Kultur

Das Reich des Vergessens kann eine Utopie sein – und ein Albtraum

Ein neuer Stern am Himmel der amerikanischen Literatur: Der junge Autor Stefan Merrill Block wagt sich an das schwere Thema Alzheimer – mit Pathos, aber auch mit Humor.

Jungtalent der US-Literatur: Stefan Merrill Block.

Jungtalent der US-Literatur: Stefan Merrill Block.

Buch

Stefan Merrill Block: Wie ich mich einmal in alles verliebte. Roman. Aus dem Engli­schen von Marcus Ingendaay. Dumont, Köln 2008. 348 S., ca. 36 Fr.

Was waren das für Zeiten, als Urs Wid­mer einen Roman für erinnerungsmüde Leser schreiben konnte, der auch noch «Das Paradies des Vergessens» hiess und nicht mehr und nicht weniger tat, als das Verschwinden von Erinnerungen als Uto­pie heraufzubeschwören.

Als das Buch er­schien, 1990, war das Thema Alzheimer noch nicht so präsent in den Medien wie heute. Widmers herrliche Satire auf eine Narretei, die Gegenwartsnarretei des Li­teraturbetriebs, ist, pardon, unvergessen. Da sich heute indes beinahe wöchentlich neue Meldungen einstellen, die vom krankhaften Vergessen, Alzheimer also, und den Behandlungsmöglichkeiten die­ser Krankheit berichten, ist das Thema seiner Unschuld beraubt.

«The Story of Forgetting»

Das Wagnis, einen Roman aus den Er­fahrungen mit einem persönlich bekann­ten Alzheimerpatienten, einem Familien­mitglied, der Grossmutter, zu schreiben, kann nur einer eingehen, dem ein solches literarisches Projekt zu einem existenziel­len Anliegen geworden ist. Für den 26-jährigen amerikanischen Schriftsteller Stefan Merrill Block ist «The Story of Forgetting» (so der Originaltitel, aus dem in der deutschen Übersetzung das blöde «Wie ich mich einmal in alles verliebte» wurde) sogar das erste Buch, der Einstieg ins literarische Leben überhaupt.

In Interviews macht er keinen Hehl da­raus, Angst davor zu haben, dass auch er eines Tages, wie seine Vorfahren mütter­licherseits, an einer besonders frühen und aggressiven Variante der Alzheimer­Krankheit, dem EOA-23-Syndrom, elendig zugrunde gehen könnte. Der hochbegabte Autor hat seinem Roman allerdings nicht eine autobiografi­sche Lesart verliehen, sondern eine fiktio­nale, auf zwei klug miteinander ver­schachtelten Erzählebenen verteilt. Zum einen lässt er den 15-jährigen Seth erleben, wie seine Mutter an Alzheimer erkrankt und in einem Pflegeheim landet. Erst ver­gisst sie nur, den Wecker zu stellen, am Ende erkennt sie ihren Sohn nicht mehr wieder.

Mapplethorpe, der Frauenheld

Block erzählt sehr anrührend. Mutters Verfall führt dazu, dass Seth beschliesst, Wissenschaftler zu werden, um endlich ein Heilmittel gegen diese Krankheit zu finden. Seine bisweilen von abenteuerli­chen Umständen begleiteten Recherchen führen ihn zurück bis zu einem gewissen Philip Mapplethorpe, einem englischen Frauenhelden des 18. Jahrhunderts, der gleichzeitig Verhältnisse mit sage und schreibe fast hundert Damen pflegte, die er zu einem nicht geringen Prozentsatz auch schwängerte. Die Nachkommen wur­den bei dieser Gelegenheit mit einer gene­tischen Mutation bedient. Blocks Roman ist trotz seines ernsten Themas einer von der komischen und sogar lebensheiteren Art. Darin liegt eine geradezu verstörende Qualität.

Hier das Versiegen, dort der Trost der Erinnerung. Für den Helden des zweiten Ich-Erzählers, den Farmer und Einsiedler Abel, der zusehen muss, wie das Land um ihn herum zunehmend von Betonbauten verunstaltet wird, gibt es nichts Schöneres als die Erinnerung an die Affäre mit der Frau seines Bruders, aus der eine uneheli- che Tochter hervorging. Seit zwanzig Jah­ren wartet Abel auf die Heimkehr dieser Tochter – und da scheut der Roman vor Pathos nicht zurück.

Isidora, das goldene Land

Zusammengehalten werden beide Er­zählstränge durch eine literarisch luftig in Szene gesetzte Utopie. Isidora heisst sie, es ist das goldene Land, in dem es keine Er­innerung gibt. Ein Land, in dem alle glück­lich sind, ein Paradies des Vergessens, das zu betreten auch einen Urs Widmer reizen könnte. Derweil gratulieren wir Stefan Merrill Block zu seinem Roman. Die ame­rikanische Literatur ist um einen blinken­den Stern reicher. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2009, 08:52 Uhr

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