Dieses Fukushima-Manga erzürnt die japanische Regierung

Wegen eines Comics über die Lage im Katastrophengebiet gehen in Japan derzeit die Emotionen hoch.

Gegen diesen Comic hat sich eine breite Allianz formiert: Autor Tetsu Kariya berichtet von den Umständen im verstrahlten Fukushima.

Gegen diesen Comic hat sich eine breite Allianz formiert: Autor Tetsu Kariya berichtet von den Umständen im verstrahlten Fukushima. Bild: PD

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Die einen können die Fortsetzung kaum erwarten, die anderen - darunter vor allem die örtlichen Behörden und die Regierung, sind empört. Mit ungeschönten Schilderungen der Folgen der Reaktorkatastrophe rief Autor Tetsu Kariya sogar den Umweltminister auf den Plan. Die scharfen Reaktionen überraschen den 72-Jährigen, abschrecken lässt er sich davon jedoch nicht.

Die Fans stürmten in der Nacht zum Montag die rund um die Uhr geöffneten Supermärkte, um bereits um Mitternacht das neueste Manga-Kultmagazin «Big Comic Spirits» zu ergattern. Jede Woche wird darin eine neue Folge des Gastronomie-Mangas Oishinbo («Gourmet») veröffentlicht. Die Serie gibt es schon seit 1984, zurzeit spielt sie in der Region Fukushima.

Eine der von Akira Hanasaki gezeichneten Figuren berichtete in der vor einer Woche erschienenen Folge, viele Menschen in Fukushima würden aus unerklärlichen Gründen aus der Nase bluten. Die Gemeinde Futaba, seit dem Unglück eine Geisterstadt, protestierte beim Verlag Shokagukan empört gegen die «Unwahrheiten»: Sie wirft Kariya vor, «keinerlei Recherchen» vorgenommen zu haben und nur seine persönliche Meinung wiederzugeben.

AKW-freundliche Regierung

In der neuen Episode ist zu lesen, dass die Böden in der Gegend auch durch Dekontaminierung nicht von Radioaktivität befreit würden, Nasenbluten von der Verstrahlung herrühre und die Bewohner von Osaka im Westen Japans, wo die Abfälle aus dem Umland von Fukushima verbrannt wurden, ebenfalls über Beschwerden klagen.

Die Vorwürfe stammen von realen Persönlichkeiten. Futabas Ex-Bürgermeister Katsutaka Idogawa etwa wird nicht müde, die «Untätigkeit» der Regierung während des Reaktorunglücks im März 2011 anzuprangern. Er betont, auch er selber sei verstrahlt worden. Zur Bekräftigung veröffentlichte Idogawa Bilder von seinen Nasenblutungen.

Gegen den Comic hat sich jedoch eine breite Allianz formiert. Sogar Umweltminister Nobuteru Ishihara schaltete sich ein. «Bei diesem Manga weiss man nicht mehr, ob es Fiktion ist oder nicht», klagte er. «Gemäss Experten gibt es keinerlei Zusammenhang zwischen einer Verstrahlung durch das Unglück und Nasenbluten. Es ist nicht nötig, schädliche Gerüchte zu verbreiten», sagte der Vertreter aus dem AKW-freundlichen Kabinett von Premier Shinzo Abe.

Fukushima fast Tabu-Thema

Kariya selbst steht zu seinen Sprechblasen: «Ich habe schon gedacht, dass die Erwähnung dieser Blutungen Proteste hervorrufen würde, doch mit einem solchen Sturm der Entrüstung hätte ich nicht gerechnet», schreibt der 72-Jährige in seinem Blog: «Ich verstehe diese Kritik nicht, wenn man doch nur die Wahrheit schreibt, wie sie ist».

Zwei Jahre habe er vor Ort für den Comic recherchiert. «Zweifellos hätten alle lieber gelesen, dass in Fukushima alles gut läuft», sagte Kariya: «Aber ich kann nur die Wahrheit erzählen». Der 72-Jährige will sich von dem Druck nicht einschüchtern lassen.

In der nächsten Woche soll eine neue Folge über «die Wahrheit in Fukushima» herauskommen, mit noch mehr Details. Ein anderer Comic-Zeichner, der ungenannt bleiben will, bestätigt, dass Fukushima inzwischen schon fast zum Tabu-Thema geworden ist. «Wer zeichnet heute noch, dass niemand das Gemüse aus der Region kaufen will? Dafür würde man im Internet sofort gelyncht - wenn nicht der Verleger schon vorher sein Veto einlegt», sagte der Zeichner: «Das geht schon so weit, dass man fast Sorge haben muss, 'Big Comic Spirits' werde eines Tages sein Erscheinen einstellen.» (sda)

Erstellt: 12.05.2014, 16:42 Uhr

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