Ein Schweizer auf Abwegen

Der umstrittene Autor Christian Kracht legt mit «Die Toten» einen neuen Roman vor. Warum er enttäuscht.

Seine Adjektive kommen alle aus dem Preziosenladen: Christian Kracht.

Seine Adjektive kommen alle aus dem Preziosenladen: Christian Kracht. Bild: Keystone

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Wenn es doch bloss ein Roman wäre! Dann könnte man ihn unvoreingenommen lesen, beurteilen und dem Leser erklären: Was will der Autor; ist es ihm gelungen? Aber Christian Kracht ist nicht bloss ein Autor. Er ist längst schon eine Kultfigur und jedes seiner Bücher noch vor dem Erscheinen eine Legende. Seit «Faserland» (1995), einer Gründungsakte der Popliteratur, werden seinen ­Romanen seismografische Qualitäten zugeschrieben. Ein Orakel für gesellschaftliche Unterströmungen: Kracht, ein deutschsprachiger Houellebecq, aber im Gewand eines Dandys.

«Imperium», die Geschichte eines durchgeknallten Kokosnussfarmers in der Südsee, löste sogar eine «politische» Debatte aus, wegen des angeblich darin ­enthaltenen rassistischen Gedankenguts. Dabei wäre eher zu fragen, ob das überdrehte Thomas-Mann-Stilpastiche überhaupt politisches Gedankengut enthielt.

Um «Die Toten», den neuen Roman, der am Donnerstag in die Buchläden kam, entspann sich nun wenigstens ein Literaturbetriebsscharmützel. Krachts Verlag Kiepenheuer & Witsch hatte eine mit schweren Drohungen befrachtete Sperrfrist verhängt, dabei aber Ausnahmen zugelassen, die – welch ein Zufall – zu exaltierten Lobeshymnen gerieten, woraufhin die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» konstatierte, der Unterschied zwischen Journalismus und Reklame sei dahin.

Versuchen wir uns dennoch im journalistischen Zugang und tun so, als sei «Die Toten» einfach ein neuer Roman. Der spielt in den frühen 1930er-Jahren, meist in Japan, aber auch in Berlin und Hollywood, und unter zahlreichen his­torischen Gestalten. So treten auf: der Filmzar Alfred Hugenberg und der Schauspieler Heinz Rühmann, Charlie Chaplin und der japanische Premier­minister, die Filmtheoretiker Siegfried Kracauer und Lotte Eisner.

Hauptfigur ist aber ein Schweizer, der fiktive Filmregisseur Emil Nägeli. (Auch Kracht, in Saanen geboren, ist ja auf seine Weise Schweizer, obwohl er, nach Bangkok und Kathmandu, jetzt in Los Angeles lebt.) Besagter Nägeli, ein «ansehnlicher Mann» mit «spitzer schweizerischer Nase», leidet an seiner bünzlihaften Heimat und deren «beschränkten» Kulturschaffenden. Er selbst hat mit «Die Windmühle» einen Film gedreht, bei dem sogar die Fans einschlafen, der aber «innerhalb der Ereignislosigkeit das Heilige, das Unaussprechbare» sichtbar macht.

Ufa-Chef Hugenberg vermittelt Nägeli nach Japan, wo er mithelfen soll, eine deutsch-japanische «zelluloidene Achse» zu etablieren, um dem US-Kulturimperialismus entgegenzutreten. Der wird im Roman verkörpert von Chaplin, der ebenfalls in Japan weilt und knapp einem Attentat nationalistischer Kadetten entgeht (das ist historisch belegt). Dafür stösst er selbst später seinen japanischen Konkurrenten Amakasu vom Bord eines Ozeandampfers (das ist nicht historisch).

Transfigurationsorgie

So weit, so merkwürdig. Chaplins Mordtat wird mit der gleichen Nonchalance geschildert wie alle anderen «eleganten Brutalitäten» im Roman. Die «Transfiguration des Schreckens zu etwas Höherem, Göttlichem» wohnt nach Ansicht des Autors offenbar Hochkulturen wie der japanischen (und der deutsch-­faschistischen) inne. Auch sein eigener Roman ist eine einzige Orgie der Transfiguration: des Gewöhnlichen ins Exquisite. Dazu bedient er sich einer Wortart, die gute Autoren nur sparsam verwenden, weniger gute verschwenderisch: des Adjektivs. Krachts Adjektive kommen alle aus dem Preziosenladen.

Da gibt es die «hölderlinsche Zone», «ersilberte Haare», den «smaragdenen Wirbel einer Welle», einen «doppelschlündigen Fahrstuhl» und «nadelpfeifende Kopfschmerzen». Auch die Verben erheben sich über den schnöden Alltag, sie «narratieren» und «gourmetisieren», es wird «opalisiert» und «intuitiert». Manchmal spart der Autor neckisch den Artikel ein: «hatte verkaterter Hugenberg gemaunzt» heisst es dann oder «lügt überforderter Nägeli». Als der am Totenbett seines Vaters sitzt, «rasselt es käfergleich aus der kaminösen Kehle». Hallo Stabreim!, und beim schon zitierten «Wirbel der Welle» möchte man wagnern: wagalaweia!

Wenn Chaplin «verwerflich lacht» oder Hakenkreuzfahnen herunterhängen wie «geistlose Schwalben», muss man sich dagegen fragen, was das überhaupt heissen soll. Auch in der Wahl der Metaphern beweist Kracht keine glückliche Hand: «Der Samen war gepflanzt, einer schlafenden Rakete gleich.» Kurz: Was manche Kritiker meinen, wenn sie vom grossen Stilisten Kracht schwärmen, bleibt nach der Lektüre unerfindlich. Oder ist das alles ein subtiles Nasedrehen allen Bewunderern und Kritikern, ein höhnischer Sauglattismus? Dafür gibt es immerhin Indizien. «Es zwickt ihn innerlich, dieser Schmonzes», sagt sich Nägeli an einer Stelle, nachdem er gedrechselte, nichtssagende Konversation hat machen müssen.

Nun muss Christian Kracht ja nichts dergleichen – nur sein Vorhaben umsetzen, also seine Romanmaschine mit dem richtigen Brennstoff betanken und antreiben. Also nochmals schlicht gefragt: Was hat er gewollt, ist es ihm gelungen? Gewollt hat er offenbar, einen Zusammenhang herzustellen zwischen Technik, Kultur, Tradition und Gewalt. Dass zwei rasant modernisierte, aber zutiefst traditionsverhaftete Gesellschaften in den Faschismus kippen, ist tatsächlich eine interessante Parallele und Stoff für einen extravaganten Roman. Aber bei Kracht versinkt dieser Ansatz – wenn er es denn überhaupt ist – ins Unbemerkbare, überwuchert von einer hane­büchenen Handlung und einer extrem manierierten Sprache.

Christian Kracht: Die Toten. Roman, Kiepenheuer und Witsch, Köln, 2016, 212 Seiten. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.09.2016, 15:53 Uhr

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