Der Mann, die verfolgte Unschuld

Bevorteilt eine männerfeindliche Justiz Frauen, die eine Vergewaltigung anzeigen? Jörg und Miriam Kachelmann verblüffen mit ihren Thesen zu den Rachegelüsten der vermeintlichen Opfer.

Die Abrechnung. Jörg Kachelmann mit Ehefrau Miriam vor einem Schaubild des gemeinsamen Buches «Recht und Gerechtigkeit».

Die Abrechnung. Jörg Kachelmann mit Ehefrau Miriam vor einem Schaubild des gemeinsamen Buches «Recht und Gerechtigkeit». Bild: Keystone

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Im Herbst 2010 und im Frühjahr 2011 bin ich mehrfach nach Mannheim gefahren. Dort habe ich mich im Saal 1 des Landgerichtsgebäudes unter die ­Zuhörer gemischt und dem Prozess ­gegen Jörg Kachelmann gelauscht. Der Schweizer Meteorologe und ARD-Wetter­moderator war der schweren Vergewaltigung einer seiner Ex-Freundinnen angeklagt und verfolgtesein Verfahren 44 Tage lang blass und ohne den Vorwurf zu kommentieren.

Zuvor hatte er 132 Tage lang in Unter­suchungshaft gesessen, bis ihn das Oberlandesgericht Karlsruhe ohne Auflagen in die Freiheit entliess, weil es den dringenden Tatverdacht verneinte. Was ich dort sah, beim Prozess in Mannheim, war ein Gerichts- und Medienspektakel. Es war ein allseitiges Kesseltreiben gegen Kachelmann. Es war ein Debakel für die Justiz und ein Beispiel dafür, wie die öffentliche Meinung unzulässig in ein Verfahren eingreift.

Von Anfang an keine Beweise

Meine persönliche Meinung war immer die, dass Kachelmann die Tat nicht begangen hatte. Andere trauten dem Filou mit den vielen Freundinnen alles zu. Aber auf meine persönliche Meinung wie auf irgendeine persönliche Meinung kam und kommt es nicht an. Einzig bedeutsam war, dass Kachelmann dort, in Mannheim, im Stande der Unschuldsvermutung seinen Richtern gegenübertrat. Man musste ihm beweisen, dass er Claudia D., die Anzeige­erstatterin und Nebenklägerin, in ihrer Schwetzinger Wohnung mit einem Messer bedroht und missbraucht hatte. Aber es gab keine Beweise, von Anfang an nicht.

Es sollte sich herausstellen, dass die Anschuldigungen von Claudia D. nicht belastbar waren, wie die psycholo­gischen Gutachten fast einstimmig ergaben. Es sollte sich herausstellen, dass Claudia D. schon vor der Staatsanwaltschaft falsche Aussagen gemacht hatte. Die Rechtsmediziner hatten keine Spuren gefunden, die darauf schliessen liessen, dass Kachelmann Gewalt angewendet hätte. Mögliche Verletzungen, die aus einer Vergewaltigung hätten stammen können, hatte sich die Nebenklägerin vermutlich selber bei­gebracht.

Die Aussagen ehemaliger Kachel­mann-Freundinnen, die peinlichst genau in nicht-öffentlichen Sitzungen über ihr Verhältnis zum Angeklagten Auskunft gaben, konnten ohnehin nichts zur Klärung des vermeintlichen Tatgeschehens beitragen. Wie Kachelmann sein Privatleben gestaltete, war nicht Gegenstand der Anklage, durfte es nicht sein. So gesehen hätte es nicht 44 Prozesstage dauern dürfen, um zu einem Urteil zu finden. Der Freispruch war schon vorher unausweichlich.

Der böse Verdacht

Aber das hätte ja einen Gesichtsverlust für Polizei und Justiz bedeutet, wenn sich der böse Verdacht in pure Luft aufgelöst hätte. Das Mannheimer Landgericht sprach Kachelmann am 30. Mai 2011 deshalb nur «im Zweifel für den Angeklagten» frei. Es konnte sich nicht dazu durchringen, der Anzeigeerstatterin Claudia D. eine Falschaussage zu unterstellen. Das Gericht entliess den Angeklagten und die Nebenklägerin mit einem «möglicherweise nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht, ihn als potenziellen Vergewal­tiger, sie als potenzielle rachsüchtige Lügnerin».

Eine Interpretation, die Restzweifel daran liess, ob Kachelmann die Tat nicht doch begangen hatte. Für dieses Nachtreten hat das Gericht Prügel eingesteckt – wie für vieles andere in der Verfahrensführung auch. Ansonsten war der Freispruch, wie gesagt, das rechtsstaatlich einzig annehmbare ­Ergebnis. So stand es seinerzeit auch in der BaZ.

Eineinhalb Jahre lang hat sich Jörg Kachelmann (54) Zeit gelassen, mit seinen Quälgeistern in Justiz und Medienhäusern abzurechnen. Jetzt hat er zusammen mit seiner Frau Miriam (26) ein Buch geschrieben. Es heisst «Recht und Gerechtigkeit» und rollt den Fall von vorne bis hinten minutiös noch einmal auf. Co-Autorin Miriam Kachelmann, eine Psychologiestudentin, war bei Kachelmanns Verhaftung am 20. März 2010 am Frankfurter Flug­hafen, weil damals mit Kachelmann ­liiert, zugegen; sie war auch Zeugin im Mannheimer Prozess und hat hinter verschlossenen Türen die Art ihrer Beziehung zu Kachelmann aufs Detailreichste erläutern müssen. Später arbeitete sie sich in die Prozessmaterie ein, beriet das Verteidigerteam und hei­ratete ihn im Laufe des Verfahrens. In den Augen der Boulevard-Presse hatte sie damit «das Rennen gemacht».

