Kultur

Die Mösendebatte

Von Regula Stämpfli. Aktualisiert am 09.10.2012 4 Kommentare

Gehört Naomi Wolfs Buch «Vagina. A New Biography» in jede (un)anständige Bibliothek?

Da die Gesellschaft den Körper der Frauen eh schon zur Verletzung freigegeben hat, weshalb diese Verletzungen nicht als Heilungschancen interpretieren?

Da die Gesellschaft den Körper der Frauen eh schon zur Verletzung freigegeben hat, weshalb diese Verletzungen nicht als Heilungschancen interpretieren?
Bild: Keystone

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«Gib uns unsere tägliche, von Amerika inspirierte Debatte heute», seufzt die ­europäische Intellektuelle entnervt. Nach «50 Shades of Grey», dem Märchen über das Mädchen, das den Prinzen sucht, von dem es geschlagen werden soll, überfällt uns nun via grossen Teich eine Mösendebatte. Entschuldigen Sie den Begriff, ich meinte natürlich Vagina, Vulva, Scham, Puntanella, Putzerl, Rotkäppchen, Klitzchen, Knallerbse, Glitzerperle, Genusswurzel etc.

Naomi Wolf, deren «Mythos Schönheit» mittlerweile in jede anständige ­Bibliothek gehört, erzählt uns die Geschichte der Stelle zwischen den weib­lichen Beinen. Sie tut dies in nettem Story Telling, das einen zwar unterhält, doch nach dem Lesen eigentümlich leer zurücklässt. Sie setzt die Vagina mit der Frau allgemein gleich, sie sieht im erfüllten Sex den wichtigsten Sinn des ­Lebens. Wolfs Auslegeordnung ist ein konservativ-mystisches, mit medizinischen Fakten angereichertes Plädoyer für die «gesunde Frau».

Banale Einbahnstrassen

Ja doch, Frauen müssen begehrt werden, bevor sie sexuell stimulierbar sind. Ja doch, Männer können in vier Minuten kommen, Frauen brauchen dazu 16 Minuten. Ja doch, Frauen ­mögen romantisches Licht und Prinzengeschnäusle, Männer fühlen sich im Operationslicht genauso wohl. Es sind sträfliche Verallgemeinerungen, die Wolf hier zur Vagina bringt. Sie passen aber perfekt zu einem Publikum, das sich in Frauenzeitschriften auf banalste wissenschaftliche Einbahnstrassen stürzt. Probleme in Ihrem Sexleben? Konsultieren Sie einen Neurologen!

Wolfs Buch ist ein doppeltes Ärgernis, denn es gibt vor, einerseits die weibliche Selbstständigkeit und die sexuelle Selbstbestimmung fördern zu wollen, anderer­seits macht es oft genau das ­Gegenteil. Indem das weibliche Begehren wie auch das männliche auf den ­Orgasmus, auf die sexuelle Interaktion, auf die biologische Beschaffenheit ­fixiert wird, geht die Qualität der Lust verloren. Wolf beschreibt sexuelles Verlangen so, als würde es sich dabei um eine neurologische und hormonell gesteuerte Sanitärinstallation handeln. Wolf liebt Bilanzen: hier das Soll, da das Haben der unterschiedlichen ­Synapsen, und fertig ist der Sex! Kleinbürgerliche sexuelle Buchhaltermen­ta­litäten (siehe das unsägliche Werk von E. L. James) liegen offenbar im Trend.

Mystische Herangehensweise

Naomi Wolf vernachlässigt die verschiedenen Formen der Sexualität. Sie übersieht beispielsweise die lesbische Erfindertätigkeit für unbefriedigte Frauen völlig. Dies, obwohl beispielsweise der Cunnilingus zur Freude vieler Frauen seinen Weg auch in die heterosexuellen Ehebetten gefunden hat. Zwar versucht Wolf mit einigen ihrer mystischen Herangehensweisen der weiblich verschlungenen Sexualität auf die Spur zu kommen, doch selbstverständlich scheitert sie an der Aufgabe grandios.

