihn zusätzlich interessant macht. Die Mythen ranken sich um ihn, für viele ist er so etwas wie ein Heiliger.
Nach Salinger kam die Beat-Generation, wie stark hat Salinger Kerouac und Co. beeinflusst.
Stark. Die Beat-Generation geht ja noch weiter, Sprache wird zum Schockelement mit hemmungslosen Beschreibungen von Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Salinger war dafür ein Wegbereiter.
Wie steht es mit der Pop-Kultur, die Lederjacken-Ästhetik jener Zeit? Wie stark ist die auf Salinger zurückzuführen?
Das ist schwierig zu sagen, ich konnte jetzt nicht mehr den ganzen Roman durchlesen. Auf den ersten Seiten wird beschrieben, wie dem Helden ein Kamelhaarmantel geklaut wird und er mit Pelz verzierte Handschuhe trägt. Solche Einzelheiten sind im Roman sehr wichtig. Wie sehr dies aber die Pop- und Alltagskultur beeinflusst hat, kann ich jetzt nicht sagen.
Ist «The Catcher in the Rye» bei Ihnen an der Uni noch ein Thema?
Weniger. Das Buch ist so bekannt und wurde von unseren Studierenden in der Schule gelesen, dass ich lieber auf Werke zurückgreife, die die Studenten noch nicht kennen. Man muss den Studierendes Neues bieten, damit es ihnen nicht langweilig wird...
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.01.2010, 14:51 Uhr















