Kultur

Die schrille und komische Verzweiflung der Wechseljahre

Von Helmut Böttiger. Aktualisiert am 25.08.2009 3 Kommentare

Sibylle Bergs Roman «Der Mann schläft» versucht, die Brücke zu erfolgreichen amerikanischen Fernsehserien zu schlagen.

Für den Deutschen Buchpreis nominiert: Sibylle Berg.

Für den Deutschen Buchpreis nominiert: Sibylle Berg. (Bild: Dominique Meienberg)

Das Buch

Sibylle Berg: Der Mann schläft. Roman. Hanser, München 2009. 308 S., ca. 35 Fr.

Frauen mittleren Alters sind in den letzten zwei, drei Jahrzehnten ins Visier der Marketingexperten geraten. Berufstätige, unverheiratete Frauen. Ihre Themen: das flotte Single-Leben, Selbstständigkeit, wechselnde Affären; aber auch die fieberhafte Suche nach dem einen Mann, den es dann doch irgendwann für immer geben sollte. Da Frauen viel mehr Bücher lesen als Männer, liegt es nahe, die entsprechenden Bedürfnisse belletristisch zu bedienen. Witzige Fernsehserien aus den USA haben vorgemacht, wie das gehen könnte: Avantgardistin war Ally McBeal, gefolgt etwa von «Sex and the City». Hierzulande deckten Autorinnen wie Ildiko von Kürthy das Feld ab, doch an das Vorbild der US-Drehbücher reichte niemand heran.

So etwas Intelligentes, Spritziges, Augenzwinkernd-Kokettes wird im deutschsprachigen Raum händeringend gesucht. Ist das die Stunde Sibylle Bergs? Ihr für den Deutschen Buchpreis 2009 nominierter Roman «Der Mann schläft» hat ziemlich viele Attribute der amerikanischen Erfolgsserien. Wir hören die ganze Zeit einer Frau zu, die in Ich-Form spricht und uns in ihre Welt hineinzieht. Es ist die Welt einer Frau in den Wechseljahren, also schon etwas älter als das «Sex and the City»-Personal. Sie lebt davon, Gebrauchsanweisungen für diverse Geräte zu schreiben. Sie lebt davon offenkundig gut, Geld spielt keine Rolle. Lange hat sie es geschafft, Verhältnisse mit wesentlich jüngeren Männern zu haben: «Er hatte einen braunen Körper mit hervortretenden Sehnen und Muskeln, das Haar fiel ihm lang und schwarz auf die Schultern.» Im Lauf der Zeit wird die Alterskrise jedoch immer stärker spürbar, und die Jungs wenden sich ab.

Trickreiche Ich-Erzählung

Im Zentrum des Romans steht dann, wie es sich gehört, die grosse Liebe: Unvermutet, als es schon zu spät zu sein scheint, taucht «der Mann» auf, er wird immer nur als solcher bezeichnet. Gross ist er und massig, er spricht wenig, aber er strahlt eine unendliche Gelassenheit aus und fängt die regelmässigen hysterischen Anfälle der Frau immer souverän ab. Der Bauch des Mannes, auf den die Frau den Kopf legen und dabei zur Ruhe kommen kann, wird leitmotivisch in Grossaufnahme gezeigt.

Das dauert vier Jahre so, die Ich-Figur fühlt sich im Glück, vor allem, weil die Mitmenschen alle so unerträglich sind und es ihr dabei so gut geht. Schliesslich tritt das Paar eine Reise auf eine Insel im südchinesischen Meer an, bei Hongkong, und nach drei Wochen ist der Mann plötzlich spurlos verschwunden. Das erklärt den Verzweiflungston der Frau, der im Verlauf des Romans zusehends schriller wird.

Das Buch giert gleichzeitig nach begeisterten Leserreaktionen wie: «Schonungslos, tieftraurig und ohne Tabus wird das psychische Elend des zeitgenössischen Daseins dargestellt», aber auch: «Herrlich satirisch und bissig, ich habe Tränen gelacht». Beides trifft natürlich nicht im Geringsten zu, aber dass beides anvisiert werden kann, ist der Trick dieser Ich-Erzählung.

