Kultur
Egon Ammann: «Hugo Loetscher war ein grosser europäischer Intellektueller»
Interview: Michèle Binswanger. Aktualisiert am 19.08.2009
Loetscher-Freund: Verleger Egon Ammann.
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Mit Hugo Loetscher ist einer der letzten grossen Schweizer Intellektuellen gestorben. Was haben wir an ihm verloren?
Hugo Loetscher war eine herausragende Figur in der Landschaft der Schweizer Literatur, er brachte eine ganz besondere Farbe ein. Von den meisten anderen zeitgenössischen Schriftstellern unterschied ihn, dass er auf der ganzen Klaviatur literarischer Stile gearbeitet hat. Er hat Romane geschrieben, Essays, er war Journalist, Feuilletonist, hat sich dezidiert zur Gesellschaft und Politik geäussert. Er war einer der ganz wenigen, die so breit gearbeitet haben.
In welchem Bereich sehen Sie seine grösste Hinterlassenschaft?
Ich würde es vielleicht so sagen: Hugo Loetscher war ein europäischer Intellektueller von Format, der auch Romane geschrieben hat.
Wie wurde er im Ausland rezipiert?
Da muss man wieder unterscheiden. Als Intellektueller wurde er vor allem in Frankreich sehr geschätzt, aber auch in Brasilien kennt man ihn, ein Land, über das er auch geschrieben hat. In Deutschland nahm man ihn mehr als Journalist denn als Schriftsteller wahr.
Loetscher pflegte eine klare Sprache, ein pointiertes Denken und weniger den vergeistigten Stil der Franzosen. Warum schätzten man ihn trotzdem eher in Frankreich, während ihm in Deutschland die grosse Aufmerksamkeit versagt blieb?
Sein Exotismus und Metropolitanismus als Denker liegt den Franzosen vielleicht näher. Er stand da auch in der Tradition der grossen französischen Intellektuellen, die im Salon über politische wie ästhetische Fragen debattierten. Als Erzähler war Loetscher hingegen eher konventionell – vielleicht ist das deutsche Publikum eher am schriftstellerischen Experiment interessiert.
Was muss man von Loetscher gelesen haben?
Von den Romanen halte ich «Abwässer» (1963) und «Die Kranzflechterin» (1964) für seine bedeutsamsten Werke, beides Roman über ihn und die Gesellschaft im Zürich der sechziger Jahre. Ebenfalls ein grosser Wurf ist auch «Der Immune» (1975). Von den feuilletonistischen Werken muss man «Herbst in der Grossen Orange» (1982) und «Der Waschküchenschlüssel und andere Helvetica» (1983) lesen.
Welches war die markanteste Entwicklung in seiner schriftstellerischen Biographie?
Seine Frühwerke sind von einer linearen Erzählweise geprägt, später wandte er sich einer episodischen, von Stimmenvielfalt geprägten Erzählweise zu. In den letzten Jahren tat er sich vor allem als Grossfeuilletonist hervor, die grossen literarischen Würfe gelangen ihm eher in der Frühphase.
Sein letztes Werk «War meine Zeit meine Zeit» soll am Freitag erscheinen. Wissen Sie etwas darüber?
Nein, aber ich freue mich sehr darauf, es zu lesen. Noch schöner wäre es gewesen, wenn er noch am Leben wäre, dann hätte ich mich mit ihm darüber austauschen können. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.08.2009, 13:05 Uhr















