Kultur

Diese drei Loetscher-Bücher muss man gelesen haben

Aktualisiert am 19.08.2009

Die wichtigsten Werke des grossen Schweizer Schriftstellers, der am Dienstag verstorben ist.

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Loetschers Durchbruch als Schriftsteller gelang ihm 1975 mit «Der Immune».
Diogenes

   

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Das neue Buch

Am 21. August, nur drei Tage nach seinem Tod, erscheint bei Diogenes Hugo Loetschers neues Buch «War meine Zeit meine Zeit». Es ist eine intellektuelle Bilanz, in der Loetscher die Themen seines Lebens und seines Werks zu einer weltumspannenden Autogeographie entfaltet.

«Der Immune» (1975)

Mit seinem eigenwilligen Entwicklungsroman «Der Immune» schaffte Loetscher den Durchbruch als Schriftsteller. 1986 folgt «Die Papiere des Immunen». Seinen Protagonisten, eben den Immunen, lässt Loetscher als Zuschauer in einem Theaterraum zur Welt kommen. Immer wieder spielt er mit der Metapher des Geborenwerdens aus eigener Kraft, unabhängig von der Schicksalhaftigkeit der Herkunft - etwa wenn er beschreibt, wie der Immune lernt, den betrunken randalierenden Vater in der Proletarierküche zu ertragen, indem er ein Intellektueller wird, ein Beobachter, unabhängig und frei. Diese Freiheit nutzt der Immune, genau wie Loetscher selbst, um in der Welt herumzukommen, bis er zurückkehrt: «Der Immune kam herum. Aber er kehrte auch zurück. Immer wieder nach Zürich. Zürich war die schönste Stadt, um regelmässig zurückzukehren.» Ein Satz, der Loetscher gleich dazu anregt, über das Ankommen in Zürich weiter zu schwadronieren, in seinen ihm eigenen Variationen, in denen sich das inspirierte Zusammenspiel des Schriftstellers Loetscher mit dem Journalisten Loetscher zu höchster Virtuosität aufschwingt: Von den Neugeborenen der Frauenklinik gelangt er, assoziierend und mit Zahlen und Fakten hantierend, über die alten Römer bis zu den Migranten, die einen beträchtlichen Teil der Zürcher ausmachen. Er selbst ist einer von ihnen.

«Die Augen des Mandarin» (1999)

Die Werke Loetschers basieren häufig auf seinen Reiseerfahrungen und anderen autobiografischen Elementen. «Die Augen des Mandarin» war vor zehn Jahren einer seiner grössten Kritikererfolge, für den er auch eine Ehrengabe des Kantons Zürich bekam. Past heisst die Hauptfigur des Romans, und in diesem Past erkennt man unschwer den Schriftsteller. Schon im Namen tönt Vergangenheit an, Erinnerung: «Past hatte es bis ans Ende des siebten Jahrzehnts gebracht.» Seine blaugrünen Augen werden röter und schwächer. «Unvermeidlich die Verschleisserscheinungen.» Auch in diesem Buch trägt Loetscher den Leser fort in seinem ruhigen, starken Erzählstrom. Er ist ein wunderbarer Erzähler, der gewichtige Gedanken federleicht formuliert. Er betrachtet die Welt mit zunehmendem Gleichmut, mit dem Wissen um das allseitig vergebliche stete Bemühen, mit einem ironischen Lächeln, auch über sich selbst. Mit Past reisen wir durch die Kontinente, sind dazwischen immer wieder zurück in Zürich, in diesem Zürich mit Packeis und Platzspitz, mit Opernhaus und revoltierender Jugend. Das ist der Kosmopolit Loetscher. Die Geschichten, Episoden und Reflexionen in seinem neuen Buch folgen Bildern, Assoziationen, Stimmungen. Loetscher schaut hinter die Dinge. Die Welt ist für ihn ein Ganzes. Auch im heimatlichen Hauptbahnhof entdeckt er das Exotische. Der zweite Teil des Buches ist sehr philosophisch. Der Autor reist in Gedanken durch die Kontinente, Kulturen und Jahrhunderte und nennt das «die Bilanz eines Perplexen in einer Zeit des Wirrwarrs». Past tritt in einen fiktiven Dialog mit einem chinesischen Mandarin, dabei assistieren zahlreiche Gestalten aus der griechischen und römischen Mythologie. Die Erlebnisprosa weicht der Gedankenakrobatik.

«Lesen statt klettern» (2003)

In seinem äusserst anregenden Aufsatzband «Lesen statt Klettern» stellt Loetscher die Schweizer Literaturgeschichte, als deren Initialzündung gemeinhin Albrecht von Hallers Gedichtband «Die Alpen» (1732) gilt, auf den Kopf, beziehungsweise auf neue Füsse: Sein Gewährsmann ist der urbane Renaissancemensch Thomas Platter, «ein Walliser Geissbub, der die Bergwelt verliess, um in der Stadt seinen Wirkungsraum zu finden». Und der eine für die Schweiz ebenso bedeutende literarische Tradition begründete, die Hugo Loetscher in seinen vielen Romanen, Essays und Reportagen weiterpflegte und weiterentwickelte - nicht nur literarisch, sondern auch politisch ein wichtiges Unternehmen. «Wir werden nicht mit Wurzeln, sondern mit Füssen geboren», schreibt der Germanist Jeroen Dewulf, Loetscher-Spezialist aus Berkeley, in seinem Vorwort zu «Lesen statt Klettern».

(smh)

Erstellt: 19.08.2009, 15:34 Uhr

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