Kultur

Der Schutzherr der jungen Jugos

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 09.11.2010 11 Kommentare

Der Zugfahrer Peter Bichsel (75) als Verteidiger der jungen Generation? Der Raser? Der Jugos? Der Schriftsteller überrascht immer wieder. Auch am Montag in Zürich.

«Raser ist man nur bis zum 27. Altersjahr»: Peter Bichsel am Montag in Zürich.

«Raser ist man nur bis zum 27. Altersjahr»: Peter Bichsel am Montag in Zürich.
Bild: Rico Bandle

O-Ton

Peter Bichsel über Junge, Jugos und Raser:



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Das Lokal ist übervoll. Alle wollen ihn hören, den alten Mann, der die Langsamkeit preist, das Warten als höchste Tugend ansieht, sich am Scheitern, am Dilletantismus so freut. Das Restaurant Bärengasse: durchgestylt, mitten im Bankenviertel beim Paradeplatz, im Besitz des rastlosen Dandys Dieter Meier. Die Zuschauer: gut gekleidet, im Alltag von Börsen- oder Nachrichtentickern umgeben, die im Bewerbungsgespräch stolz angeben, ihre Schwäche sei die Ungeduld, lauschen den Ausführungen Bichsels als wärs der Dalai Lama.

«Wunderbar», sagt Dieter Meier nach der Lesung stellvertretend für die Zuhörer. Und nochmals: «Wunderbar.» Bichsel, der so überhaupt nicht in dieses schicke Umfeld passen will, wirkt zufrieden, ist zu schelmischen Zwischenbemerkungen aufgelegt. Er verkörpert all das, was dem gehetzten Städter abgeht: Er ist die Ruhe selbst, einer, bei dem die kleinen Dingen ganz gross erscheinen, einer, der Sehnsüchte wecken kann wie sonst kaum jemand.

Rassismus gegen Junge

Nach der Lesung mehrerer Texte stellt sich Bichsel dem Gespräch mit Dieter Meier und dem NZZ-Redaktor Roman Bucheli. Mit seiner nasalen Stimme lässt er sich zu Sätzen hinreissen, die Mike Müller so gerne parodiert: «Ein Schriftsteller ist ein Mensch, der mit Sprache umgeht. Und auch der Leser ist ein Mensch, der mit Sprache umgeht.» Und alle lauschen gebannt, mit ernstem, zustimmendem Blick.

Während viele Menschen seines Alters die Jugend beklagen, so ist bei Bichsel das Gegenteil der Fall. Er ortet eine Diskriminierung der Jugend: «Junge Jugos. Ältere gibt es ja nicht. So wie man ja Raser nur bis zum 27. Altersjahr ist. Ab 30 ist man ein bisschen zu schnell gefahren. Ich habe noch nie von einem Raser gehört, der 35 oder 40 war. Es sind immer nur die Jungen.» Junge würden heute stigmatisiert: «Was schlecht ist, kommt aus dem Ausland und wer schlecht ist, ist ein Junger. Ich finde das grauenhaft. Raser über 30 haben eine viel bessere Chance vor Gericht als unter 25-Jährige.»

Und wieder die zustimmenden Gesichter, wenn auch diesmal ein gewisses Erstaunen mitschwingt. Doch einem Bichsel widerspricht man nicht. Auch kein schüchternes Nachfragen. Das kommt einem gar nicht erst in den Sinn. Bichsel sei schon fast ein Nationalheiliger, meinte kürzlich der Literaturwissenschafter Peter von Matt. Wie recht er hat. Und wenn man wieder einmal eine seiner «blödsinnigen Geschichten» (Zitat Bichsel) liest, so bleibt die Erkenntnis: Die Schweiz kann sich über einen solchen Nationalheiligen glücklich schätzen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2010, 14:05 Uhr

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11 Kommentare

Thomas Läubli

10.11.2010, 20:12 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Die rechtskonservative Gutmenschen-Schickeria sieht in "Jugos" bloss Raser. Dass die Mehrheit der jungen Menschen aus dem Balkan sich korrekt verhält, geht in der Empörungsbewirtschaftung der Boulevardpresse gerne unter. Lieber bringt man den neuesten Autounfall mit Todesfolge oder eine Messerstecherei in den Schlagzeilen, als eine Reportage über ganz normale Menschen. Das verzerrt die Realität. Antworten


Gerhard Keller

09.11.2010, 16:32 Uhr
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Er sollte diese Überlegungen vor Strassenverkehrsopfern ausbreiten welche anschliessend diese gesellschaftskritisch so wertvolle Relativierung des Begriffs "Raser" mit der Perspektive von wirklichen, echten und realen Raseropfern ergänzen könnten. Aber das ausholende Schwingen der Rassismuskeule in der Schickimickiszene ist halt einfacher. Antworten



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