Der Verrat der Intellektuellen

Stefan Zweig hat einst ein wunderbares Buch über sein Leben verfasst. Ein Intellektueller, der offenbart, womöglich ohne es zu beabsichtigen, wie gefährlich die Intellektuellen sind. Ein Lesevorschlag.

Einsamer Skeptiker. Stefan Zweig (*1881 in Wien, † 1942 in Petropolis) auf seiner ersten ­Brasilienreise, 1936.

Einsamer Skeptiker. Stefan Zweig (*1881 in Wien, † 1942 in Petropolis) auf seiner ersten ­Brasilienreise, 1936. Bild: © Stefan Zweig Centre Salzburg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Stefan Zweig, der österreichische Schriftsteller, hat ein wunderbares, trauriges und kluges Buch über sein Leben verfasst, als er – auf der Flucht vor den Nazis – endlich in ­Brasilien gelandet war: «Die Welt von Gestern. ­Erinnerungen eines Euro­päers», entstanden zwischen 1939 und 1941, posthum 1942 erschienen.

Wunderbar ist das Buch, weil es in einem Stil geschrieben ist, wie man ihn heute nur mehr selten lesen kann, wenn man sich Deutschsprachiges zu Gemüte führt: Zweig schreibt genau, elegant, rhythmisch und klar, vor allem effizient. Viele Worte, aber keines zu viel, immer dem Leser zu­­getan, nie blasiert, aber stets intelligent: Hier ist keiner am Werk, der glaubt, sein Leser sei zu dumm für Anspruchsvolles, und zugleich weiss dieser Autor, dass nur wer verständlich schreibt, etwas zu sagen hat. Ein literarischer Demokrat.

Doch bei aller Begeisterung macht das Buch auch traurig. Denn wir wissen und können schon beim Lesen den Gedanken daran nicht verscheuchen, dass Zweig bald Selbstmord beging, kaum war er mit dem Schreiben zu Ende. Mit seiner neuen Frau Lotte nahm er im Februar 1942 Gift. Man fand die beiden auf ihrem Bett, Zweig auf dem Rücken mit gefalteten Händen, Lotte an ­seiner Seite sich an ihn schmiegend.

Natürlich glauben wir zu wissen, warum er, ein Jude aus Wien, das tat und so erklärte er es auch in einem Abschiedsbrief: Sein altes Europa, das sich 1914 oder 1933 endgültig liquidiert hatte, schien ihm unwiederbringlich verloren, und doch ahnen wir, dass man sich aus politischen Gründen selten umbringt, zumal sich Zweig in Brasilien keinerlei materielle Sorgen machen musste. Und wer meinte 1942 noch im Ernst, dass die Nazis ­s­­iegten? Zweig hatte jahrelang unter Depressionen gelitten.

Das Rauschgift der Sprache

Wenn ich Zweigs Buch heute lese, beschäftigt mich ein Zweites: Wie hier ein Intellektueller offenbart, womöglich ohne es zu beabsichtigen, wie gefährlich die Intellektuellen sind: mit ihrem Enthusiasmus für neue Gedanken, mit ihrer ­spielerischen Leichtigkeit, Fakten zu übersehen, wenn sie einer schönen Theorie widersprechen, mit ihrer Sprachgewalt schliesslich, die es ihnen erlaubt, falsche Einsichten zu richtigen Er­­kenntnissen umzuformulieren. Es wühlt auf, wie Zweig den Verrat der Intellektuellen zu Anfang des ­Ersten Weltkriegs schildert.

Als im August 1914 der Krieg ausbrach, war vielleicht niemand so begeistert wie die Intellektuellen Europas. Ob Schriftsteller, Künstler oder Journalisten: Zu Tausenden schrieben sie Pamphlete und Essays, die den Krieg verherrlichten, die Nation feierten und den Tod in der Schlacht zum heldischen Ritual verklärten. Gelangweilt, verweichlicht, verwöhnt, oft in vorgerücktem Alter, was sie davor bewahrte, zum Militär ­ein­gezogen zu werden, berauschten sie sich an der Überzeugung, eine neue, heroische Ära ­erleben zu dürfen. Wie schön ist der Krieg, wie süss der Tod.

Ein schlimmes Beispiel, und besonders ­tragisch, wenn man bedenkt, was nach 1933 geschah, ist Ernst Lissauer, den Stefan Zweig gekannt hat und dessen Schicksal er überliefert. Ein patriotischer Berliner Jude mit vielversprechendem Talent aus bestem Hause, schrieb er die berühmtesten, nationalistischen, menschenfeindlichsten Gedichte der Weltliteratur. Zum Best­seller stieg der «Hassgesang gegen England» auf:

«Wir kämpfen den Kampf mit Bronze und Stahl,

Und schliessen den Frieden irgend einmal –

Dich werden wir hassen mit langem Hass,

Wir werden nicht lassen von unserem Hass,

Hass zu Wasser und Hass zu Land,

Hass des Hauptes und Hass der Hand,

Hass der Hämmer und Hass der Kronen,

Drosselnder Hass von siebzig Millionen,

Sie lieben vereint, sie hassen vereint,

Sie alle haben nur einen Feind:

ENGLAND!»

