Kultur

Die neuen Religionskriege

Von Ronald Dworkin. Aktualisiert am 16.12.2011 9 Kommentare

Mit dem Begriff Religionsfreiheit können gesellschaftliche Probleme nicht mehr gelöst werden. Über die Gründe sprach der amerikanische Philosoph Ronald Dworkin in Bern. Wir bringen einen Teil seiner Rede.

«Ethical Independence» als Kernbegriff: Philosoph Dworkin.

«Ethical Independence» als Kernbegriff: Philosoph Dworkin.
Bild: Dradio.de

Artikel zum Thema

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Ronald Dworkin ist sich in einem Punkt mit seiner Ehefrau nicht einig: Während die gebürtige Münchnerin Bücher und Zeitungen weiterhin auf Papier liest, ist der renommierte amerikanische Rechtsphilosoph in der digitalen Gegenwart, die für viele Europäer noch Zukunft ist, angekommen. Der 80-Jährige liest die «New York Times», aber auch Romane und Sachbücher nur noch auf dem Kindle. Es gehe doch um die Inhalte, das Trägermedium sei nicht wichtig, meint Dworkin während des Abendessens. Kurz zuvor beendete er mit einem souveränen Auftritt die dritte seiner Einstein Lectures in der prall gefüllten Aula der Universität Bern.

Ronald Dworkin betonte in seiner Vorlesung, dass die modernen Staaten einen Fehler gemacht hätten, als sie die Religionsfreiheit als «basic right» in ihre Verfassungen aufgenommen haben (Anlass waren die durch Religionskriege verursachten Verheerungen). Denn im Kern gehe es bei der Religionsfreiheit um ein viel grundsätzlicheres Recht, nämlich um «ethical independence»: die Freiheit des Bürgers also, sein Leben innerhalb der Normen des Rechtsstaates nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Zu diesem generellen Recht gehöre die Religionsfreiheit (und die Freiheit von Religion) als ein spezielles Recht dazu. Dieses allgemeine Recht auf «ethical independence» biete, so Dworkins Überzeugung, einen ausreichenden Schutz für die verschiedenen Religionen in einer modernen Demokratie. Der Begriff «ethical independence» erlaube es, viele aktuelle gesellschaftliche Probleme und Konflikte zu begreifen und zu lösen. So sieht der Philosoph etwa in der vom Schweizer Volk angenommenen Minarettinitiative einen klaren Verstoss gegen die «ethical independence». (kal)

Die These, dass das allgemeine Recht auf ethische Unabhängigkeit die Religionen hinreichend schützt, gilt es zu prüfen, indem aktuelle Kontroversen betrachtet werden. Es sind keine Auseinandersetzungen zwischen organisierten Religionen, sondern Kriege zwischen Vertretern des Religiösen und des Säkularen.

In vielen Ländern ist umstritten, ob das Anbringen religiöser Symbole in Schulen und in öffentlichen Räumen und Einrichtungen zulässig ist. Heftig, zuweilen erbittert wird darüber debattiert, ob staatliche Schulen eine bestimmte Zeit für das private, stille Gebet ermöglichen müssen, ob in einem Justizgebäude die Zehn Gebote an der Wand hängen dürfen, ob eine Stadt zu Weihnachten eine Krippe auf einem öffentlichen Platz aufstellen darf, ob Kopftuch oder Burka in Schulen oder auf der Strasse getragen und ob in der Schweiz Minarette gebaut werden dürfen.

Bei einigen der genannten Praktiken scheint es vor allem um Fragen der Religionsfreiheit zu gehen, doch man darf überlegen, wie sie gelöst werden sollen, wenn das einzige hier relevante politische Recht das allgemeine Recht auf ethische Unabhängigkeit ist.

«Momente des Schweigens»

Ethische Unabhängigkeit wendet sich tatsächlich gegen die offizielle Verwendung von Symbolen organisierter Religion in Gerichten oder auf der Strasse, es sei denn, sie werden nur noch in einem breiten ökumenischen Sinn verwendet - wie etwa kommunale Weihnachtsmänner, die Waisenhäuser besuchen. Andernfalls würden öffentliche Gelder dafür verwendet, eine göttliche Religion zu feiern, möglicherweise unter Benachteiligung anderer Glaubensrichtungen. Kopftuch und Burka sind jedoch etwas ganz anderes: nämlich private Äusserungen. Mit welcher Rechtfertigung könnte ein Staat jemanden daran hindern, diese Kleidungsstücke zu tragen?