Es handelt sich dabei um ein Ich, das sich mittlerweile als gefragte journalistische, weniger als literarische Grösse herausgebildet hat: Es ist das Ich einer Namenskolumne im Wochenendmagazin. Da kann man die ganze Welt auf einmal anklicken, ohne grossen formalen oder gedanklichen Aufwand. Es ist ein durch und durch rhetorischer Gestus, wie wenn man gerade am Biertisch ins Erzählen und ins Schwadronieren kommt.

Überrumpelnde Witzroutine

Sibylle Bergs Stil stellt sich keineswegs den Kriterien der Schriftsprache, es ist der Überrumpelungsgestus bei einer Stehparty. Typische Berg-Sätze sind: «Fast alle Menschen lieben geregelte Abläufe, da muss man sich nichts vormachen.» Oder: «Der Masseur sucht ein Restaurant, in dem er mit seiner Frau gewesen war - als sie noch lebte, versteht sich, wer geht schon mit der Leiche seiner Frau zu Tisch.» Die Gefahr, dass sich die Witzroutine leerläuft, ist bei einem solchen Verfahren unvermeidlich. Es geht um die sofortige Pointe, manchmal gelingt sie sogar.

Auch formal ist dieser Roman eine Ansammlung von Kolumnen: lauter kleine Kapitel, mit einem Datumseintrag vorne dran. Sie sind nach einem Prinzip geordnet, das man den Eleven bei einem Creative-Writing-Kurs gern als das einfachste Romanschema abseits des einlinigen Erzählens nahebringt: Es wechseln sich wie im Abzählreim zwei Zeitebenen ab, einmal die unmittelbare Gegenwart, dann die Vergangenheit, wobei die Vergangenheit sich unaufhaltsam auf die Gegenwart zubewegt und sie am Schluss des Romans eingeholt hat.

Der Leser ist ständig dem Trommelfeuer jenes Kunst-Ichs ausgeliefert, das Abgrenzung demonstriert und dabei doch hemmungslos nach Identifikation heischt: «Natürlich mochte ich die, die nicht ich waren, nur selten», heisst es gleich zu Anfang, und dieser Gedanke wird im Folgenden dutzendfach variiert: «Sind einem doch alle fremd, die man nicht selber ist» oder «Wie soll man sich nicht wichtig nehmen, die einzige Person, die man vierundzwanzig Stunden am Tag um sich hat.»

Die Ich-Figur will auf gar keinen Fall akzeptieren, «dass ich so bin wie die um mich herum». Die anderen stören das Ich «mit der Grobheit ihrer Gedanken». Das scheinbar wilde Umsichschlagen ihres Roman-Ichs tut niemandem weh, weil sich keiner gemeint zu fühlen braucht. Dieses Buch ist etwas, was tatsächlich oft als wirklich positiv besetzter Begriff auftaucht, als eine Art Hundewort: «niedlich». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2009, 15:07 Uhr

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3 Kommentare

Hans Hilbig

26.08.2009, 14:52 Uhr
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Kolumnenschreberin ist ein Vorurteil, was macht der Schreiber denn? Er schreibt Bücherkritiken. Was geschieht wenn seine Bücher besprochen werden, heißt es da, er ist ein Bücherkritiker und so lesen sich seine Bücher auch? Man darf das Buch von Frau Berg auch nicht mögen, aber es sieht ein bißchen so aus, als hätte das Buch, be jenem Herrn, schon beim auspacken keine Chance gehabt Antworten


Milena Moser

28.08.2009, 12:10 Uhr
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Ganz abgesehen davon, dass die Wechseljahre im wunderschönen Buch von Frau Berg gar nicht vorkommen, wirklich, nicht einmal erwähnt werden, verrät der peinliche Versuch, diesen Begriff als Wurfgeschoss zu verwenden, nicht nur Alter und Niveau des Rezensenten (üblicherweise scheint er sich mit Fussballern zu beschäftigen), sondern auch die Tatsache, dass er das Buch gar nicht gelesen hat. Antworten



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