Kein gutes Haar

Wie zu erwarten, lässt das Ehepaar Kachelmann in «Recht und Gerechtigkeit» kein gutes Haar an der Anzeige­erstatterin Claudia D., an der Mann­heimer Justiz, an den Medien. Namentlich das Verlagshaus Burda («Focus», «Bunte») wird schwer dafür gegeisselt, die Aussage zahlreicher Exfreundinnen von Kachelmann, die im Prozess aus­sagen mussten, gekauft zu haben.

Die Feministin und «Emma»-Herausgeberin Alice Schwarzer, die für die «Bild»-Zeitung die Berichterstattung übernommen hatte, bekommt ebenfalls ihr Fett weg, weil sie in Kachelmann den frauen­verachtenden Macho gesehen hat und immer noch sieht, dem eine ­solche Tat ohne Weiteres zuzutrauen wäre. Insgesamt zeichnet das Buch das Bild einer verfolgungswütigen Staats­anwaltschaft, eines überforderten ­Gerichts und eines «medialen Kloakenmahlstroms» – was für eine Vorverur­teilung gesorgt habe, mit der ein Prominenter endgültig zur Strecke gebracht werden sollte.

Die innere Wut

Da ist eine innere Wut, die nun heraus will. Das ist nach dem, was Kachelmann widerfahren ist, nur verständlich. Aber das Ehepaar Kachelmann will mehr. Es hat eine Mission. Denn wenn die 132 Tage Untersuchungshaft, wenn die 44 schweren Prozesstage für Kachel­mann einen Sinn ergeben sollen, dann ist es der, exemplarisch Opfer sein zu wollen.

Miriam und Jörg Kachelmann beklagen deshalb die angeblich wach­sende Zahl von Falschbezichtigungen in Vergewaltigungsverfahren und planen ein «Netzwerk», den Opfern solcher Falschbezichtigungen künftig beratend zur Seite zu stehen. Kurz: Aus dem Fall Kachelmann wollen die beiden ein Lehrstück machen über eine angeblich männerfeindliche Justiz, die Anzeige­erstatterinnen von vornherein mit ­einem «Opfer-Abo» versehe und ihnen folgenlos gestatte, mit ihrem Partner oder Lebensgefährten abzurechnen. Das ist vermessen.

Empirisches Material dazu bleibt das Buch weitgehend schuldig. Ein Rechtsmediziner wird in Stellung ­gebracht, der eine wachsende Zahl von selbst beigebrachten Verletzungen von Anzeigeerstatterinnen konstatiert haben will. Mehr an Zahlenmaterial ist da nicht. Das Buch kommt dennoch zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass die Mehrzahl der Vergewaltigungsanzeigen heutzutage auf Falschbezichtigungen beruhe. Jörg und Miriam Kachelmann erwecken so den Eindruck, dass inzwischen reihenweise Frauen als Rache­engel vor Gericht ziehen, um ihre Partner mit unzutreffenden Missbrauchsvorwürfen aus ihrem ­Leben zu entfernen, in ihrer Existenz zu gefährden oder das Sorgerecht für das gemeinsame Kind zu ergattern.

In Watte gepackt?

Das ist ein Befund, der so nicht stimmen kann. Die beiden negieren, dass reale Vergewaltigungen tausendfach gar nicht erst angezeigt werden, man rechnet mit 90 bis 95 Prozent aller ­Fälle. Und die Falschbezichtigungen unter den zahlenmässig sowieso geringen ­Anzeigen dürften sich nochmals im niedrigen einstelligen Prozentbereich bewegen. Will heissen: Die «gewohnheitsmässig männerverurteilende Justiz», die mithilfe einer ganzen «Opferindustrie» Frauen in Watte packe und Männer zunehmend kriminalisiere, ist eine Mär.

Umgekehrt erklären Kachelmann & Kachelmann den Mann von heute für zu duldsam und schwach, sich gegen die falschen Anschuldigungen ihrer Partner zu wehren – «zu dominant ist die Rolle der Frau als Opfer». Das ist, pardon, Quatsch und kehrt die ­Geschlechter- und Kräfteverhältnisse nachgerade um.

Alte und neue Klagen

Die Nebenklägerin Claudia D. hat inzwischen erfolgreich dagegen geklagt, ihren Vollnamen in dem Buch vorzufinden. Nun muss vom Heyne ­Verlag nachgeschwärzt werden. Auch mit Alice Schwarzer liegt Jörg Kachelmann gerichtlich über Kreuz: Sie hatte nach dem Prozess «einvernehmlichen Sex» und «Unschuldsvermutung» als «Unworte des Jahres» vorgeschlagen. Zur Begründung regte sie an, doch «Claudia D. oder irgendeine von den 86 800 geschätzten vergewaltigten Frauen im Jahr» zu fragen, «deren Vergewaltigung nie angezeigt, nie angeklagt, nie verurteilt wurde». Der Rechtsstreit, ob sie damit den Eindruck erwecke, dass Kachelmann seine Exfreundin doch vergewaltigt ­hätte, geht gerade in die nächste Instanz.

Und am Sonntag, in der Talkrunde bei Günther Jauch, gab Kachelmann ein eher blasses Bild ab, als ihm die Zahlen und die Vorwürfe, er pauschalisiere, nur so um die Ohren flogen und seine resolute Partnerin sich schützend vor ihn stellte. Er sollte seinen gerechten Freispruch feiern und fortan nur noch das Wetter kommentieren. Sonst droht er ein trauriger Fall zu werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.10.2012, 13:59 Uhr

Jörg und Miriam Kachelmann: «Recht und Gerechtigkeit», Heyne Verlag 2012, 384 Seiten, ca. Fr. 30.–

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