Manchmal ist zu hören, die Gesetze eines Staates zielten darauf ab, ein Bewusstsein nationaler Identität zu stiften, das von religiösen Symbolen untergraben werde. Das aber unterstellt - gegen das Recht auf ethische Unabhängigkeit -, dass die patriotische Identifikation der religiösen übergeordnet sei. Natürlich kann ein Staat auch andere Begründungen für solche Verbote ersinnen, die auf den ersten Blick nicht gegen das Recht auf ethische Unabhängigkeit verstossen. Er kann etwa erklären, dass die Qualität der akademischen Lehre leidet, wenn Studenten Symbole einer bestimmten Religion tragen, weil andere Studenten dann aus Loyalität gegenüber ihrem eigenen Glauben protestieren. Dafür gibt es aber keine Belege. In der Türkei etwa ist das Kopftuchverbot seit langem umstritten - es hat Gewalt eher provoziert als verhindert. Die Türkei ist auch das beste Beispiel dafür, warum das Kopftuchverbot gegen ethische Unabhängigkeit verstösst: Es war ein zentrales Element von Atatürks Kampagne, die Türken zu einer modernen, säkularen Lebensführung zu bringen.

Eine komplexere Angelegenheit ist das Gebet in öffentlichen Schulen. Das eine Extrem ist die britische Praxis, nach der in den allermeisten Schulen täglich ein christliches Gebet gesprochen wird; das andere ist Frankreich, wo jegliches religiöse Element in staatlichen Schulen verboten ist. In den Vereinigten Staaten neigt man dazu, nach langer Debatte und mehreren Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs, «Momente des Schweigens» zu erlauben, bei denen Schüler nach Belieben entweder beten oder «meditieren» können. Oder einfach die Augen schliessen. Ich finde, dass sich das mit ethischer Unabhängigkeit gut vereinbaren lässt. Diese Praxis ist gegenüber göttlichen und gottlosen Religionen ebenso neutral wie gegenüber solchen Schülern, die nicht wissen, worüber sie meditieren sollten.

Korrekte Interpretation

Betrachten wir nun Religion in staatlichen Schulen aus der Perspektive des allgemeinen und nicht eines speziellen Rechts. Viele Menschen sind der Ansicht (und in den USA schreibt die Verfassung vor), dass in staatlichen Schulen kein Religionsunterricht erteilt werden darf. Es wäre vermutlich die Folge eines speziellen Rechts, dass Religion unterrichtet werden darf, wenn eine «zwingende» Notwendigkeit besteht. Ethische Unabhängigkeit ist da differenzierter: Sie verwirft lediglich unzulässige Begründungen für Religionsunterricht. Sie unterscheidet zwischen der pädagogischen Vermittlung als wahr erachteter religiöser Meinungen und ihrer Vermittlung als Geschichte, Kultur oder Soziologie.

Das verlangt Interpretation, doch in manchen Fällen dürfte die korrekte Interpretation auf der Hand liegen. Wenn Schüler nur in der Geschichte der christlichen Theologie unterrichtet werden, und zwar auf so unkritische Weise, dass die Lehre explizit oder implizit als wahr dargestellt wird, ohne erkennbaren Bezug zu einem Fach wie etwa Kunstgeschichte, so verstiesse das gegen den Grundsatz, dass der Staat bei der Vermittlung von Wertvorstellungen und Lebensidealen strikt neutral zu sein hat.

Eine Schule, die beschlösse, sexuelle Enthaltsamkeit als besonders erstrebenswert oder Homosexualität als unnatürlich darzustellen, würde natürlich in der gleichen Weise gegen ethische Unabhängigkeit verstossen.

Eine besondere Frage in diesem Zusammenhang ist, ob an Schulen Intelligent Design - also die Auffassung der Neokreationisten, dass sich das Leben am ehesten durch einen intelligenten Urheber erklären lasse - statt der darwinschen Evolutionslehre unterrichtet werden darf. Der Philosoph Thomas Nagel hat darauf hingewiesen, dass die Behauptung, Intelligent Design sei unwissenschaftlich, von einer atheistischen, also einer religiösen Position ausgehe, weshalb die Nichtzulassung von Intelligent Design bedeute, dass der Staat in einer Religionsfrage Partei ergreife. Nagels Argument ist sinnvoll, wenn wir Religionsfreiheit als Lehrstoff verstehen, wie das ein spezielles Recht verlangt. Wenn wir uns aber nicht auf ein spezielles Recht berufen, sondern auf das allgemeinere Recht auf ethische Unabhängigkeit, kommen wir zu einer überzeugenderen Lösung.

