Kultur
Das Vertrauen, der Verrat und die Schuld
Von Res Strehle, Madrid. Aktualisiert am 04.03.2010
Javier Marías
Man sollte niemals etwas erzählen. So hatte der erste Band von «Dein Gesicht morgen» begonnen. Nichts erzählen, keine Angaben machen, denn Erzählen führt zu Verstrickungen, zieht andere ungefragt mit hinein in Geheimnisse, schafft unsichtbare Bänder zwischen Menschen, Loyalitäten und Hass. Es sollte die Devise seines Protagonisten Jaime oder Jacobo oder Jack werden, wie Marías’ Grenzgänger zwischen der spanischen und der britischen Kultur heisst. Jaime hat von Javier Marías nicht nur die erste Silbe seines Namens ausgeliehen, sondern auch seine Ambivalenzen, sein Zigarettenetui, die Fähigkeit, andern ins Gesicht zu schauen und ihre Vertrauenswürdigkeit zu deuten.
Diese Fähigkeit will sich der britische Geheimdienst MI6 zunutze machen und wirbt den Exilspanier an, um künftig Personen vor allem romanischer Sprache von ihm einschätzen zu lassen. Jaime kommt dieses Angebot gelegen, denn er ist aus seiner unlebbaren Liebe zu Luisa und seiner Familie in Madrid vertrieben worden, erfüllt lustlos seinen Job als Radiojournalist bei BBC London, wo er über «Terrorismus und Tourismus» berichtet. Er sollte nichts erzählen, beginnt doch, und daraus werden drei Bände mit 1600 Seiten. In den drei Büchern wird aus dem Kulturjournalisten und Familienvater im Exil ein brauchbarer Geheimdienstmitarbeiter, allerdings einer mit Skrupeln. Jaime wird unfreiwillig Zeuge von harten Szenen, live und per Video. Was er sieht, wirkt wie Gift, bewusst vom Chef in kleiner Dosis verabreicht. Eine Zeitlang scheint es, als ob aus dem verträumten Spanier tatsächlich der MI6-Profi Jack würde, aus dem Spanier ein Engländer, aus dem Familienvater ein einsamer Wolf, aber es fehlt ihm an Patriotismus für England und Skrupellosigkeit für ganz harte Aufträge.
Luisa und die Familie gehen ihm drei Bände lang nicht aus dem Kopf. Und so fiebert der Leser mit, ob Jaime die Rückkehr nach Madrid gelingt, ob er nur seinen Gutmenschenblick verliert oder auch die Skrupel, ob die Liebe zu Luisa und den Kindern endlich lebbar wird. Marías’ Werk ist eine literarische Parabel auf die grossen Fragen des Lebens: Liebe, Verrat, Schuld, Vertrauen.
Ein realer Verrat
Luisa und die beiden Kinder in Madrid sind nicht aus Marías’ Biografie entliehen. Sonst einiges: das Lehramt in Oxford, der Vater – ein Philosoph, der im spanischen Bürgerkrieg gerade nicht die Fähigkeit hatte, im Gesicht eines Freundes heute das Gesicht morgen zu sehen. Er wurde von diesem Freund unter den neuen Machtverhältnissen 1939 verraten als ehemaliger Kämpfer auf der Seite der Republikaner, wurde verhaftet und musste sich einem Strafprozess stellen. Das hätte wie viele dieser Prozesse der Siegerjustiz auch tödlich ausgehen können. Vater Julián hatte Glück, er gehörte zu den Kämpfern in Madrid und hatte niemanden umgebracht. So konnte er nach verbüsster Haft mit seiner Familie in die USA emigrieren und kehrte in den Fünfzigerjahren zurück (lange aber noch blieb ihm jede Publikation verboten).
Javier, vierter von fünf Söhnen, studierte in Madrid Literatur und Philosophie und wurde zu einem gefeierten Schriftsteller. Jetzt ist der dritte und letzte Band seines Werkes «Dein Gesicht morgen» auf Deutsch erschienen, ein schöner Anlass für eine Reise nach Madrid in diesem Vorfrühling. Marías empfängt in einer seiner beiden übereinander gelegenen Wohnungen an der Plaza de la Villa. Eine herzliche Pförtnerin fährt im Jugendstillift in diesem Gebäude des 19. Jahrhunderts mit, voller Wohlwollen, sie scheint jedem Besucher das Erlebnis zu gönnen. Der Fahrstuhl geleitet in die obere Wohnung, Marías empfängt zwischen Bücherstapeln. («Ich bekomme für jede Übersetzung Belegexemplare – die auf Deutsch kann ich niemandem schenken.»)
Sämtliche Räume sind bis unter die Decke vollgestopft mit Büchern aus der englischen Literatur, die spanischen Werke lagern in der unteren Wohnung. Er setzt sich aufs Sofa, zündet die erste Zigarette an, einem vornehmen Etui entnommen. Natürlich lässt er sich für sein Opus magnum, an dem er acht Jahre lang gearbeitet hat, gerne ein wenig flattieren. Es ist ein komplexes Werk geworden, voller Denkanstösse und Widersprüche, die den Leser weiterbeschäftigen, wenn der Buchdeckel zu ist.
Vom Kaliber eines Joyce
«Als ich 2000 zu schreiben begann, wusste ich nicht, wie lang dieses Buch werden würde», sagt Marías, «meist weiss ich nur zwei, drei Tage im Voraus, wie die Geschichte weitergeht.» So entschloss er sich, den ersten Teil («Fieber und Lanze») 2002 herauszugeben, solange sein Vater sowie ein bewunderter Professor in Oxford (auch er einstiger MI6-Mitarbeiter) noch lebten. Dann gedachte er 2004 mit «Tanz und Traum» das Buch abzuschliessen, aber die Geschichte war noch nicht fertig, es kam noch ein dritter Band dazu («Gift und Schatten und Abschied»), der alle Fäden zusammenführt.
Mitten in ihrer Arbeit an diesem dritten Band starb seine deutsche Übersetzerin Elke Wehr, die bis dahin alle Werke übertragen hatte. Die Übersetzung wurde danach von Luis Ruby zu Ende geführt, was das Erscheinen des Buchs auf Deutsch etwas verzögerte. Das Werk ist im Übrigen keine Trilogie, wie einzelne Kritiker meinten. Die drei Bände sind zusammen ein einziger grosser zeitgeschichtlicher Roman, der mit seiner Mischung aus Beobachtung, Reflexion, Erzähl- und Sprachkunst an die grossen europäischen zeitgeschichtlichen Werke des 20. Jahrhunderts anschliesst, vom Kaliber eines Musil, Joyce oder Proust. Auch Marías ist vielseitig hochbegabt: Der ehemalige Übersetzer ist Linguist, der in jedem Wort alle Bedeutungen mitdenkt, Semantiker, der abenteuerliche Sprach- und Satzkombinationen liebt, Etymologe, der sich der Abstammung und Herkunft jedes Wortes bewusst ist, und Fantasierer, der in der Realität stets die Überhöhung sieht.
So sinniert er lustvoll über den Begriff «Gebrydguma», der in einer vermeintlichen alten Sprache die seltsame Beziehung zwischen Männern beschreibt, die mit derselben Frau geschlafen haben – etwa «Mit-Beischläfer». Das Ganze ist nie bierernst oder gar lehrmeisterlich erzählt, sondern mit Witz, hohem Verständnis für Dramaturgie, ungeschminkt und ungeschönt.
Gäbe es Superlative in der Literaturkritik, man müsste Javier Marías den besten spanischen Schriftsteller der aktuellen Generation nennen. Das sieht auch die Tageszeitung «El País» so. Die renommierte Real Academia Española, Gralshüterin der spanischen Sprache, bemühte sich jahrelang darum, ihn aufzunehmen. Javier zierte sich einige Jahre, weil mit Vater Julián schon ein Marías hier vertreten sei und ihm zwei aus der Familie zu viel schienen.
Angesprochen auf so viel Lob und Ehre, nebelt Marías den Besucher ein in noch mehr Zigarettenrauch. Im Etui ruht eine abgezählte Tagesration, es bleiben noch acht Zigaretten. «Ich bin kein Philosoph», winkt er ab, angesprochen auf die kleinen und grösseren Exkurse in die Alltagsphilosophie in seinem Werk, «mein Vater war einer.» Wenn er die Handlung im Roman hin und wieder unterbricht, dann bezeichnet er das als «literarisches Denken». Damit steht er in der Tradition anderer Schriftsteller wie etwa von Marcel Proust, William Faulkner, Laurence Sterne, Max Frisch oder der von Jaime verschiedentlich zitierten Rainer Maria Rilke und T. S. Eliot.
Von Sterne hat er auch die Technik übernommen, die Handlung phasenweise fortschreiten zu lassen («Progression»), um sie in anderen Phasen abrupt zu stoppen («Degression»); rechtzeitig, bevor sich der Leser nur noch für das Schicksal der Protagonisten interessiert und nicht mehr für die Welt rundherum. «Natürlich ist die Handlung das, was den Leser die Seiten drehen lässt. Ich freue mich selber an Büchern mit einer starken Handlung, aber sie hinterlassen bei mir kein Echo, wenn ich die Buchdeckel geschlossen habe.»
Dem Menschen alles zutrauen
Marías’ Bücher sind voller Echos, die beim Leser über den Tag hinaus nachhallen. Da geht es etwa um die Frage von Vertrauen und Misstrauen. «Ich habe früher fast jedem getraut», sagt Marías, «und mich zwei- oder dreimal arg getäuscht. Jetzt bin ich vorsichtiger, aber natürlich geht es nicht ohne Vertrauensvorschuss gegenüber jedem. Sonst wäre das Leben schrecklich.» Trotzdem traut er heute jedem Menschen alles zu – zumindest im Schlechten. «Im Guten gibt es einige, denen ich nichts zutraue.» So soll sein nächster Roman, ein kleiner, der schwärzeste von allen werden. Hauptfigur in «Dein Gesicht morgen» ist neben dem Protagonisten Jaime dessen Chef. Der Geheimdienstmann mit wechselnden Namen – Tupra oder Reresby oder Ure oder Dundas – ist Oberst oder Major (so genau weiss man das beim Geheimdienst nicht), ein grosser Zyniker, der Einzige, der nichts erzählt oder zumindest nur das, was Wirkung haben soll. Aber Tupra alias Reresby alias Dundas hat auch die Rolle, die unbequemen Wahrheiten zu sagen – diese Eigenschaft hat er sich bei Marías ausgeliehen, der Political Correctness neben Politikerreden als Hauptgrund für den Niedergang der Sprache ansieht.
Tupra ist etwa überzeugt, dass sich jeder selbst der Nächste ist und Eltern noch im Katastrophenfall sich selber zuerst retten, bevor sie nach ihren Kindern schauen. Und so lautet die Tupra-Frage an Jaime nach einem für ihn traumatischen «Zwischenfall» (in Band 2) in der Behindertentoilette einer Londoner Diskothek im dritten Band: «Warum kann man nicht einfach herumprügeln und töten?» Jaimes Antwort ist auch die Antwort der spanischen Gesellschaft nach den traumatischen Ereignissen rund um den Bürgerkrieg 1936–1939 und den bleiernen Jahren danach: «Weil so niemand leben könnte.»
Es gibt andere schlichte Sätze, die dem Leser bleiben. Etwa: «Jeder ist bereit zu leugnen, was er vor Augen hat.» Und: «Wir glauben, dass wir aus eigenem Verdienst erreicht hätten, was wir gestohlen haben.» Oder: «Es ist schwer zu lügen, wenn man seiner Lüge selbst nicht glaubt.» Dann: «Man hat in nichts absolute Gewissheit, was die anderen betrifft, und vielleicht nicht einmal in dem, was einen selber betrifft.» Und schliesslich: «Wir glauben, was wir haben, müsste für immer sein. Wir sollten Vorläufiges gewohnt sein, das Gegenteil.»
«Es sind doch weniger Klammern als früher, oder?»
Häufig setzt Marías solche Bemerkungen in Klammern. Das kann er wie kein anderer, seine Klammern unterbrechen, setzen Zwischentöne, erlauben Abschweifungen, eigene Geschichten. Und selbst die endlosen werden irgendwann geschlossen, ist hier doch der Weltmeister im Klammernsetzen am Werk. Weltmeister? Auch dieses Lob lässt er nicht gelten und nebelt diesmal sich selber ein mit der nächsten Zigarette, es bleiben sieben. «Es sind doch weniger Klammern als früher, oder?»
Und was? Ein Meister des Cliffhangers sei er auch? (Ja, auch diese Technik beherrscht Marías weltmeisterlich, die Handlung am interessantesten Punkt zu stoppen, für eine Abschweifung, die sich vermeintlich als banal erweist. Das wird jeder Leser bestätigen, der am Ende des ersten Bandes Zeuge wird, wie Jaime im nächtlichen Londoner Regen von einer Gestalt hartnäckig verfolgt wird unter einem Schirm mit Hund – er hört mit der Zeit selber die Hundekrallen auf dem Asphalt: «Tis-tis-tis.» Jaime kann sich der Beschattung vermeintlich entziehen, da läutet es, unten steht die Gestalt unter dem Schirm, daneben der Hund, er fragt vor dem Öffnen über das Haustelefon: «Ja?» Und eine Stimme antwortet: «Jaime, ich bins.» Punkt und Ende. Ein Held, wer nicht gleich Band 2 bestellt.)
Cliffhanger? «Ach wo», sagt Marías, «da läutet am Ende des ersten Bandes einfach jemand an einer Wohnung, mit Cliffhanger hat das nichts zu tun.» Lob duldet Marías nur als Koketterie, sich in ihm einzurichten, käme ihm als Verschwendung vor. Dabei darf das Lob an diesem Werk von Marías verschwenderisch sein: Der Autor löst im Grunde alle Grenzen auf, zuerst jene zwischen Fiktion und Realität. Ihre Verschmelzung war schon angedeutet in dem um die Jahrtausendwende erschienenen Buch «Schwarzer Rücken der Zeit», das sich im Nachhinein wie ein Prolog zu «Dein Gesicht morgen» liest: «Ich glaube, dass ich Fiktion und Wirklichkeit noch nie verwechselt habe, wenn ich sie auch mehr als einmal miteinander vermischt habe, wie es jeder tut, nicht nur die Romanciers, nicht nur die Schriftsteller, sondern alle, die seit Beginn unserer Zeit irgendetwas erzählt haben.»
