Kultur
«Er hat sich leidenschaftlich für Macht interessiert»
Interview: Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 29.10.2011
Der 1947 geborene Anglist wurde für seine Übersetzung von Shakespeares Gesamtwerk 2001 mit dem Christoph Martin-Wieland-Preis ausgezeichnet: Frank Günther.
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Roland Emmerich hat sich William Shakespeare vorgenommen. Ihr Eindruck?
Grosses Kinospektakel, schön fotografiert und opulent ausgestattet. Der Film handelt von Sex, Verbrechen, Mord, Verrat, Inzest, Intrige und Theater, was will man mehr? Ein Fantasy-Film über die Jahre um 1600.
Der Regisseur sieht sich eher als Rebell denn als Fantast.
Herr Emmerich stilisiert sich werbestrategisch zum Ketzer, der eine unterdrückte Wahrheit ans Licht bringt. Dabei platzt sein Film vor historischen Fehlern. Das alleine wäre mir egal. Auch William Shakespeare hat sich historische und künstlerische Freiheiten genommen. Das ist okay. Wenn der Regisseur aber im Ernst behauptet, sein Film decke die Lügen des Shakespeare-Establishments auf, dann muss ich schon sagen, mehr groteske Fehler kann man in einem einzigen Film gar nicht machen. Ich bin auf gegen sechzig gekommen.
Dass Shakespeare nicht der Autor seiner Stücke sei, behaupten noch andere, sogenannte Oxfordianer, auf die sich Emmerich beruft. Ihnen zufolge kann nur ein Adliger ein solches Werk geschaffen haben.
Ja, nur sind diese Leute nicht an Fakten interessiert, im Gegenteil: Sie anerkennen weder Dokumente noch historische Zeugnisse, die Shakespeare unbezweifelbar als Autor beschreiben. Das alles halten sie für Fälschungen. Gleichzeitig erfinden sie ununterbrochen Fakten auf der Basis von angeblich verschlüsselten Botschaften, versteckten Winken und heimlichen Hinweisen in den Texten. Was mich an solchen Verschwörungstheoretikern fasziniert: Sie haben sich ein vollkommen hermetisches Gebäude aufgebaut, das völlig rational aussieht für jeden, der sich da hineinbegibt; dabei ist es eine Seifenblase.
Hat die Faszination auch damit zu tun, dass wir so wenig über einen wissen, der dermassen bekannt ist?
Wir wissen mehr über William Shakespeare als über viele Zeitgenossen aus seinem Gewerbe. Wir wissen bloss nicht das, was wir am liebsten wissen möchten: Autobiografie, Konfession, Selbstdarstellung, Essays über Gott, Welt, Literatur und Kunst. Wir wissen nur vom Leben eines Mannes aus Stratford, der Schauspieler war, Stücke geschrieben hat, reich wurde, in seine Heimatstadt zurückging und dort starb. Bis auf die sieben jungen, unbekannten Jahre weiss man erstaunlich viel.
England führte damals Krieg gegen Spanien, die Pest raste, Brände brachen aus, Hungersnöte. Davon liest man in den Stücken kaum.
Diese Abgründe der Zeit tauchen bei ihm nur in sehr verschleierter Form auf. Wenn in «Measure for Measure» eine Hure auftritt, wird sie eher lächerlich gemacht, als dass man sozialkritische Einblicke in ihr elendes Leben erhält. Shakespeare bleibt in seinen konkreten Bezügen zum Alltag sehr zurückhaltend, da waren andere viel deutlicher, Ben Jonson kam dafür einmal ins Gefängnis. Shakespeare weicht vor konkreten Gesellschaftskonflikten zurück und schreibt nichts von Mordkomplotten gegen die Königin, nicht für oder gegen den Protestantismus. Er entzieht sich und sucht immer die Abstraktion der Problematik, möglichst in Illyrien oder Arkadien, weit weg von London. Dafür hat ihm sein Vorgehen dazu verholfen, dass man ihn 400 Jahre später noch spielen kann.