Wenn ein Gedicht je ähnlich einschlug wie später ein Hit der Beatles oder ein Film aus Hollywood, dann der Hassgesang. «Das Gedicht fiel wie eine Bombe in ein Munitionsdepot», sagt Stefan Zweig. Zeitungen druckten es nach, Lehrer lasen es ihrer Klasse vor, Offiziere rezitierten es, ­Soldaten sangen es, bevor sie starben, der Kaiser verlieh Lissauer einen Orden.

Es war so populär, dass daraus eine Grussformel entstand, welche die Deutschen fast während des ganzen Krieges benutzten: «Gott strafe England!», rief der eine und man antwortete. «Er strafe es!» Über Nacht wurde Lissauer ein Dichterfürst, ein Star der Propaganda.

«So wie Lissauer waren sie alle», schreibt Zweig. «Sie haben ehrlich gefühlt und meinten ehrlich zu handeln, diese Dichter, diese Professoren, die plötzlichen Patrioten von damals, ich leugne es nicht. Aber schon nach kürzester Zeit wurde erkennbar, welches fürchterliche Unheil sie mit ihrer Lobpreisung des Krieges und ihren ­ Hassorgien anstifteten.»

Die Einsamkeit des Dissidenten

Auf einmal wurde es auch sehr einsam um Zweig, der zu den Skeptikern gehörte. Niemand mochte sich seine Bedenken anhören – und Zweig erinnert uns daran, wie bleiern der Gruppendruck gerade in diesen sogenannt intellektuellen Kreisen jeweils wirkt, wozu sich Leute zählen, die sich für besonders eigenständige Köpfe halten:

«Allmählich wurde es in den ersten Kriegswochen von 1914 unmöglich, mit irgendjemandem ein vernünftiges Gespräch zu führen. Die Friedlichsten, die Gutmütigsten waren von dem Blutdunst wie betrunken. Freunde, die ich immer für entschiedene Individualisten und sogar als geistige Anarchisten gekannt, hatten sich über Nacht in fanatische Patrioten verwandelt und aus Patrioten in unersättliche Annexionisten. Jedes Gespräch endete in dummen Phrasen wie: ‹Wer nicht hassen kann, der kann auch nicht richtig lieben› oder in groben Verdächtigungen.»

Wenn Vordenker umdenken

Erschütternd ist, was danach geschah. ­Triumph des Wankelmuts: Nach dem Krieg ­wollten alle nichts mehr von ihren Hassgedichten und Nationalessays gewusst haben, sondern nun entdeckten die europäischen Intellektuellen den Pazifismus. «Nie wieder Krieg!», hiess jetzt die politisch korrekte Position. Wer widersprach, den ächtete man genauso wie 1914 den Kriegsskeptiker.

Mit Wortgewalt lobten die Intellektuellen nun die Abrüstung, die internationale Verständigung, den Glauben an den Völkerbund, viele wandten sich gar dem Kommunismus zu, obwohl sie oder gerade weil sie aus bürgerlichen Familien stammten, die vor Kurzem noch eifrig Kriegsanleihen gezeichnet hatten. Sie fuhren in die Sowjetunion, wo sie nur mehr sahen und beschrieben, was der sowjetischen Propaganda nützte. Ob sie es selber glaubten, lässt sich kaum mehr schlüssig beweisen. Wie sie 1914 nicht erkennen wollten, wie irrsinnig der angezettelte Krieg war, so reisten sie in einem Land der Straflager und des Massenmords herum – ohne auch nur den geringsten Widerspruch zu finden.

Schwerter zu Pflugscharen!

Selbst als Hitler sich 1933 an die Macht putschte und Deutschland offensichtlich auf einen neuen Krieg vorbereitete, selbst dann dauerte es sehr lange, bis die Intellektuellen ihren Pazifismus überdachten. Vor allem in Frankreich und England empfahlen noch 1939 angesehene Philosophen und Schriftsteller, mit Hitler den Ausgleich zu suchen, abzurüsten, im Glauben, den deutschen Diktator damit besonders zu beeindrucken. Schwerter zu Pflugscharen!, verlangten sie, als Hitler das Schwert bereits gezogen hatte. Abermals lagen sehr viele Intellektuelle falsch, abermals hörte man nach dem Krieg wenig von ihnen, was nach einer Selbstkritik klang.

In der «Welt von Gestern», die Stefan Zweig so ergreifend beschreibt, versagten die intelligenten Leute vielleicht am meisten. Es ist eine Wieder­lektüre, die sich lohnt – gerade in unseren Zeiten, dieser Epoche des fortschreitenden Konformismus unter klugen Köpfen.

Ernst Lissauer endete traurig. «Jeder wandte sich 1919 ostentativ von ihm ab, der ihn 1914 noch gefeiert. Die Zeitungen druckten nicht mehr seine Gedichte; wenn er unter den Kameraden erschien, entstand ein betroffenes Schweigen. ­ Aus dem Deutschland, an dem er mit allen Fasern seines Herzens hing, ist der Verlassene dann von Hitler ausgetrieben und vergessen gestorben, ein tragisches Opfer dieses einen Gedichts, das ihn so hoch nur emporgehoben, um ihn dann um so tiefer zu zerschmettern.»

Lissauer starb 1937 in Wien. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.07.2014, 08:12 Uhr

Kommentare

Die Welt in Bildern

Moderne trifft auf Tradition: Ein Mönch im Hof des Kumbum Klosters in Xining (China) benutzt sein Iphone (23. April 2017).
(Bild: Wang He/Getty Images) Mehr...