Kultur

Die Bestseller-Mafia

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 20.08.2012

Vom seriösen Literaturbetrieb lange benachteiligt, beherrschen die Frauen inzwischen die Jugendliteratur und die Bestsellerlisten. Die Entwicklung könnte auch in anderen Bereichen Schule machen.

1/3 Die Jugendbuch-Überfliegerin: Joanne K. Rowling, Autorin der «Harry Potter»-Saga.
Bild: Keystone

   

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Unlogisch ist es nicht, erstaunlich schon: Die Jugendliteratur neueren Schlags ist, ganz im Gegensatz zur Hochliteratur, fest in Frauenhand. Das zeigen nicht nur die Erfolge einer Stephenie Meyer mit ihrer «Twilight»-Saga oder natürlich die «Harry Potter»-Serie. In einer Umfrage bat das amerikanische Literaturportal «NPR» seine Leser, aus 235 Jugendromanen die hundert besten zu küren. Über 75'000 Leser stimmten über ihre Favoriten ab, und am Schluss belegten mit J. K. Rowling, Suzanne Collins («Hunger Games») und Harper Lee («To Kill a Mocking Bird») drei Autorinnen die ersten Plätze. Ansonsten stellten die Frauen rund die Hälfte der Autoren auf der Liste.

Vom Betrieb gering geachtet

Ein erstaunliches Resultat, wenn man mit den Zuständen in der sogenannt gehobenen Literatur vergleicht. Dort sind die Männer nach wie vor stärker vertreten, und die Kontroverse, ob der Literaturbetrieb und die Fachpresse männliche Autoren nicht systematisch bevorzugten, brandet immer wieder auf. Und immer wieder melden sich Autorinnen zu Wort, dass Bücher von Frauen, sofern sie über Themen wie Alltag, Familie, Liebe schreiben, sofort als Frauenliteratur beziehungsweise Chick-Lit kategorisiert und weniger ernst genommen werden, während Männer bei gleicher Themenwahl trotzdem mit seriösen Kritiken rechnen können. Kein Wunder, schreiben sie inzwischen lieber über unsterblich verliebte Untote oder Zauberer-Fehden.

Dass in der Sektion Jugendliteratur andere Regeln spielen, ist einleuchtend. Umso auffälliger ist nun, dass die Frauen sich gerade in der Jugendliteratur derart gut positionieren konnten. Denn Zufall oder nicht, es waren Jugendbücher, die in den vergangenen Jahren die Massen begeisterten. Jugendliteratur gehört laut dem amerikanischen Verlegerverband zu der am schnellsten wachsenden Sparte und erreicht atemberaubende Verkaufszahlen, auch deshalb, weil viele Erwachsene Geschmack an der neuen Art von Jugendbüchern gefunden haben. Wollte man bei der Gender-Zuschreibung bleiben, könnte man behaupten, dass weibliche Autoren inzwischen eine Bestseller-Mafia bilden.

Prestigeprobleme

Es stellen sich verschiedene Fragen: Wie sind die Frauen dazu gekommen, die breite Masse zu erobern? Kann man Jugendbücher literarisch überhaupt ernst nehmen, oder geht es hier nur um ein Massenphänomen ohne künstlerischen Wert? Und zuletzt: Verstärkt die Dominanz der Frauen bei der Jugendliteratur vielleicht gar die Tendenz, dass Mädchen lieber lesen als Jungen?

Literatur-Journalistin Laura Miller vermutet, dass gerade die jahrelange Geringschätzung der Literatur aus Frauenhand einer der Gründe für ihren Erfolg an der Jugendbuch-Front sei. Prestige ist schwer messbar. Es hat damit zu tun, wo man besprochen wird und von wem, ob der eigene Name wichtigen Leuten bekannt ist oder nicht, ob man für einen Pulitzer- oder Nobelpreis infrage kommen würde. Dafür eignet sich Jugendliteratur definitiv nicht. Zwar kann man damit hohe Verkaufszahlen erreichen, aber im Zweifelsfalle schadet das der Reputation eines Schriftstellers eher, als dass es hilft.

Freier schreiben

Miller vermutet, dass Frauen sich von den rigiden Mechanismen des ernsthaften Literaturbetriebs, den Hahnenkämpfen und dem Streben nach Bedeutung eher abschrecken lassen. Sie landen vielleicht auch deshalb bei der Jugendliteratur, weil sie hier freier schreiben können. Denn ein jugendliches Publikum will einfach unterhalten werden und richtet sich weniger danach, was der Grosskritiker des Feuilletons über das Buch sagt. Wie die erfreulichen Verkaufszahlen an der Jugendbuch-Front nahelegen, gibt es auch eine Menge Erwachsener, die auf Literatur ansprechen, die unter ebendiesen Bedingungen geschrieben wurde.

Und das sind gute Nachrichten. Denn J. K. Rowling hat mit ihren Fähigkeiten von Dramaturgie und Figurenentwicklung bewiesen, dass auch Jugendbücher durchaus den Kriterien der hohen Literatur entsprechen – und Jungen genauso begeistern können wie Mädchen. Und vielleicht auch bald die Kritiker des Grossfeuilletons – Mitte September erscheint ihr erster Roman für Erwachsene. Nach ihrem Erfolg mit Jugendbüchern wird sie der Kritik wahrscheinlich ziemlich gelassen entgegensehen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.08.2012, 10:06 Uhr

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