Schrieb er politische Parabeln, um die Zensur zu unterlaufen?
So wahnsinnig subversiv können seine Stücke nicht gewesen sein, sonst wären sie nicht am Hofe aufgeführt worden. Das ist auch so eine Obsession der Oxfordianer: Der Earl von Oxford habe sich nicht mit Namen zu erkennen gegeben, weil das für ihn gefährlich geworden wäre. Wenn das stimmt, warum hat die Obrigkeit denn nicht gleich die ganze Truppe abserviert? Die Stücke wurden nicht als Parabel verstanden. Alle Texte mussten über den Zensor gehen, das führte zu Selbstzensur, und Shakespeare muss die Grenze des Erlaubten sehr genau gekannt haben. Manchmal wurde es etwas brenzlig, etwa bei «King Lear», wo das französische Heer, also der Erbfeind, als Retter von England dargestellt wird. Was aber die sozialkritische Schärfe angeht, schrieb Ben Jonson wesentlich heftiger, dagegen bleibt Shakespeare ein Salonautor.
Es gibt diese wachsende Sehnsucht nach dem Biografischen im Werk.
Diese Vorstellung ist beliebter denn je, aber völlig anachronistisch. Sie hat absolut nichts mit der Kunstauffassung der Zeit zu tun, in denen die Stücke entstanden, sondern gründet in der heute modischen Verwechslung, wonach alle Literatur immer Konfession sei. Die lesende Meute möchte Blut sehen, sie will den Autor kannibalisieren. Nur wenn es selbst erlebt ist, kann es auch wahr sein, und nur wenn es wahr ist, hält man es für Kunst. Das ist nichts anderes als Klatsch aus der Schlüssellochperspektive der Illustrierten. Literatur muss nicht Konfession sein; zu Shakespeares Zeiten gab es nicht einmal das Konzept davon.
Wer auf dem Biografischen besteht, unterschätzt die Macht der Fantasie.
Ja, genau das ist das Schlimme an dieser Vorstellung. Aber die Oxfordianer müssen solche Bezüge herstellen, müssen Geheimbotschaften und verräterische Zeichenfolgen aus den Texten rauslesen, weil bis heute keine einzige historische Quelle gefunden wurde, die auch nur mit einem einzigen Wort den Earl von Oxford mit den Texten Shakespeares in Verbindung brächte.
Warum lassen sich diese Stücke so unglaublich vielseitig verwenden?
Weil ihr Autor so unheimlich diffus bleibt. Das Phänomen Shakespeare liegt ja gerade darin, dass er als Person in seinen eigenen Stücken vollständig verschwindet. An seine Stelle tritt die Organisation einer dramatischen Konfliktstruktur. Einer kommt von links, einer kommt von rechts, sie treffen sich, bekommen Streit. Dabei steht ihr Autor weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Sondern lässt die Geschichte sich entwickeln aus den Konflikten, die entstehen. Er steuert die Handlung, wertet sie aber nicht.
Er steuert, obwohl er verschwindet?
Sein dramaturgischer Verstand und seine Schreibtechnik vermitteln den Eindruck, als würden sich diese Stücke wie aus sich selbst heraus generieren. Als entstehe die Welt der Stücke nicht deshalb, weil einer sie formt oder gestaltet. Sondern als ergebe sich der Handlungsrahmen aus dem, was die Leute miteinander treiben: Als hätten die Figuren die Welt, in der sie leben, selber geschaffen.
Sind wir deshalb von seinen Mördern dermassen fasziniert? Von Richard III. etwa, der nicht nur alle umbringen lässt, die ihm vor dem Thron stehen. Sondern uns dazu noch in seine Pläne einweiht.
