Das männliche Vakuum

Buben leiden besonders unter Scheidungen. Weil die gleichgeschlechtliche Identifikationsfigur fehlt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was sind die Folgen einer Scheidung für Buben und Männer? Das war Thema des 2. Wissenschaftlichen Männerkongresses an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Die Tagungsbeiträge liegen nun als Buch vor. Die Ergebnisse sind bedrückend. Der Soziologe Robert Schlack vom Robert-Koch-Institut etwa berichtet, dass Buben aus geschiedenen Beziehungen «mehr Risikoverhalten, mehr psychosomatische Probleme, mehr psychische Auffälligkeiten und weniger verfügbare Schutzfaktoren aufweisen als Kinder aus Kernfamilien mit beiden leiblichen Eltern». Konkret heisst das: sehr viel häufiger Übergewicht, doppelt so hohe Raucherquoten, dreimal so häufig Schlafstörungen, doppelt so häufig emotionale Probleme, soziale Probleme mit Gleichaltrigen und Hyperaktivitätsprobleme. Jungen, die ohne Vater aufwachsen, haben auch später noch ein erhöhtes Depressionsrisiko; die zweithäufigste Todesursache von Jungen ist der Suizid, weit öfter als von Mädchen.

Für die Schweiz gilt wie für Deutschland: In rund 90 Prozent der Fälle bleiben Kinder nach der Scheidung bei der Mutter. Abgesehen von den Problemen, mit denen alleinerziehende Mütter konfrontiert sind, können sie den für Buben wichtigen Erziehungsbeitrag des Vaters nicht kompensieren. «Väter sind unersetzbar bei der Rollenfindung des Jungen», schreibt der Mediziner und Psychiater Matthias Franz. «Nur sie können ihm bei der sexuellen Identifikation den Weg weisen – wenn das die Mütter versuchen, bekommen die Jungen Angst.»

Gewalt, Drogen, Vandalismus

Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Frank Dammasch führt diesen Gedankengang noch weiter: Ein liebevoller und schützender Vater bietet dem Jungen einerseits ein wichtiges Identifikationsangebot und begrenzt andererseits durch seine Anwesenheit die narzisstischen Grössenfantasien des heranwachsenden Jungen. Es falle vaterlosen Jungen deutlich schwerer, zu akzeptieren, dass ihr eigenes Selbst Grenzen hat, da sie sich nicht mit einer väterlichen Autorität auseinandersetzen könnten. Dies führe dann vor allem zu Konflikten in der Schule, wo die Jungen gerade zu Beginn ihrer Schullaufbahn wieder nur auf weibliche Erzieher treffen. Viele dieser Jungen bringen die Lehrerinnen mit ihrem grossspurigen und aggressiv anmassenden Verhalten gegen sich auf.

Negativ sei auch, dass vaterlose Jungen ausserhalb der Familie kaum männlichen Identifikationsfiguren begegnen: «In Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen findet sich vorwiegend weibliches Personal», konstatiert auch Matthias Franz. «Die frühen Sozialisationsräume sind feminisiert.» Die Versuche von Buben, sich männlich zu orientieren und herauszufinden, was Männlichkeit positiv bedeuten kann, laufen also auch ausserhalb der Schule ins Leere. Dieses Vakuum wird häufig mit Gewalt, Drogen, Vandalismus oder Pornografie pseudogefüllt.

Der Kongress hat sich nicht mit solcher Diagnose begnügt, sondern auch Forderungen erhoben, die das Trennungsleid zumindest lindern könnten. Dazu gehört, dass die bei Trennungen und Scheidungen häufige Benachteiligung von Vätern zu beheben sei, an Schulen und Kindertageseinrichtungen eine Männerquote eingeführt werden sollte und, um den Bedürfnissen aller gerecht zu werden, ideologiefreie Hilfe in Konfliktberatungsstellen für Männer, Frauen und Kinder notwendig sei.

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Männerforschung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.12.2013, 08:41 Uhr

Fehlendes Identifikationsangebot: Szene aus dem Scheidungsfilm «The Squid And The Whale».

Matthias Franz/André Karger (Hg.): Scheiden tut weh. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013. 286 S., ca. 40 Fr.

Artikel zum Thema

Über 1000 Väter könnten vergebens gehofft haben

Sorgerechtsrevision Wer sich vor Mitte 2009 scheiden liess, bleibt vom neuen Sorgerecht ausgeschlossen. Elternvereinigungen sind enttäuscht. Mehr...

«Eine verleumderische Sauerei»

Interview Harmlos? Homoerotisch? Pädophil? An einem für SRF produzierten Film scheiden sich die Geister. Nun nimmt der Regisseur im Interview Stellung. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Hereinspaziert: Ein chinesischer Ehrengardist öffnet den Vorhang für den französischen Premier Bernard Cazeneuve, der in der Grossen Halle des Volkes in Peking mit einer Willkommenszeremonie empfangen wird. (21. Februar 2017)
(Bild: Mark Schiefelbein/AP) Mehr...