Kultur

«Dass sich Sepp Blatter nicht meldet, zeugt von Grösse»

Von Alexandra Bröhm. Aktualisiert am 02.06.2009

Der Bestseller-Krimi «Sechseläuten» dreht sich um eine tote Fifa-Mitarbeiterin. Der Schweizer Autor Michael Theurillat über die Weltfussballverband, die Finanzkrise und mittelalterliche Damen.

«Ich schreibe die Krimis, die ich selbst am liebsten lese»: Michael Theurillat.

«Ich schreibe die Krimis, die ich selbst am liebsten lese»: Michael Theurillat. (Bild: Ullstein)

Das Buch

Michael Theurillat: Sechseläuten. Ullstein, 304 S., Fr. 36.90

Der Autor

Michael Theurillat, 48, ist einer der erfolgreichsten Schweizer Krimiautoren. Sein neues Buch «Sechseläuten» schaffte es auf Platz eins der Bestsellerlisten: Kommissar Eschenbach muss einen ungewöhnlichen Todesfall am Rande des Zürcher Zünftefestes untersuchen. Die Tote ist Mitarbeiterin des Fussball-Weltverbandes Fifa. Seine Ermittlungen führen Eschenbach in ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte. Der Basler Theurillat ist promovierter Ökonom und war bis im Jahr 2000 in leitender Stellung bei der UBS tätig. Dann begann er Krimis zu schreiben. Nach «Im Sommer sterben» und «Eistod» ist dies Eschenbachs 3. Fall.

Michael Theurillat, die Fifa kommt in Ihrem neuen Buch nicht besonders gut weg. Hat sich Sepp Blatter schon bei Ihnen gemeldet?
Nein. Und ich finde, das zeugt von Grösse.

Warum?
Ich habe mit allem gerechnet, sogar mit einer superprovisorischen Verfügung.

Wäre gute Werbung.
Trotzdem finde ich das Schweigen toll. Meine Haltung zur Fifa ist gespalten.

Manche Leute sagen, die Organisation habe mafiöse Strukturen.
In meiner Zeit als Banker habe ich die Wirtschaftswelt auch in Ländern kennengelernt, in denen Bestechung an der Tagesordnung ist. Wer den Fussball in der Welt kommerzialisieren will, muss sich anpassen. Erpresserische Verhandlungstaktiken sind heute sowieso salonfähiger geworden.

Warum?
Es gehört zum Spiel. Dominiert von Anwälten hat sich ein neues Verhandlungsbewusstsein entwickelt. «Was gibst du mir, wenn ich dir das gebe?», heisst es häufig. Wann das moralisch verwerflich wird, muss jeder für sich selbst beantworten.

Wie bei den Kindern der Landstrasse, dem staatlich geförderten Kindsentzug, einem anderen Thema im Buch.
Ja. Da geht es um menschliche Schicksale. Ich wollte ein Stück unterdrückte Schweizer Geschichte wieder ins Bewusstsein rücken.

Was bedeutet es Ihnen, dass Sie auf Platz eins der Bestsellerliste standen?
Es hat mich sehr gefreut. Das Buch hatte aus privaten Gründen eine schwierige Entstehungsgeschichte. Ich war im Verzug, habe die letzten hundert Seiten in kaum zurechnungsfähigem Zustand geschrieben. Diese gefallen mir jetzt am besten (lacht).

Wie war es, die Bankenkrise als ehemaliger Insider von aussen zu beobachten?
Es war ein reinigendes Gewitter, unter dem aber viele Unschuldige leiden. Wir haben einen kurzen Blick in einen tiefen Abgrund geworfen.

Inwiefern?
Ich dachte immer, der Kapitalismus sei selbstregulierend. Doch der Egoismus und die Angst können das System innert Wochen zum Kollaps bringen.

Egoismus ist eine der Antriebskräfte des Systems.
Ja. Aber die Angst bringt uns problemlos an den Abgrund . Wenn die Menschen ihr Geld aus Angst von den Banken abziehen, friert alles ein.

Sie schlagen in Ihrem Buch ein gemächliches Tempo an. Trotzdem sind Sie erfolgreich.
Das erstaunt mich auch (lacht). Ich schreibe die Krimis, die ich selbst am liebsten lese. Und ich möchte Zeit für Humor haben.

Wer sind Ihre Leser?
Die grösste und sehr angenehme Gruppe an den Lesungen sind mittelalterliche Damen. Die lauteste sind Männer aus Zürich. Sie meinen, mich korrigieren zu müssen, weil ich als Basler Zürcher Krimis schreibe.

Haben Sie Ihre Bankerkarriere damals mit dem klaren Ziel aufgegeben, Krimiautor zu werden?
Oh nein. Das Schreiben war eher therapeutisch. Meine Mutter ist Literaturwissenschafterin, deshalb haben Bücher immer zu meinem Leben gehört. Dass ich so schnell einen Agenten und einen Verlag gefunden habe, war zu 90 Prozent Glück.

Sie untertreiben.
10 Prozent Talent hat es auch noch gebraucht. (NEWS)

Erstellt: 02.06.2009, 09:48 Uhr

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