Wer die weibliche Gier oder deren ständige Missachtung verstehen will, darf nicht nur das gynäkologische ­Spekulum benutzen. Sie verkennt beispielsweise auch, dass Pornografie, so scheusslich sie streckenweise ist, mittlerweile durchaus ironisiert und zur ­politischen Befreiung des Objektes «Frau» einen Beitrag leisten kann.

So gibt es die bewusst obszönen Selbstinszenierungen von Frauen, die vor allem feministisch zu verstehen sind. Da die Gesellschaft den Körper der Frauen eh schon zur Verletzung freigegeben hat, weshalb diese Verletzungen nicht als Heilungschancen interpretieren? So betreibt die feministische AgitProp-Gruppe Femen seit 2008 mit enthülltem Busen oder anzüglichen Verkleidungen Body Politics gegen Prostitution und für die Frauenrechte. Auch Pussy Riot sind so zu verstehen. In vielen Ländern verbreiten sich Slutwalks, in welchen «Schlampen» das Recht auf Bekleidungsfreiheit einfordern. In Frankreich gibt es die selbst auch unter Musliminnen beliebte Bewegung «ni putes ni soumises», welche u.a. mit ­Miniröcken die Burka bekämpfen. Egal wie Frau oder Mann gekleidet sind oder aussehen, niemand hat das leiseste Recht auf Übergriffe.

All dies sind Beispiele, die für die Lust der Frauen, deren Befreiung und Experimentierfreudigkeit mehr tun als eine Operation der weiblichen Geschlechtsteile, die jeder Frau gemäss Wolf ein «gesundes Sexleben» be­scheren könne.

Wer von Lust schreiben will, sollte nicht die Vagina unter dem Mikroskop, sondern das sexuelle Organ zwischen den Ohren mal zum Zug kommen lassen. Die heutige Lustfeindlichkeit nährt sich nämlich genau aus der amerikanisch-inspirierten Fixierung auf Bio­logie, auf den Körper, auf die Gesundheit, auf den Menschen als gut geölte Maschine. Dieser Reduktion unterliegt auch Naomi Wolf und vergisst dabei das wundersame und individuelle Zusammenspiel von Natur und Kultur. Wolf tut indessen so, als ob perfekt geschnittene Schamlippen, «objektiv» gut durch­blutete Kitzler und ein fein verästeltes Nervensystem schon genügen würden, jeder Frau – notfalls eben auch operativ – ein Lustgeschrei zu bescheren, das alle Nachbarn aus ihren Häusern schreckt.

Weibliches Begehren

Dieser Fehlschluss ist Naomi Wolf nicht zu verzeihen. Sie schreibt damit alle Frauen und Männer hinter die Aufklärung zurück. Denn schliesslich ist es nicht die Biologie, der geölte und perfekt funktionierende Körper, welcher die Erregung beim Mann oder die Orgasmusfähigkeit der Frau steuert, sondern es sind die Bilder im Kopf. Deshalb gibt es ja auch kein Viagra für Frauen! Wer Biologie sagt, dem geht es meistens um nichts anderes als die Vielfalt des weiblichen Begehrens und vor allem die Freiheit aller Menschen, zu verneinen.

In Naomi Wolfs Buch gibt es also nichts zu lachen, dafür im «Muschi­land» von Ulrike Helmer. Sie erzählt beispielsweise von Laura Méritt, die in ihren «Sexklusivitäten-Shops» liebe­volle muschelige Magnetmösen für den Kühlschrank, wollene Häckelmuschis, sogenannte «Mösetten» zum Anstecken, anbietet. Helmer schafft es, auf 174 Seiten den Bogen zwischen Kultur­geschichte und Sexkunde amüsant zu spannen.

