Kultur
Die DDR war für ihn die Absurdität in der Nussschale
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 05.08.2009
Adolf Endler, 1930-2009.
«Tarzan vom Prenzlauer Berg» hiess das Buch, mit dem er am bekanntesten geworden ist; es hat auch vielleicht den schönsten Titel (oder ist es doch «Der Pudding der Apokalypse»?). Es sind «Sudelblätter», Tagebuchnotizen aus den frühen Achtzigern, die nach der Wende im wiedervereinigten Deutschland erschienen und ihn schlagartig über «seine» Szene hinaus bekannt machten. Der Mann mit dicker Brille, Rauschebart und dem Sack voller Geschichten wurde so etwas Eigenartiges wie ein allgemeiner Geheimtipp.
Geistige Ödnis als Inspiration
Auch gegenüber diesem späten Ruhm behielt er seine skeptisch-verwunderte Haltung. Sie hatte ihm in der gelenkten Kulturlandschaft der DDR geholfen, seine Sprache, seine Fantasie und seinen skurrilen Witz nicht zu verlieren. Die geistige Ödnis nutzte er sogar zur Inspiration: Er machte sich über die Phraseologie des «realexistierenden Sozialismus» lustig, indem er sie zitierte, collagierte und mit allerlei unpassenden Elementen vermischte.
Die DDR war für ihn «die Absurdität der Welt in der Nussschale». Betreten hatte er sie mit grossen Hoffnungen. 1930 in Düsseldorf geboren, ging er 1955 nach «drüben», als im Westen Anklage wegen «Staatsgefährdung» gegen den jungen Kommunisten erhoben worden war. Noch den Bau der Mauer 1961 begrüsste er; bald darauf begriff er besser, welche Realität hinter den Parolen steckte. Als er Ende der Siebziger gegen die Biermann-Ausbürgerung und andere Repressalien protestierte, wurde er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, praktisch ein Berufsverbot.
Endler publizierte fortan in Untergrundzeitschriften und führte Wohnungslesungen durch, die bald Kultstatus genossen. Für die Literaturszene am Prenzlauer Berg, die gegen den vorgeschriebenen Realismus mit sprachlicher Subversivität reagierte, war er Pate und Protektor; das hinderte einige der Jungpoeten nicht, ihn für die Stasi zu bespitzeln. Am 2. August ist Endler in Berlin, wo er rund 100-mal die Wohnung gewechselt hatte, gestorben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.08.2009, 08:47 Uhr















