Kultur
Ein Mann am Ende seiner Schöpferkraft
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 12.03.2010 1 Kommentar
Philip Roth: Die Demütigung. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Verlag Hanser, München 2010. 138 S., ca. 28 Fr.
Simon Axler ist 65 und «der letzte der grossen klassischen amerikanischen Bühnenschauspieler». Seit er als 25-Jähriger am Broadway debütiert hat, als Konstantin Gawrilowitsch Trepljow in Tschechows «Möwe», in der Rolle eines am Leben und an der Liebe gescheiterten Künstlers, eines Selbstmörders – seither wird er vom Erfolg auf Händen getragen. Theatererfolge, Kinoerfolge. Wohlstand. Frauen. Eine Farm auf dem Land mit 50 Morgen Feldern.
Und dann ist das alles plötzlich weg. Von einem Tag auf den anderen. Wie ein Seiltänzer, der sich nicht mehr aufs Seil traut, fürchtet Axler den Auftritt. Er war immer ein Instinktschauspieler, nie musste er über das nachdenken, was er auf der Bühne zu tun hatte. Seine Präsenz war unwiderstehlich; er war einfach da, und dann war er Macbeth oder Prospero, Othello oder Onkel Wanja. Jetzt ist er niemand mehr. Er glaubt nicht mehr an sein Talent, ja nicht einmal mehr daran, je Talent gehabt zu haben. Vielleicht hat er ja immer nur jemanden gespielt, der Talent hatte?
Der Zusammenbruch seines Helden
Auf einem Dutzend Seiten breitet Philip Roth am Anfang seines neuen Buchs den Zusammenbruch seines Helden aus. Seine Frau verlässt ihn, er zieht sich auf seine Farm und in die Einsamkeit zurück. Er schafft es gerade noch, kurz bevor er zur Flinte greift, sich selbst in die Psychiatrie einzuweisen. Dort erzählen sich die Patienten ihre gescheiterten Selbstmordversuche.
Eine bodenlose Ouvertüre. Was kann darauf noch folgen? Es folgt ein mühsames Sich-Aufrappeln und die Illusion eines neuen Anfangs. Axler, zurück auf seiner Farm, glaubt, mit allem fertig zu sein. Da erhält er Besuch von Pegeen, der vierzigjährigen lesbischen Tochter alter Freunde. Sie ist gerade von ihrer langjährigen Freundin verlassen worden und beginnt ein Verhältnis mit Axler. Der gerät immer tiefer in die Falle der Glückshoffnung. Wider besseres Wissen. Aber nicht ohne Misstrauen.
Ein vernichtender Schlag
Immer wieder fragt er Pegeen, ob sie wirklich mit einem 65-jährigen, gesundheitlich angeschlagenen, beruflich mausetoten Mann leben will, und kann ihren Beteuerungen kaum glauben. Er sieht voraus, wie es kommen muss: Jetzt ist er stark, weil er an nichts mehr glaubt, sie noch gedemütigt und in ihrer neuen sexuellen Orientierung noch unsicher. Das wird sich ändern, weiss er. «Und wenn sie stark ist und ich schwach bin, wird der Schlag vernichtend sein.»
Und dennoch: Das Glück, das er in der Gegenwart Pegeens erlebt, ist eine zu starke Droge, als dass er sie, selbst mit der Perspektive des sicheren zukünftigen Ruins, absetzen könnte. Es fehlt ihm nicht an Klarsicht, aber an der Kraft, sie umzusetzen, bevor es zu spät ist. Denn der Schlag kommt, und er ist vernichtend. Pegeen verlässt ihn, wie sie von ihrer Freundin verlassen wurde, wie sie selbst die Dekanin ihres Colleges verlassen hat, bei der sie sich einen Posten erschlafen hat: brüsk und brutal.
Und so vollendet sich, was am Anfang schon klar war, und die Flinte, die der Autor uns schon am Anfang gezeigt hat, geht nun wirklich los. «Selbstmord ist die Rolle, die man für sich selber schreibt. Aber es gibt nur eine einzige Vorstellung», hatte Axler in der Psychiatrie seinen Mitpatienten erklärt. Jetzt hat er seinen Auftritt. Schluss machen kann er allerdings nur, indem er sich noch einmal in eine Rolle versetzt – in die Glanzrolle seiner Anfänge, Tschechows Selbstmörder Trepljow. «Die Sache ist die: Konstantin Alexandrowitsch hat sich erschossen», steht auf einem Zettel neben seiner Leiche. Es ist die letzte Replik der «Möwe».
Glanzstücke in der Perlenkette seiner Romane
Roth sondiert seit Jahren den zusehends versteppten Lebensabschnitt, der vor einem liegt, wenn man sich dem Tod nähert. «Jedermann» und «Exit Ghost» waren Glanzstücke in der Perlenkette seiner Romane. «Die Demütigung» ist ein kleineres Buch, eher eine Novelle. Sie lebt von der radikalen Konsequenz ihrer Konstruktion wie von der ebenso radikalen (aber nutzlosen) Klarsicht ihres Helden.
Beides zusammen bewirkt beim Leser höchst gemischte, aus Bewunderung und Grauen gespeiste Empfindungen. Bewundernswert der dramatische Bogen, die inneren Verweise, die Korrespondenz der Motive, mit dem Theatermotiv im Zentrum. Ironischerweise ist es eine Art Kollegin, auf die Axler hereinfällt: Pegeen spielt ihm vielleicht nichts vor, aber sie probiert eine Rolle aus, die einer femininen Frau, und legt sie dann wieder ab wie ein Kostüm. Axler aber, der Ex-Schauspieler, verwechselt Spiel und Wirklichkeit. Er träumt sich in ein ganz neues Leben hinein, in dem er seinen Rücken operieren lässt, von Pegeen ein Kind bekommt und auf der Bühne neue Triumphe feiert.
Grosse, grauenhafte Kunst
Mit äusserster Präzision führt Roth zwei Biografien aneinander vorbei. Mit derselben grausamen Präzision, die das Schicksal anwendet, das hier Regie führt – ein Schicksal, das wir uns als Instanz vorstellen und grausam oder ironisch oder blind nennen, obwohl da doch nichts ist. Nichts. Gar nichts. Die Dramen, in denen Axler aufgetreten ist, bedeuteten wenigstens etwas. Sein eigenes Scheitern ist bedeutungslos.
Philip Roths Novelle ist grauenhaft, und sie ist grosse Kunst. Schwer zu ertragen – vielleicht auch schwer zu schreiben. Gut möglich, dass der Autor am gescheiterten Schauspieler die eigene Angst vor der versiegenden Schöpferkraft beschwören und bannen wollte. Es ist ihm geglückt. Der Mann ist jetzt 76, «Die Demütigung» ist sein 30. Buch, und von einem Versiegen der Kräfte ist nichts zu spüren. Sein nächstes Werk ist schon angekündigt, es soll «Nemesis» heissen und von einer schrecklichen Epidemie handeln. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.03.2010, 08:21 Uhr







Hans-Jörg Schnyder
"Die Demütigung" von Philip Roth ist sicher wieder ein faszinierendes Buch. Seine Bücher muss man gelesen haben. Es wäre an der Zeit, dass er endlich den Nobelpreis für Literatur erhalten würde! Antworten