Das ist so ein grossartiger Kunstgriff, mit dem Shakespeare das Publikum in einen Zwiespalt bringt. Er sagt nicht wertend, wie böse Richard ist, aber er zwingt den Zuschauer in einen Konflikt hinein, indem er den Verbrecher Richard als augenzwinkernden Charmeur des Publikums auftreten lässt, mit dem man einfach sympathisieren muss: ein koketter Conférencier des Grauens. Richard müsste heute von einem Fernsehpublikumsliebling wie Harald Juhnke gespielt werden. Als Figur, die ein kleines Schlitzohr ist, die aber zugleich brutal mordet. Dieser Schaukeleffekt zwingt zur Stellungnahme. Man kann sich der Faszination eines Diktators nicht entziehen, sonst gäbe es auch keine Diktatoren.
Das Stück zeigt auch, wie Intrigen funktionieren: Der Intrigant hetzt seine Gegner gegeneinander auf.
Richard weiss, dass alle Menschen schlecht sind, das macht ihn überlegen, weil alle Menschen glauben, sie seien gut. Und nicht wissen, wie schlecht sie sein können. Das bringt er ihnen bei. Richard ist ein Meister der Selbsterkenntnis, der weiss, wie leicht der gute Mensch zum Schwein werden kann.
Ist denn das die Lektion, die uns Shakespeare über die Macht erteilt?
Shakespeare hat sich leidenschaftlich für Macht interessiert in allen ihren Formen. In «Macbeth» sagt Lady Macbeth zu ihrem Mann: Du willst Macht haben, aber nicht das Nötige tun, um an die Macht zu kommen. Also das Böse tun. Damit sagt Shakespeare: Wer Macht ausübt, tut immer irgendwie Böses. Macht ist bei ihm immer ein Gewaltverhältnis, auch die Macht des Staates in Bezug auf den Einzelnen. Wer sich politisch mit der Macht einlasse, müsse wissen, dass er mit Dämonen handle, sagt 400 Jahre später genauso Max Weber. Wie zu Shakespeares Zeiten Machiavelli. Machtausübung muss immer einkalkulieren können, dass sie auch Böses tut und tun muss.
Shakespeares Sprache ist nicht einfach. Der Schauspieler Al Pacino empfiehlt, sich ihr einfach hinzugeben. Auch das damalige Publikum habe nicht alles verstehen können.
Ja, der Text gerade der späten Stücke löst sich irgendwann in musikalische Form auf. Dahinter herzudenken bei der Geschwindigkeit, mit der diese Texte gesprochen werden, ist oft tatsächlich unmöglich, ist beim reinen Hören gar nicht zu leisten. Das scheint Shakespeares Publikum aber nicht gestört zu haben.
Sie selber sprechen vom Beat in Shakespeares Sprache, also einem musikalischen Takt.
Da ist einmal der Grundbeat des Blankverses, die einfache Grundstruktur von unbetonten und betonten Silben, die auch in der normalen Sprache dauernd vorkommt. Und wenn dieser Grundbeat installiert ist wie der Takt eines Metronoms, kann man auf dem natürlich melodisch improvisieren, wie Shakespeare das tut: Man kann ihn stören, stoppen, ins Extrem treiben, verfallen lassen. Wenn König Lear geistig zusammenbricht, ereignet sich das bei ihm über den Zusammenbruch des Blankverses. Mit solchen Tricks spielt Shakespeare, da liegt bewusst konstruierendes Sprachhandwerk vor und Wissen um die Wirkung von Formen, da ist klarer Wille zur Aussage jenseits der Semantik. Also Kategorien, die sich nicht aus der Logik ergeben, sondern über die Gestalt etabliert werden.
Könnte es sein, dass bei einem solchen Autor alles gleichsam musikalisch abläuft?
Davon bin ich überzeugt. Darum spreche ich auch immer vom Konzert der Stimmen, vom Big-Band-Orchester, das er in seinen Stücken zusammenstellt. «Mellifluous honey-tongued Shakespeare», wie ein Zeitgenosse es ausdrückte, der honigzüngige, melodisch das Ohr umschmeichelnde Shakespeare: Er schreibt eine Sprache, die ihre eigene Musik hat. William Shakespeare war ein grosser Komponist der Sprache. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.10.2011, 16:17 Uhr
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