Kultur

«Dieses Europa erledigt sich von selbst»

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 21.12.2010 40 Kommentare

Er ist ein vehementer Gegner der EU und findet die hiesige Demokratie am besten, wenn die Stimmbeteiligung tief ist. Der Schriftsteller Thomas Hürlimann wird heute 60 – und immer radikaler.

1/7 Thomas Hürlimann wurde am 21. Dezember 1950 in Zug geboren. Seit 1974 lebt und arbeitet der erfolgreiche Autor in Berlin.
Bild: Thomas Burla

   

Autorenbuch

Sein neuer Verlag S. Fischer hat Thomas Hürlimann zum Geburtstag ein Autorenbuch gewidmet.

Ohne Thomas Hürlimann, so beginnt das Vorwort, wäre die deutsche Gegenwartsliteratur ärmer. Wohl wahr (erst recht die Schweizer). Laudator Jochen Hieber legt die Latte noch höher: Für ihn steht Hürlimann, merkwürdiger Vergleich, in der Bundesliga der deutschen Gegenwartsliteratur auf einem Champions-League-Platz. Der so belobigte Autor könnte mit einem eigenen Satz einwenden: «Wir spazieren auf einem hohen Seil, stets vom Absturz bedroht.» Aber gegen Lob und Preis kann, muss man sich nicht wehren. Davon gibt es genug in diesem Materialienband aus einer Reihe, die der S.-Fischer-Verlag seinen besten Autoren widmet. Nun also Hürlimann, der nach der Schliessung von Ammann zum Verlag von Freud und Thomas Mann gewechselt ist.

Keine schlechte Umgebung für einen der besten lebenden Autoren der Schweiz, der heute seinen 60. Geburtstag feiern kann. Er lebt seit langem in Berlin und arbeitet intensiv an seinem neuen Roman. Wer mit ihm darüber spricht, erhält freundlich ausweichende Antworten: Über ungelegte Eier mag Hürlimann nicht reden. Über die gelegten gibt es ja genug zu sagen und zu lesen, wie auch der vorliegende Band zeigt.

Er enthält, dem Konzept der Reihe folgend, Rezensionen und Essays, von Kritikern, Universitätsgermanisten und Übersetzern (wunderbar, wie der russische erzählt, dass ihn ein Leser fragte: Schreibt der wirklich so gut, oder ist das nur gut übersetzt?). Am gehaltvollsten ein grosses, kluges Interview mit dem Autor, geführt vom Herausgeber Hans-Rüdiger Schwab für diesen Band. Unter den «Würdigungen», Vignetten von Wegbegleitern, fällt die von Botho Strauss auf. Der zählt zu den Bedingungen einer guten Freundschaft: «Keine Konkurrenz», «keine Frau im Bund» und schliesslich «keine Sitzungen, immer nur Gänge».

Martin Ebel

«. . . darüber ein himmelweiter Abgrund». Zum Werk von Thomas Hürlimann. Hg. von Hans-Rüdiger Schwab. S. Fischer, 446 Seiten, ca. 18 Franken.

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Thomas Hürlimann ist ein Mann, der zurückschaut, um die Gegenwart zu verstehen. Spricht er über seine politischen Ansichten, so argumentiert er hauptsächlich mit historischen Begebenheiten. Auch seine literarischen Stoffe schöpft er aus der Geschichte, oft aus seiner eigenen Familiengeschichte, was zuweilen nicht nur die betroffenen Angehörigen verstört. Das Bild, das er in «Der grosse Kater» von seinem Vater, dem ehemaligen Bundesrat Hans Hürlimann zeichnet, ist wenig schmeichelhaft. Nach der Veröffentlichung von «Fräulein Stark» über den früheren St. Galler Stiftsbibliothekar wehrten sich Verwandte gar öffentlich gegen das von ihm gezeichnete Bild.