Damit sind auch all die «Ausleihungen» in der Realität erklärt, die Marías macht, so auch die Geschichte des Verrats an seinem Vater, die im Buch zum Verrat an Jaimes Vater wird. Marías hat die rund dreissig Seiten übrigens seinem Vater zu lesen gegeben und ihn gefragt: «Wars so?» «Ja», sagte der Vater nach der Lektüre, «aber ich habe die Namen der beiden Freunde, die mich verraten haben, nie genannt – warum nennst du sie jetzt?» «In einem Zeitungsartikel würde ich sie nicht nennen», antwortete Javier, «aber das ist ein Roman, da gehen die Leser davon aus, dass die Namen falsch sind.» (Die beiden Verräter sind inzwischen tot, übrigens.)
Marías löst auch die Grenzen zwischen den Zeiten auf. Die Gesichter gestern und morgen, zuletzt die Totenmaske, sind im Gesicht heute stets präsent. Am schönsten wird die Grenze zwischen den Zeiten verwischt in der Beschreibung des alternden Vaters. Marías vergleicht die Zeit für einen alternden Menschen mit Schnee, der sich einem auf die Schulter setzt. Irgendwann hört der Schneefall auf.
Er will Zeit verlieren
Das Verschmelzen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kommt in einem kleinen Dialog zwischen Jaime und seinem Vater kurz vor dessen Tod am schönsten auf den Punkt: «Sag Onkel Victor, er soll bitte meinem Vater Bescheid geben, dass ich mich jetzt auf den Heimweg mache.» «Dein Vater ist doch schon sehr lange tot», entgegnet Jaime. Darauf der Vater: «Ich weiss schon, dass sie tot sind. Du bringst mir vielleicht Neuigkeiten, Jacobo.» Javier Marías will den Umgang mit der Zeit bewusst erleben. Das ist auch der Grund, warum er seine Texte noch immer auf einer Schreibmaschine schreibt, die sich auf dem Tisch zwischen den Büchertürmen immer noch behauptet. «Viele sagen mir: Auf dem Computer wärst du schneller, da hättest du nicht acht Jahre für dieses Buch gebraucht. Ich will aber nicht schneller sein. Sie sagen, du verlierst so Zeit. Ich will aber Zeit verlieren. Ich will erfahren, wie es fünf Uhr, sechs Uhr, sieben Uhr wird.» Es ist diese Form des «Slow Writing», die Marías und seinen Figuren den Raum gibt, sich wie Teig in der Zeit zu entwickeln. So ist «Dein Gesicht morgen» auch der grosse Entwicklungsroman von Jaime, von seinem Gesicht gestern zu seinem Gesicht morgen. Marías und Jaime brauchen die Zeit, um vom «Fieber» zum «unvollkommenen Stoizismus» zu kommen, denn natürlich geht es in diesem grossen Werk zuletzt auch um Schuld.
Eine tödliche Falle
Gerade in einem Geheimdienst, gerade ohne Patriotismus, gerade ohne schonende Verklärung muss Jaime damit fertig werden, zum Zeugen und Mittäter von Ereignissen zu werden. Erst wird er unfreiwillig Zeuge eines Gewaltakts seines Chefs, danach versucht er gewaltsam einen privaten Rivalen zu beseitigen. («Lass ihn von der Bildfläche verschwinden», sagt sein Chef.) Und schliesslich erschrickt er, als auf seinen Vorschlag hin einem alternden Sänger eine Falle gestellt wird, die für einen Unbeteiligten tödlich endet.
«Kann Jaime mit der Schuld leben?», frage ich schliesslich bei Zigarette acht. Marías überlegt lange, öffnet erst das Fenster, um den Besucher wieder deutlicher zu sehen. Es sind ihm von der Tagesration noch drei Zigaretten geblieben. Draussen dunkelt es langsam am Vorabend dieses Vorfrühlingstages im Zentrum Madrids. Von der Calle Mayor, auf der Jaime den Rivalen beschattet hatte, sind Stimmen zu hören. Menschen, die sich gegenseitig erzählen, vieles, alles, sich in die Gesichter schauen, sich vieles zutrauen, alles, um Gefallen bitten, sie verweigern, sie gewähren. Und man hört Hundepfoten auf den Gehsteigen – tis, tis, tis. «Ich glaube ja», sagt Javier Marías. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.03.2010, 04:00 Uhr















