Kultur
Der Totengräber mit dem Dynamit
Interview: Michèle Binswanger. Aktualisiert am 26.01.2012 1 Kommentar
Alex Capus heute.
Alex Capus als Dreijähriger in der Normandie. Waffen und Munition scheinen den Autoren schon damals fasziniert zu haben.
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Als Dreikäsehoch, so schrieb der Oltner Schriftsteller Alex Capus jüngst in seinem Facebook-Profil, habe er eigentlich Desperado werden wollen. Und deshalb schreibe er nun einen Western. Einen Western? Gute Idee, zumal das Genre – abgesehen von Karl May – literarisch unterbeleuchtet ist. Dabei böte doch gerade der literarische Western eine Alternative zu den allgegenwärtigen Krimis. Schliesslich gibt es auch in Western abgrundschlechte Bösewichte, übermenschliche Helden und natürlich haufenweise Tote.
Begnadet und erfolgreich
Capus gehört seit seinem letzten Roman «Léon und Louise» nicht mehr nur zu den besten, sondern auch bestverkaufenden Schweizer Literaten der Gegenwart. Mit einer Auflage von 100'000 zeigte der Hanser-Verlag schon beim Erscheinen des Liebesromans, dass er zu den Spitzentiteln der Saison gehört. Und tatsächlich stand das Buch wochenlang in der «Spiegel»-Bestsellerliste, wurde im Herbst für den deutschen Buchpreis nominiert und ging bis dato 200'000-mal über den Ladentisch. Im Januar ist es zudem wieder auf der «Spiegel»-Bestsellerliste aufgetaucht, ein Jahr nach seinem Erscheinen. Nach so viel Erfolg mit der Liebe wendet sich Capus nun also dem Western-Genre zu. Auf Anfrage von baz.ch/Newsnet schickte der Autor sogleich das fertiggestellte, aber noch ungedruckte Manuskript. Worum es genau geht, sei hier noch nicht verraten, nur so viel: Das Western-Personal ist vollumfänglich versammelt – Totengräber, Bankräuber, ein Lynchmob und Indianer treten auf. Wie immer aber interessiert sich der Autor vornehmlich für die soziale Dynamik in Kleinstädten und wie diese auf seine Helden zurückwirkt. baz.ch/Newsnet bat den Autor deshalb zum Interview, damit er uns erkläre, was es mit seinem Western auf sich hat und wie er sich als Bestsellerautor fühlt.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Western zu schreiben?
Nach dem grossen Liebesroman hatte ich Lust, etwas ganz anderes zu machen. Es war mehr eine Fingerübung. Ich war mit meiner Familie in einem Wohnmobil in Kalifornien unterwegs – eine Erfahrung, von der ich übrigens abraten würde.
Warum?
Das weckt ja die Illusion der grossen Freiheit, aber wenn man mal in so einem Riesending sitzt, ist man gefangen. Rasten kann man nicht an einem hübschen Waldesrand, sondern nur da, wo es die Infrastruktur für diese Riesendinge gibt. Also in den Wohnmobilparks, und die sind alle 100 Meter am Highway gelegen.
Wo haben Sie denn die Idee für Ihren Western gefunden?
Ich war zuvor noch nie in Kalifornien. Jetzt habe ich wie alle anderen auch endlich das Death Valley, den Grand Canyon, die ganze Palette gesehen. Weil ich mich immer für Lokalhistorie interessiere, lese ich am Wegesrand Geschichten auf, besuche Bibliotheken und Buchläden, suche alte Zeitungsartikel. Wenn ich wieder etwas Lustiges entdeckt hatte, erzählte ich es unterwegs Frau und Kind. Irgendwann dachte ich, man könnte das ja zu einem Spaziergang durch die Kleinstädte des Wilden Westens zusammenmontieren.
Was genau interessiert Sie am Western?
Da sind die archetypischen Männerthemen: ein Mann, ein Wort, eine Aufgabe und so weiter. Mir gefällt, wie die ethischen Dilemmata simpel auf den Punkt gebracht werden. Der Gute trägt einen weissen Hut und der Böse einen schwarzen. Allerdings bin ich kein Experte, und belletristisch kenne ich mich im Western-Genre gar nicht aus.
Unterscheidet sich der Western von anderen Geschichten?
Sicher. Nur ist meine Geschichte eigentlich gar kein richtiger Western. Sie dreht sich mehr um den Oltner, der nach Amerika geht und überall auf Kleinstädte stösst, die ihn an Olten erinnern. Die Geschichten sind sehr bildhaft. Es beginnt mit einer hoch gelegenen Goldgräberstadt, der Boden ist gefroren. Deshalb muss der Goldgräber mit Dynamit die Gräber ausheben, und die Bewohner hören immer «Bumm, Bumm, Bumm» und zählen die Toten. Es gibt wahrscheinlich ein illustriertes kleines Büchlein.
Wie haben Sie recherchiert?
Ich habe eben diese kleinen Büchlein mit den Geschichten gesammelt. In den Zwanziger- und Dreissigerjahren gab es eine erste Welle von Populärliteratur über die Westernzeit und Geisterstädte. Da gibt es auch schöne Fotos drin. Wenn ich über eine Stadt noch etwas mehr wissen wollte, recherchierte ich weiter in Buchantiquariaten. Inzwischen steht bei mir ein halber Laufmeter Westernliteratur, die nach dem Tabakrauch der Vorbesitzer riecht. Das gefällt mir.
«Leon und Luise» war wahnsinnig erfolgreich – wie gehen Sie mit diesem Erfolg um?
Man muss das mit der nötigen Demut geniessen. Ich bin jetzt 50 und habe, was die Altersvorsorge betrifft, eine Unterdeckung. Da konnte ich mal richtig einzahlen und habe eine Altersvorsorge. Es kam im richtigen Moment. Aber ich lebe auch in Frieden, wenn ich 10'000 oder 20'000 verkaufe.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.01.2012, 10:28 Uhr
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