Kultur
Ein politischer Umsturz ist bedeutungslos neben einer Scheidung
Das Buch
Per Petterson: Ich verfluche den Fluss der Zeit. Roman. Hanser. 240 S., ca. 32 Fr.
Per Pettersons Bücher handeln von Verlusten. Zum einen in einem ganz konkreten Sinne wie in seinem Roman «Im Kielwasser», in dem er vom Tod seiner Eltern und Brüder erzählt, die im Jahre 1990 beim Brand der Fähre «Scandinavian Star» zu Tode kamen. Zum anderen aber geht es ihm in einem weiteren Sinne um die zerstörerische Macht der Zeit. Mit den Worten des Ich-Erzählers Arvid, die dieser gegen Ende des neuen Romans von Petterson mit dem programmatischen Titel «Ich verfluche den Fluss der Zeit» formuliert: «Es war nicht zu fassen, dass etwas Schönes gänzlich zermalmt werden konnte und zu nichts wurde.» Gegen die Trauer, Ratlosigkeit und Wut, die dieser Befund auslöst, richtet Petterson seine ganze Energie.
Arvid ist ein problematischer Charakter, einer, der zwischen Grössenfantasien und Minderwertigkeitskomplexen hin und her gerissen wird und zwischen Aggression und Verzagtheit schwankt. Wie sein Autor ist er 1952 geboren und von der linken Protestbewegung der 68er geprägt, deren Kraftströme auch Norwegen erreichten. Von den Pfadfindern führt sein Weg direkt zu einer maoistisch-kommunistischen Studentenpartei, die von ihren Mitgliedern den Verzicht aufs Studium verlangt und Arbeit an der Basis, in der Produktion. So verdingt sich Arvid in einer Druckerei, wo er seine Kollegen im Sinne der Weltrevolution zu agitieren versucht. Was die recht gelassen und gutmütig über sich ergehen lassen. «Der kleine Stalin», wie sie ihn nennen, ist ihnen abgesehen von seinen Tiraden recht sympathisch.
Arvids Problem: Er kann seine dogmatische Weltsicht nicht gänzlich mit seinen eigenen Wünschen und Ängsten in Übereinstimmung bringen. Im Herbst 1989, in dem der Roman einsetzt, ist seine Abweichung von der Linie der Partei schon vollzogen. Aber sein Grundgefühl, das vermitteln die souverän eingesetzten Rückblenden in seine Kindheit und Jugend, war von jeher von der Ahnung geprägt, dass er nirgendwo dazugehört; er spürt, dass er keinen Boden unter den Füssen hat, dass er «der einzige Mensch auf der ganzen Welt war, der mit seinem Leben in die falsche Richtung lief».
In seiner Familie spielt er den störrischen Einzelgänger, einen, der alles anders machen will und es dann noch nicht mal schafft, am fünfzigsten Geburtstag seiner Mutter eine kleine Rede zu halten; er ist einfach zu besoffen.
Liebe zwischen Nähe und Distanz
Warum rührt und bewegt uns die Geschichte dieser in sich und in seinen unklaren Wünschen verstrickten Figur? Weil Arvid ein Suchender ist, weil er trotz seiner tapsigen Egozentrik zur Empathie und Liebe fähig ist. Und vor allem: Weil Petterson ihn uns in einer ungemein facettenreichen Darstellung nahe bringt. Man spürt geradezu Arvids existenzielle Fremdheit, wenn er sich durch die dunklen Strassen von Oslo wie durch ein Labyrinth bewegt. Die Stadt selbst und ihre vielfältig sich verästelnden Strassen werden zu einem Sinnbild für Arvids panische Suche nach sich selbst, nach einem Mittel gegen seine «Deplatziertheit in der Zeit».
Pettersons Roman ist auch ein ziemlich sarkastisches Porträt der 68er-Generation, die sich viel zu lange und gegen alle inneren Widerstände linksradikalen Dogmen und den Heilsversprechen einer marxistisch-leninistischen Partei unterworfen hat. Zwar schiebt Arvid fünf Jahre lang unermüdlich seine Schichten in der Druckerei. Doch will er etwas ganz anderes: Nähe, Wärme, Zuneigung.
So schnell wird man die Szene nicht vergessen, wie Arvid nach einer Doppelschicht in der Druckerei in seine kleine Wohnung kommt, wo seine Freundin wartet, eine Schülerin, die sich vor ihrer gewalttätigen Familie zu ihm geflüchtet hat. Doch diese zarte, zitternde Liebe lässt sich nicht halten und geht im Herbst 1989 zu Ende, einem Herbst, in dem auch die weltgeschichtlichen Verhältnisse zu schwanken und zu brechen beginnen. Eine Analogie, die Petterson nur am Rande andeutet. Denn was, könnte man ironisch anmerken, ist ein Zusammenbruch der politischen Weltordnung gegen eine Scheidung, die den Eltern und ihren zwei Töchtern Schmerzen zufügt?
Neben diese Katastrophe tritt eine andere: Bei der Mutter, zu der Arvid nie richtig Zugang gefunden hat, wird Magenkrebs diagnostiziert. Noch am selben Tag fährt sie zurück in ihren Heimatort. Und der verzweifelte Sohn folgt ihr, trägt ihr demütig und aufsässig zugleich seine Liebe nach.
Wie Petterson diese beiden Liebesgeschichten zwischen Nähe und Distanz, Anziehung und Abstossung mit zärtlicher Genauigkeit schildert, ist von ergreifender und schmerzlicher Schönheit. Oft scheint es, als würde Petterson, wie einst die niederländischen Meister in ihren Landschaftsbildern und Stillleben, die bewegte Zeit anhalten und einen Raum schaffen, in dem die Geheimnisse der menschlichen Existenz wie in einem grossen Spiegel aufscheinen. Das sind magische Momente.
Pettersons melancholischer Roman vom Schwanken der Dinge und vom Vergehen der Zeit liefert keinen Trost. Doch wie jedes grosse Kunstwerk glimmt er in der Dunkelheit wie ein fernes, geheimnisvolles Licht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.08.2009, 15:29 Uhr