Kosmische Geschichte

Gottbezogene Religionen sprechen die Menschen auf zwei Ebenen an. Sie verfügen über ein theoretisches Gebäude, das in irgendeiner Form die Ansicht enthält, dass ein Gott alles erschaffen habe, auch den Menschen. Sie vertreten ausserdem bestimmte Wertvorstellungen, zumal ethische Normen, und verstehen sich als soziale Gemeinschaft. Die auf diesen Werten gebaute religiöse Kultur hat grossen politischen Einfluss und kann, zumindest im heutigen Amerika, ihre eigene Wissenschaft hinter sich herziehen, wie eine Lokomotive mehrere Waggons zieht. Die Entscheidung einer Schule, Intelligent Design statt Darwin zu unterrichten, ist nicht nur Ausdruck der Annahme, dass es einen göttlichen Schöpfer gibt (schlicht als Thema der kosmischen Geschichte), sondern Bekräftigung eines ganzen Bündels von ethischen Auffassungen hinsichtlich der Bedeutung der Religion für ein gutes Leben.

Es ist wiederum eine Frage der Interpretation, ob eine bestimmte politische Entscheidung in dieser Weise verstanden werden sollte. Der Oberste Bundesrichter, der Intelligent-Design-Unterricht an staatlichen Schulen als nicht verfassungskonform bezeichnete, stützte sich auf diesen interpretativen Ansatz. Seiner Ansicht nach liessen Biografien, Praxis und Äusserungen der Mehrheit des betreffenden Schulvorstands den Schluss zu, dass sie sich nicht nur an den rein wissenschaftlichen Thesen einer theistischen Religion orientierte, sondern an den Wertvorstellungen und Pflichten, die die Ethik einer Religion ausmachen. Ein Schulvorstand oder ein Gericht muss also nicht annehmen, dass es keinen Gott gibt oder dass Gott nicht die Erde erschaffen hat, um in der Frage des Unterrichts von Intelligent Design an staatlichen Schulen eine Entscheidung zu treffen. Es reicht das Urteil, dass in unserer Kultur die Annahme, dass ein Gott tatsächlich existiert, heutzutage wissenschaftlich nicht zu beweisen ist. Menschen lassen sich im Rahmen eines Pakets, das spezifische ethische und kulturelle Präferenzen sowie ontologische Überzeugungen enthält, zu dieser Annahme bewegen.

Ob sich das ändern wird? Das interpretative Urteilen, wie ich es beschreibe, wird erleichtert durch die fast totale Artikulationsunfähigkeit derjenigen, die behaupten, ein Gott habe das Universum geschaffen. Eine wissenschaftliche Hypothese muss in bestimmter Weise artikuliert werden, wenn man sinnvoll darlegen will, dass sie eine unabhängige Überzeugungskraft besitzt - dass Menschen aus rein wissenschaftlichen Gründen zu dieser Auffassung gekommen sind.

Gott als Analogie

Bald wird sich vermutlich zeigen, dass im Labor Leben aus anorganischen Stoffen erzeugt werden kann. Das Problem beim Intelligent Design (und ähnlichen Schöpfungstheorien) ist, dass wir nicht gut genug verstehen, was da behauptet wird, um es gewissermassen auf wissenschaftlicher Basis beurteilen zu können. Mir ist klar, dass Sätze wie «und Gott schuf Himmel und Erde» meist nicht wörtlich gemeint sind.

Theisten müssen Wörter verwenden, die sie in einem allgemeinen Zusammenhang als Analogien verstehen, um etwas anzudeuten, das unmittelbar zu beschreiben uns allen die Fantasie und die Begriffe fehlen. Angesichts dieses mangelnden Wissens liegt es nahe, dass Menschen nicht durch die Überzeugungskraft einer wissenschaftlichen Behauptung zum Glauben an die Existenz eines Gottes kommen, sondern weil sie ein Bündel von Ideen und Traditionen annehmen, in dem wissenschaftliche Behauptungen nicht das stärkste Element sind. Wenn wir die Sache aus der Perspektive der ethischen Unabhängigkeit betrachten, haben wir es nicht mit nagelscher Symmetrie, sondern mit einer wichtigen Asymmetrie zu tun.

Wir kommen nun zu dem zweifellos umstrittensten Thema - der Sexualmoral. Als der Oberste Gerichtshof entschied, dass homosexuelle Akte oder Abtreibungen in einem frühen Stadium nicht bestraft werden dürften, begründete er sein Urteil mit dem Gleichheitsgrundsatz der amerikanischen Verfassung und nicht mit der Religionsfreiheit. Er hatte keine andere Wahl.

