Kultur

Der Max Frisch der späten Tage

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 01.04.2010

Wer sich von der Debatte um die Rechtmässigkeit der Veröffentlichung nicht irritieren lässt, kann in den «Entwürfen zu einem dritten Tagebuch» ein berührendes Dokument eines alternden Schriftstellers entdecken.

Max Frisch und Alice Locke-Carey auf dem Dach ihres Lofts in Soho, New York 1981.

© Sigrid Estrada

Das Alter ist nichts für Feiglinge: Dieser Satz wird dem königlich-preussischen Leibarzt Christoph Wilhelm Hufeland zugeschrieben (manchmal auch dem Kurvenstar Mae West). Auch Max Frisch weiss, dass es vor allem Mut braucht, um die letzte Lebensphase zu bestehen. Der Mut ist ihm ein unentbehrlicher Begleiter – «er steht auf, spätestens wenn ich den Kaffee koche, wie ein treuer Hund, der neben dem Bett geschlafen hat: der Mut!», heisst es in den «Entwürfen zu einem dritten Tagebuch» aus dem Jahr 1982.

Da ist Max Frisch 71 Jahre alt, und er fühlt sich nicht so, wie man den «jungen Alten» heute suggeriert, dass sie sich fühlen sollten. «Ich bin ein Greis» formuliert er ohne Umschweife, und schonungslos notiert er die Schwunderlebnisse: Bei der täglichen Gymnastik muss er zunehmend auf Übungen verzichten, das Gedächtnis lässt ihn im Stich, Fehlleistungen häufen sich, immer weniger interessiert, immer mehr langweilt ihn. Sogar das, was er schreibt.

Auf der Suche nach Lebensssinn

Ist es wichtig, was er denkt über dies oder das? Das fragt sich einer, dessen intellektuelle und politische Positionen sein Land seit Jahrzehnten beschäftigt, oft empört haben. Die Antwort fällt immer wieder negativ aus. Und der Zweifel frisst sich von der Jetztzeit ins Grundsätzliche: Wo ist der Sinn dessen, was sein Leben bestimmt hat? Was hat er bewegt, bewirkt? «Es ist mit Reden und Schriften nichts zu machen. So wenig wie mit einer Selbstverbrennung oder einem Attentat. Vielleicht mit Kleinarbeit, ja, das dachten wir lange Zeit: Was für ein biedrer Grössenwahn!»

Das betrifft die politische Aktivität, die ihm nun fruchtlos erscheint angesichts des universalen Bedrohungszusammenhangs. 1982, da regiert Ronald Reagan die USA, rüstet und rüstet, unter dem der Kalte Krieg wieder aufglüht und ein Atomkrieg wieder denkbar, führbar erscheint. Endzeitstimmung herrscht in politisch wachen Kreisen des Westens, das Gefühl der Unausweichlichkeit des finalen Schlagabtauschs. Frisch, auch jetzt noch ein wacher, hochempfindlicher Zeitgenosse, registriert dies, teilt das Gefühl auch und folgert, dass für den Schriftsteller die Kategorie der Nachwelt verschwindet. Ähnliches kann man auch von Günter Grass aus dieser Zeit lesen.

Berichte aus dem Loft

Diese Passagen kommen uns besonders fern, historisch, manchmal gar hysterisch vor; von Gorbatschow, Perestroika, Abrüstung konnte Frisch nichts ahnen. Wir ja auch nicht – und ist unsere heutige lockere Ignoranz des nach wie vor bestehenden vielfachen Erdvernichtungspotenzials nicht ebenso beschränkt?

Weite Teile dieses Tagebuchs spielen in New York, wo Frisch in der Prince Street in Süd-Manhattan ein Loft erworben hat und mit seiner Geliebten Alice Locke-Carey lebt (der Lynn aus «Montauk»); ihr ist das Tagebuch gewidmet. Dort sitzt er auf der eisernen Feuerleiter im fünften Stock und hadert mit seinem Gastland. «... kann es mir nicht verhehlen: Wie dieses Amerika mich ankotzt», heisst es schon auf der ersten Seite.

Später wird es analytischer. Ideologie- und Sprachkritik: Die Amerikaner kennen keine Dialektik, nur die Fusion der Begriffe. «POWER» ist identisch mit «MONEY» und dieses wiederum mit «LIBERTY». Oder die Begriffsverwirrung: Ausbeutung nennen sie «KNOW HOW», das sie nämlich den ärmeren Völkern aufdrängen und kräftig dafür kassieren. Diese Passagen lesen sich süffig, wirken aber auch etwas routiniert; es ist nicht der stärkste und tiefste Denker, der sich hier äussert. Wie immer, wenn er abstrakt, grundsätzlich, begrifflich wird.