Klare Worte

Aus Helmers Werk stammen auch unzählige kreative Begriffe für den weiblichen Mittelpunkt, wobei «Türklopfer» sicher nicht zu meinen Favoriten zählt! Doch hey: Erlaubt ist, was gefällt! Nicht, was gefallen muss! Helmer argumentiert, dass vor allem Mädchen klare Worte für ihr Geschlecht brauchen. Helmer plädiert deshalb für den mundbetonten Vulvabegriff als Kategorie, die mit einer Vielzahl von wunderbaren Worten ergänzt werden sollte.

Nach Wolfs und Helmers Lektüre ist mir mehr denn je klar, dass Sex und Erotik nicht nur komplexer sind als immer gedacht und beschrieben, sondern dass statt Biologie und Linguistik eher der Philosophie das Wort gesprochen werden sollte. Ich plädiere für ein Begehren nach eigenen Geheimnissen von und für jede Frau (gilt übrigens auch für den Mann).

Entzauberte Intimität

Wie die Intimzone gestaltet, empfunden, gespürt und imaginiert wird, sollte sowohl in der Sexualität der Männer als auch in der der Frauen als ewiger Quell der Individualität offenstehen. Helmers Buch ist erotisch-verspielt, Wolfs Werk ist klinisch-steril-pasteurisiert. Naomi Wolf reduziert – wie die meisten aktuellen Debatten, die uns aus den USA überfallen – jeden mensch­lichen Zusammenhang auf Materie. Sie entzaubert damit martialisch-kapitalistisch nicht nur die Freiheit der eigenen Intimität, sondern auch die gesellschaftliche Offenheit.

Besonders störend wird Naomi Wolf in ihrer Zusammenarbeit mit Mediziner­innen, die im Brustton der Überzeugung jeder Frau eine rein physische Lust verordnen wollen. Naomi Wolf erzählt am eigenen Beispiel, wie entscheidend ihre eigene vaginale Operation war, um wieder Lust am Beischlaf zu empfinden. Dies verführt zu einem Frauenbild des Mangels. Für mich ist klar, dass nicht die Vagina das sprachliche, biologische oder Lustproblem ganz allgemein darstellt, sondern die Köpfe und die uni­formen Bilder von Politik, Wissenschaft und vielen Menschen. Und zu guter Letzt kommt Lust immer auch dann, wenn es lustig ist … oder was sehen Sie, wenn ich lachend mit «Lutschknubbel» schliesse?

Regula Stämpfli, Politologin, lehrt Geschichte, Politikwissenschaften und ­Politische Philosophie an mehreren schweizerischen und europäischen Bildungsan­stalten, unter anderem an den Universitäten Bern und Zürich. 2010 erschien ihr Buch «Aussen Prada – innen leer?».

Naomi Wolf: «Vagina. A New Biography». Little, Brown Book Group, 2012, ca. Fr. 30.–.

Ulrike Helmer: «Muschiland. Exkursionen in eine kulturelle Intimzone», Helmer, 2012, ca. Fr. 24.–. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.10.2012, 10:04 Uhr

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4 Kommentare

Alfred Schweitzer

10.10.2012, 07:44 Uhr
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Danke für Ihre Meinung, meine Eigene ist dass wenn es um Sex geht oft zuviel gedacht (und geplant) wird als einfach den Trieb freizulassen. Sex bekommt am besten wenn man sich dabei entspannt und den Kopf möglichst leer hält anstatt am bevorstehenden Elternabend, dem Fettpölsterchen am Bauch oder den schmutzigen Vorhängen herumstudiert.
@ Daniel Marc: Schwanz einziehen ist klassisch bei Hunden
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daniel Marc

09.10.2012, 20:36 Uhr
Melden 1 Empfehlung 0

Noch kein einziger Kommentar. Ich gestehe, ich habe beide Werke nicht gelesen. Zudem bin ich Mann und daher fehlt es mir sowieso an originärer Vaginalkompetenz. Trotzdem danke ich Frau Stämpfli für ihren Artikel und die Einsicht in ihre Ueberzeugung. (Woher kommt eigentlich die Redensart "den Schwanz einziehen" bei heiklen Themen). Und nun Halali auf Marc Daniel (oder vielleicht auch nicht). Antworten



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