Gerade in der heutigen, globalisierten Welt sei es umso wichtiger, dass man sich mit seiner Herkunft befasse. «Sonst verlieren wir die Orientierung», sagt er. Die Schlüsse, die er aus seinem Geschichtsverständnis zieht, passen aber überhaupt nicht in das Bild, das man sich von einem in Berlin lebenden Schweizer Kulturschaffenden macht – ebenso wenig sein visuelles Auftreten. Er stellt gerne mit einem offenen bunten Hemd seine Brusthaare zur Schau, man würde ihn eher mit einem Touristen am Mittelmeer als mit einem angesehenen und erfolgreichen Autor in Verbindung bringen. Zwar äussert er sich immer wieder pointiert zur Schweizer Politik, sich im Künstler-Mainstream einspannen zu lassen, wie zum Beispiel für den Kampf gegen eine Ausschaffungsinitiative, läge ihm fern.

Demokratie für eine kluge interessierte Minderheit

Kürzlich legte der Schriftsteller seine politischen Ansichten und sein Verhältnis zur Schweiz in einem längeren Gespräch in der Sendung «NZZ Standpunkte» dar. Geht es um die EU, so gerät der Schriftsteller in Rage: «Dieses Europa können Sie vergessen, das erledigt sich von selbst!» Ihn deswegen in die SVP-Ecke zu stellen, wäre verfehlt. Obwohl er von sich sagt, er werde als Demokrat immer radikaler, so pflegt er eine eher elitäre Vorstellung von Demokratie. Die besten Resultate entstünden, wenn eine «kluge interessierte Minderheit an die Urne geht». Dies sieht er bei einer Stimmbeteiligung von 25 bis 30 Prozent gegeben. «Bei über 50 bis 60 Prozent sind die Entscheidungen oft problematisch.»

Seit 1974 Jahren wohnt der Zuger in Berlin. Erst in der Fremde ist er zum engagierten Verfechter der Schweizer Demokratie geworden. Er wohnte in einem Haus, in dem mehr und mehr Türken eingezogen waren. «Ich merkte, dass die Türken viel mehr von Ihrer Heimat mit nach Deutschland nahmen.» So wurde auch er sich seiner Wurzeln stärker bewusst, begann Schweizer Literaturklassiker wie Gottfried Keller oder Meinrad Inglin zu lesen. «Vorher wusste ich nicht, was an dem Land besonders ist.»

Widerspenstiger Nostalgiker

Auf den heutigen Bundesrat ist Hürlimann schlecht anzusprechen. Das politische Personal sei Schuld, wenn ein eigentlich gutes System zugrunde gehe. Die einzelnen Bundesräte wollten sich nicht mehr in ein kollektives Gremium einfügen, im Gegenteil, es werde als Hindernis angesehen. «Wenn die Leute nicht mehr bereit sind, mitzumachen, kann man den Laden dicht machen – fertig, aus!» Befremdlich wirkt dabei die Verklärung der alten Zeiten, als sein Vater noch Bundesrat war, das Gremium noch als solches auftrat, «mit Frank A. Meyer als Pressesprecher». Damals habe das System noch funktioniert.

Sein Feuer, sein Engagement und seine Widerspenstigkeit sind es, die Thomas Hürlimann ausmachen. Und dass er einen damit immer wieder überraschen kann. Demnächst soll sein neues Buch erscheinen. Wovon es handelt, verrät er noch nicht. Womit man aber kaum falsch liegen kann: dass es sich wieder mit der jüngeren Schweizer Vergangenheit befassen wird. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.12.2010, 12:51 Uhr

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40 Kommentare

Hans Mueller

21.12.2010, 13:28 Uhr
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In einem Punkt muss ich ihm rechtgeben, es wäre besser wenn nur informierte und interessierte Leute abstimmen würden. Eine nicht informierte "Gefühlsmeinung" bringt eine Demokratie nicht weiter, da können wir genausogut eine Münze werfen. Und bevor jetzt das "Intellektuellen bashing" weitergeht: Es genügt nicht eine Meinung zu haben, man muss sie auch begründen und darüber diskutieren können. Antworten


gianni carlos

21.12.2010, 14:15 Uhr
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Die Leute beteiligen sich an einer Minarett-Abstimmung nicht aus Blödheit, sondern weil sie das Anliegen betrifft. Das Gleiche gilt für die Ausschaffungsinitiative. Zur Demokratie gehört, dass alle daran teilnehmen dürfen: Alte, Junge, Gescheite, Dumme, Kranke, Gesunde, Arbeitslose, Manager, Gutmenschen etc. Schade, dass auch Hürlimann damit Mühe bekundet. Seine Bücher bleiben jedoch erste Sahne. Antworten



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