Kultur
Er liebte gezähmte Land- und Leidenschaften
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 29.01.2010
Gegenseitige Wertschätzung: Anton Tschechow (links) besucht Tolstoi auf der Krim, 1901. (Bild: Keystone)
Wie kann man leicht und doch ernsthaft ins Gespräch kommen mit einem 1904 verstorbenen Schriftsteller? Mit einem Autor, dessen Muttersprache man nicht spricht? Und in einem Land, in dem das Lächeln fast so selten ist wie Väterchen Frost häufig?
Alle diese Fragen beantwortet uns Janet Malcolm in dem Buch «Tschechow lesen» nicht. Stattdessen nimmt uns die New Yorker Essayistin mit auf eine «literarische Reise», wie der Untertitel ihres Buches heisst. Anschaulich schildert sie ihre Eindrücke aus dem Russland von heute anhand vieler Details, die sie zwanglos in Beziehung setzt zu den Erzählungen, Bühnenstücken und Humoresken von Tschechow. Den «Dichter des Provisorischen und Zerbrechlichen» bezeichnet sie als schwierigen Mann, der sich nur ungern binden mochte und sich als strenger Rationalist jeglichen Glauben verbat. «Eine Religion habe ich nicht», schreibt der Arzt, dessen Werk mit biblischen Motiven durchsetzt ist.
«Ich hasse Hochzeiten»
Ist es die Literatur, welche das Leben veredelt, oder sah die Wirklichkeit schon zu Lebzeiten Anton Tschechows so trist aus, wie sie Malcolm beschreibt? Diese Frage begleitet uns, während wir ihr auf der Reise durchs Landesinnere folgen: von St. Petersburg über Moskau bis nach Jalta, von Melichowo über Autka bis Oreanda. Überall haben sich kleine Tschechow-Museen eingenistet, die den genialen Geist zu fassen suchen. Die Aufseherinnen, Dolmetscherinnen und Fahrer beschreibt die Fremde, deren Koffer ihr schon am ukrainischen Flughafen abhanden kommt, in knappen, präzisen Zügen. Mit der Zeit treten uns diese Menschen wie Figuren aus dem tschechowschen Theater entgegen, genauso klar konturiert in ihrer Erscheinung wie unberechenbar in ihrem Charakter. Und doch weiss Janet Malcolm genau zu dosieren: Bevor ihre Beschreibungen auszuufern drohen, blickt sie hundert Jahre zurück und überlässt dem Meister das Wort.
«Ich hasse Hochzeiten, die Glückwünsche und den Champagner, das Herumstehen mit einem Glas in der Hand mit nicht enden wollendem Grinsen im Gesicht», schreibt Tschechow an seine Ehefrau Olga Knipper, der deutschstämmigen Schauspielerin aus Moskau. Unter seinen Frauen gewährte allein sie ihm die Distanz, die er für seine Kunst brauchte (Parallelen zu Kafka, diesem anderen Lungenkranken, finden sich leicht). Die eigentliche Motivation fürs Heiraten bringt er 1898 in einem Brief an seinen jüngeren Bruder Michail auf den Punkt: «Die wichtigste Schraube im Familienleben ist die Liebe, die sexuelle Neigung, die Einheit des Fleisches, alles andere ist unzuverlässig und langweilig, so klug wir uns das auch immer ausrechnen mögen.»
Nicht nur in seinem literarischen Werk, sondern auch in seinen Briefen herrscht der raue Wind unerbittlicher Wahrheitssuche. Tschechow schenkt sich selbst genauso wenig wie anderen – auch dieser unbedingte Wille, die Dinge beim Namen zu nennen, macht ihn zu einem grossen Schriftsteller. Auf jeder Seite ist diese existenzielle Dringlichkeit spürbar, die ihn von manch anderen Autoren, die gerne beschönigen, unterscheidet.
In den Gärten Russlands
Janet Malcolm läuft an keiner Stelle Gefahr, vor Bewunderung zu erstarren. Sie ist eine fast nüchterne Reisende – wie wir es nicht sind, wenn wir an Orte fahren, die von Genies beseelt wurden. Sie versteht es blendend, die Situation durch Beschreibung des banalen Alltags mit all seinen Lobbys und Restaurants zu entschärfen. Sie geht in die Gärten, welche der Dichter gepflegt hat, und denkt an Trofimows Aussage im Stück «Kirschgarten»: «Ganz Russland ist unser Garten.» Was sich wie Patriotismus anhört, ist eine Liebeserklärung an die Natur, in der der Hobbygärtner eine Ethik walten sah – nicht so sehr in der Natur pur als in der zivilisierten, vom Menschen gestalteten Form. Zentrales Motiv in seinen Schriften sind nicht von ungefähr gezähmte Landschaften – im Innern wie im Äusseren.
Schliesslich bietet das Buch, das auf unaufdringliche Weise belehrt und im Original bereits 2001 erschienen ist, auch eine literarische Reise im engeren Sinne: die Beschäftigung Tschechows mit seinen Schriftstellerkollegen – und umgekehrt. So erfahren wir, dass er Dostojewski nicht mochte. Die Bücher waren ihm, dem Meister der Kurzgeschichte, zu lang, zu prätentiös (seine Maxime lautete: «Die Kunst zu beschreiben besteht in der Kunst zu kürzen»).
Gute Freunde: Tschechow & Tolstoi
Über alles schätzte er hingegen Tolstoi, mit dem zusammen er sich auch öfter ablichten liess. «Wenn er über Tolstoi sprach», so Maxim Gorki, hatte er «ein gewisses, kaum wahrnehmbares warmherziges und verlegenes Lächeln in seinen Augen». Diese Liebe beruhte auf Gegenseitigkeit. Nur die Dramen Tschechows konnte Tolstoi nicht ausstehen. Kein gutes Haar schliesslich liess Anna Achmatowa an dem in ihren Augen zu unpolitischen Landsmann. Isaiah Berlin berichtet, dass sie ihn kritisierte «wegen seiner schlammfarbenen Welt, wegen seiner langweiligen Stücke, wegen der Abwesenheit von Heroismus und Martyrium» – vielleicht lieben wir ihn heute gerade wegen solcher Abwesenheiten umso mehr, diesen Autor, der einmal sagte, dass die Medizin seine Ehefrau, die Literatur seine Geliebte sei.
Nach der kurzweiligen 200-seitigen Reise lässt sich mit einiger Bestimmtheit eines sagen: Besser als «Tschechow lesen» ist nur Tschechow lesen.
Janet Malcolm: Tschechow lesen. Eine literarische Reise. Aus dem Englischen von Anna und Henning Ritter. Berlin- Verlag, Berlin 2009. 204 S., ca. 35 Fr. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.01.2010, 04:00 Uhr