Hart mit sich selbst

Das gilt auch für das Thema, das ihn in und zwischen den Zeilen dieses Tagebuchs am meisten beschäftigt: den Tod. Die Gesellschaft, schreibt er einmal, produziere Tod «wie noch nie, aber Tod ohne Transzendenz, und ohne Transzendenz gibt es nur die Gegenwart, richtiger gesagt, die Augenblicklichkeit unserer Existenz als Leere vor dem Tod.» Pompös paradieren da die Substantive nebeneinander und schwenken die Fahnen der Abstraktion, aber es beeindruckt uns wenig. Fehlt doch in dieser Passage das, was den Wert von Frischs Prosa ausmacht: der Rückbezug auf den, der da schreibt und denkt.

Und er weiss das: «Wenn ich mich in Begrifflichkeit einlasse», schreibt er in einem isoliert stehenden Stück im Anhang (zu dem Herausgeber Peter von Matt auch das Faksimile gestellt hat, an dem man die rigorose Streich-Arbeit Frischs ermessen kann), «so schwimme ich und fühle mich als Schwätzer... Ich bin auf Erfahrungen angewiesen, die mich begrifflich hilflos machen und von daher narrativ. Was sich nicht umsetzt ins Anschauliche, bleibt bei meiner Anlage immer uneigen.»

Das Leiden seines Freundes

So teilt sich die Erfahrung des Alterns, die er macht, dem Leser am zwingendsten in jener gegenseitigen Befruchtung von Anschauung und Reflexion mit, die Frischs Eigentliches ist. Der Erfahrung des Sterbens wiederum versucht er teilhaftig zu werden in Gestalt eines Stellvertreters. Sein Freund Peter Noll ist an Blasenkrebs erkrankt, verweigert Operation und Bestrahlung und protokolliert, was mit ihm geschieht, in den (posthum veröffentlichten) «Diktaten über Sterben und Tod».

Frisch begleitet den Freund und protokolliert seinerseits. Knapp, genau, unsentimental. Je stärker er beteiligt ist, desto mehr treibt er seinen Sätzen jede Wärme aus. Macht sie gerade so treffender, intensiver. Von fast halluzinatorischer Präsenz die Beschreibung der gemeinsamen Reise nach Ägypten, die notfallmässig abgebrochen werden muss. Auf der Fahrt zum Flughafen werden sie aufgehalten, «vor uns ein arabischer Leichenzug; der Sarg, eine Kiste aus rohem Holz, getragen von sechs Männern, wackelt inmitten einer Sippe, die singt. Kein Überholen möglich.»

Der Doppelsinn ist gewiss beabsichtigt, wie sich die Notate überhaupt erst dem zweiten Blick öffnen – und dann offen bleiben für den eigenen Denkprozess. Max Frisch ist in diesen Texten noch härter mit sich selbst als ohnehin, seine Prosa gewinnt dadurch an Dynamik. Auch an einer knochentrockenen Ironie: Die schöne Impotenz-Passage endet mit der Volte, dass «auch auf Impotenz kein Verlass ist».

Im Abendhaus des Lebens

Nein, impotent ist diese Prosa nicht, auch der absteigende Ast trägt herrliche Blüten. Die schönste ist das «Lebensabendhaus», das der studierte Architekt Frisch erst zeichnet, dann sprachlich ausmalt. Es ist eine hölzerne Villa mit vierzehn Zimmern und einer Veranda, die von fünf Säulen gestützt wird. Der Blick des Bewohners fällt auf Wiesen, Birken, Erlen; immer ist da ein Pferd in der Nähe, und weiter hinten blinkt ein See. Oder ist es eine Meeresbucht?

Das endgültige Traumhaus des ewigen Domizilwechslers Frisch ist alles andere als fixiert, es schwebt vor den Augen seines Träumers, changiert in der Vorstellung. Gäste sind da, plötzlich auch der verstorbene Bruder Franz, dann Anton Tschechow. Vielleicht kommt auch die Mutter noch. Eine säkulare Paradiesvision. Den Tod denken kann Frisch nicht. Aber sich etwas wünschen für danach, das schon. Es sind die berührendsten, die beglückendsten Seiten dieses Tagebuchs. Allein schon ihretwegen hätte es sich gelohnt, es zu drucken, lohnt es sich, sie zu lesen.

Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter von Matt. Suhrkamp, Berlin 2010. 213 S., ca. 31 Fr. Ab Samstag im Buchhandel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.04.2010, 04:00 Uhr

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