Homophobe und Abtreibungsgegner berufen sich oft auf einen göttlichen Willen, und nur wenige Männer und Frauen, die in diesen Dingen Entscheidungsfreiheit haben wollen, betrachten ihre Haltung als religiös. Wenn wir aber, ganz abgesehen von der amerikanischen Verfassung, Religionsfreiheit als Bestandteil ethischer Unabhängigkeit betrachten, kommen wir an der liberalen Haltung nicht vorbei. Das gilt auch für die Gendergleichheit von Ehepaaren.

Unabhängige Fragen

Abschliessend möchte ich noch auf eine hiesige Kontroverse zu sprechen kommen. Im Jahr 2009 sprachen sich die Schweizer in einer Volksabstimmung, die die Welt schockierte, für ein Verbot des Minarettbaus in ihrem Land aus. Die Bundesregierung und die katholische Kirche waren, neben vielen anderen Institutionen, gegen ein Verbot, doch eine Mehrheit der Bürger war deutlich dafür.

Einer der Hauptbefürworter legte dar, dass das Verbot nicht gegen die Religionsfreiheit verstosse, da der Bau von Minaretten im Islam nicht zwingend vorgeschrieben sei. Dieses Argument unterstreicht, worauf ich in meinem Vortrag hingewiesen habe. Wenn wir Religionsfreiheit als spezielles Recht betrachten, das sich auf religiöse Personen beschränkt, dann mag die Tatsache, dass Minarette nicht zwingend vorgeschrieben sind (sofern das eine Tatsache ist), relevant sein. Verstehen wir aber Religionsfreiheit als zentralen Fall eines umfassenderen Rechts auf ethische Unabhängigkeit, so ist diese Tatsache völlig irrelevant. Niemand, der mit dieser Kontroverse vertraut ist, kann bezweifeln, dass das Ergebnis der Volksabstimmung eine pauschale Verurteilung der muslimischen Religion und Kultur darstellte. Dem egalitären Ideal der ethischen Unabhängigkeit wurde der Krieg erklärt.

Ich möchte mit einer Hoffnung schliessen, ja mit einem Gebet. Den Menschen ist ein fundamentaler religiöser Impuls gemeinsam, der sich, über die längste Zeit der Geschichte, in dem Glauben an eine intelligente übernatürliche Kraft - einen Gott - sowie in einem Katalog ausgeprägter ethischer und moralischer Überzeugungen manifestierte. Diese Überzeugungen ergeben sich aus der Grundhaltung; wir erfahren etwas über die religiöse Einstellung, indem wir diese Überzeugungen betrachten. Aber die theistische Frage und die ethisch-moralischen Fragen sind unabhängig voneinander. Religiöse Wissenschaft kann religiöse Ethik oder Moral weder stärken noch schwächen.

Theisten können die Erfordernisse von Gleichheit und ethischer Unabhängigkeit in der Politik akzeptieren, ohne dass sie ihre Götter missachten müssten. Atheisten mögen Theisten nicht als Zielscheibe von Spott sehen, sondern als gleichberechtigt Suchende. Beide könnten akzeptieren, dass das, was ihnen als unüberbrückbare Kluft erscheint, nur eine esoterische wissenschaftliche Debatte ist, frei von politischen Implikationen. Ist das eine übertrieben grosse Hoffnung?

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2011, 08:16 Uhr

9

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

9 Kommentare

Ralph Rickenbach

16.12.2011, 08:51 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Die Nicht-Existenz eines Gottes kann von der Wissenschaft genauso wenig bewiesen werden, wie die Existenz von Theisten. Die gleiche Argumentationskette kann deshalb für Intelligent Design und Darwinismus angewandt werden, was darauf hinauslaufen würde, dass ethisch auch der Darwinismus abzulehnen ist. Da selbst die Mathematik auf Axiomen beruht, welche nicht bewiesen werden können, was bleibt uns? Antworten


Lars Habermann

16.12.2011, 23:25 Uhr
Melden 1 Empfehlung

"Atheisten mögen Theisten...sehen...als gleichberechtigt Suchende." Wer von jemandem Respekt verlangt, muss selber Respekt zollen, das ist mein säkulares Verständnis von Gleichberechtigung. Staatliche Privilegien und Geldleistungen an Theisten-Organisationen verletzen die Gleichberechtigung derart, das spottet jeder Beschreibung. Respektbereite Theisten, schafft diese Privilegien ab. Antworten



Sponsored by: