Den Weltuntergang hat der Westen exklusiv

Die Vorstellung, dass die Welt komplett ausgelöscht werde, existiert so radikal nur in der jüdischen und christlichen Tradition - wie Historiker Johannes Fried in seinem neuen Buch zeigt.

Die apokalyptischen Reiter (Gemälde von Wiktor Wasnezow).

Die apokalyptischen Reiter (Gemälde von Wiktor Wasnezow).

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Die Griechen hatten seit Heraklit zwar Vorstellungen von einer zyklischen Auslöschung der Materie im Feuer, aber danach sollte es wieder von vorne losgehen. Der germanische Weltuntergang Ragnarök, der in der «Völuspá» beschrieben wird, ist ebenfalls nur befristet und ist zumindest in seinen späten Überlieferungen aus dem 13. und 14. Jahrhundert vermutlich von biblischen Motiven überformt. «Definitive Weltuntergänge», so Fried, «wurden, wie es scheint, erst unter christlichem Einfluss entworfen.»

Pop und Apokalypse

Die jüdischen Weltuntergangvorstellungen sind wahrscheinlich ein Reflex auf einen echten Untergang: Die Eroberung Jerusalems und des Königreichs Judäa durch König Nebukadnezar II. und die Zwangsumsiedlung grosser Teile der jüdischen Oberschicht ins babylonische Exil im späten sechsten Jahrhundert vor Christus. Weil die relativ kleine Zahl der Umgesiedelten in der Fremde darum kämpfte, ihre Identität zu bewahren, gelten die Jahrzehnte des Exils als eine der produktivsten Phasen der jüdischen Theologie.

Hier wurde im Deuterojesaja die früheste Version der Apokalypse formuliert. Zefanja sprach bald darauf die Sorge vor dem «Tag des Zorns, jenem Tag» aus. Der Zweiklang «dies irae, dies illa» gehört dank der mittelalterlichen Hymnik neben der Zahl 666 des grossen Tiers des Johannes zu den allgegenwärtigen Bestandteilen popkultureller Apokalypseanspielungen. Auch Frieds Buch heisst «Dies irae». Den Niederschlägen des Weltuntergangs in der jüngeren Kunst widmet er ein eigenes Kapitel, das den Bogen vom Expressionismus bis zum Death Metal spannt.

Berechnung des Weltendes

Mit der Johannes-Apokalypse endet zwar die Bibel, aber natürlich nicht die Apokalyptik. Die ersten Christengenerationen lebten in unmittelbarer Erwartung des Weltuntergangs und der Wiederkehr Christi. Als sich diese Parusie verzögerte, sah sich die junge Religion geistig herausgefordert. Fried schreibt: «Die Apokalyptik … war seit dem frühen Christentum stets begleitet von einem praktischen, zunehmend skeptischen, analytischen, auch von utopischem Denken.»

Wie sich das genau in der westlichen Kultur verwirklichte, zeigt Fried in seinem Buch, das mit dem Wissen eines langen Forscherlebens gestopft ist wie eine französische Gans mit Mastfutter – und genauso geniessbar. Beispielhaft kann dafür die Geschichte des europäischen Zeitmanagements stehen. Zwar war es Christen eigentlich verboten, das Datum des Weltendes zu berechnen, doch taten sie das natürlich trotzdem.

Der Papst als Antichrist

Ausserdem kam es angesichts des ständig drohenden Strafgerichts darauf an, schon vorher im Einklang mit dem Heil zu leben. 1267 registrierte Roger Bacon, das Osterfest werde zu einem falschen Termin gefeiert, die Fastenzeit habe acht Tage zu spät begonnen, man habe Fleisch gegessen, als man es nicht durfte. Das konnte Auswirkungen auf die ewige Seligkeit haben. Die Kalenderreformen Karl des Grossen und des Papstes Gregor sollten so etwas verhindern.

Die Pointe ist, dass die modernen Naturwissenschaften die Apokalypse rehabilitiert haben. Seitdem wir wissen, dass die Sonne irgendwann verlöschen wird und dass im Weltall Meteoriten herumschwirren, deren Einschlag (wie vor Millionen Jahren schon einmal geschehen) fast alles Leben auslöschen könnte, ist das jahrtausendealte Hirngespinst mystischer Juden und Christen plötzlich eine ganz reale Möglichkeit.

Johannes Fried: «Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs». C.H.Beck, München. 352 Seiten. (Matthias Heine/welt.de)

Erstellt: 06.06.2016, 13:48 Uhr

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