Kultur

Der reiche Geliebte verschwindet in der Hippiekommune

Neues von Thomas Pynchon, dem geheimnisumwitterten amerikanischen Kultautor: Am 4. August erscheint sein neuer Roman «Inherent Vice».

Das Buch

Thomas Pynchon, Inherent Vice, 369 Seiten, Random House UK (Fr. 43.50), Penguin USA (Fr. 42.90), bisher nur auf Englisch erhältlich.

Thomas Pynchon, 72, wird auf seine alten Tage immer schneller. Sechzehn Jahre liess er zwischen «Die Enden der Parabel» und «Vineland» (1990) verstreichen, neun zwischen «Mason & Dixon» und «Gegen den Tag» (2006). Jetzt darf sich die Pynchon-Gemeinde, kaum dass sie sich von dem weltumspannenden 1600-Seiten-Abenteuerroman erholt hat, schon auf ein neues Werk des Meisters freuen: Am 4. August erscheint in den USA «Inherent Vice», und es soll nicht nur kürzer - knapp 400 Seiten -, sondern auch lustiger und zugänglicher als alles bisher Dagewesene sein; angeblich sind sogar schon die Filmrechte verkauft.

Inhaltlich knüpft «Inherent Vice» an «Vineland» (Figuren wie Scott Oof traten schon damals auf) an, formal an die Detektivromane Chandlers und Hammetts. Der Ort ist Los Angeles, die Zeit das Frühjahr 1970, kurz nach Charles Mansons Massaker; die Eröffnung klassisch hard-boiled: Doc Sportello, ein psychedelisch abgedrehter Privatdetektiv, wird von seiner Ex-Freundin mit der Suche nach ihrem schwerreichen Geliebten beauftragt. Der Gesuchte verschwindet schon bald von der Bildfläche, genauer: in einer Hippiekommune in der Wüste, und stürzt damit Freund und Feind, Private Eye und Cops, Täter und Opfer (die, wie so oft bei Pynchon, kaum voneinander zu unterscheiden sind) und auch die Leser in Verwirrung.

Doc Sportello wird von dubiosen Figuren mit so pynchonesken Namen wie Flaco the Bad, Bigfoot Bjornson, Dr. Buddy Tubeside, Sledge Poteet und Trillium Fortnight verfolgt. Ausserdem treten auf: Rocker, Kiffer, Surfer, die Beach Boys, ein mörderischer Kredithai und ein Undercover-Agent, der sich als Surf-Saxofonist tarnt (oder umgekehrt); eine gewisse Rolle spielt auch der Geheimbund The Golden Fang, hinter dem sich eine Bande von Drogendealern oder auch ein Steuersparmodell von Zahnärzten verbirgt, sowie das ARPA-Netz, ein Vorläufer des Internets, das paranoid begabte Freaks für besser als jeden LSD-Trip halten.

Paranoia und Verrat

Mit seinem neuen Roman kehrt Pynchon wieder in die gute alte Zeit der Hippies und Blumenkinder zurück, als Sex, Drogen und Rock’n’ Roll ihre Unschuld noch nicht ganz verloren hatten. Ähnlich wie in «Vineland», seinem Abgesang auf die Gegenkultur, beschreibt er auch in «Inherent Vice», wie der scheinbar endlose Summer of Love in Überwachung und Repression, Paranoia und Verrat umschlägt.

Hauptsächlich aber ist der neue Pynchon eine übermütige Genreparodie: eine Art Chandler im Hawaiihemd, «Der Malteserfalke» für Potheads. Doc Sportello ist jedenfalls (ähnlich wie «The Big Lebowski» im Film der Gebrüder Coen) ein unbedarft fröhlicher Althippie, der in die Bredouille gerät, aber trotz exzessiven Marihuanakonsums und Afro-Look einen relativ klaren Kopf bewahrt. Allerdings, höhnt die «New York Times», hätten ein Philip Marlowe oder gar Mike Hammer kurzen Prozess mit dem Love-and-Peace-Schnüffler gemacht.

«Inherent Vice» (wörtlich: angeborener Fehler), ein Terminus aus dem Schifffahrtsrecht, umschreibt versicherungsrechtlich relevante Merkmale von Gütern. Im Fall von Eiern gehören dazu etwa Zerbrechlichkeit und Verderblichkeit, und das gilt wohl auch für Pynchons Detektivroman. Ersten Rezensionen zufolge kann man sich eine Zeitlang prächtig über die popkulturellen Zitate amüsieren, aber auf die Dauer sollen die Insiderwitze für Althippies doch ermüden. Das Pynchon-Dechiffriersyndikat wird dennoch wieder genug Arbeit bekommen: «Inherent Vice» bedeutet im Englischen auch Erbsünde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2009, 15:04 Uhr

Sponsored by:

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate