Kultur
«Es ist wie der Hohn des Schicksals»
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Solothurner Literaturtage
Rekord: 11000 Besucher
An den 32.Solothurner Literaturtagen herrschte trotz unfreundlichem Wetter reges Treiben: 11000 Interessierte pilgerten am Auffahrtswochenende nach Solothurn – das sind rund 1000 mehr als im Vorjahr. Bei der wenig originellen Hommageveranstaltung an den 75-jährigen Solothurner Peter Bichsel war das Landhaus am Samstagabend erwartungsgemäss rappelvoll. Als Publikumsmagneten erwiesen sich einmal mehr auch der Zürcher Bestsellerautor Martin Suter («Der Koch») und der Berner Pedro Lenz, der aus seinem eben erschienenen Mundartroman «Der Goalie bin ig» vorlas.
Der grösste Heiterkeitserfolg gelang im brechend vollen Kreuz-Saal der Frauengruppe Tittanic – mit satirischen Songs und pointierten, rotzfrechen Texten. Die Beiträge gipfelten im Plädoyer der ganzkörperverhüllten Sandra Künzi, die mit der täuschend echten Stimme von Eveline Widmer-Schlumpf ein Burka-Obligatorium für den Bundesrat forderte – gegen den erbitterten Widerstand von «Micheline, diesem Fashion Victim», aber mit Rückenwind vom Verkehrsminister.(lm/sda)
Herr Suter, die Feuilletons bemühen sich seit Jahren, Ihre Erfolgsformel zu knacken. Schmunzeln Sie insgeheim darüber?
Martin Suter: Ein bisschen schon. Offenbar hat jener Teil des Feuilletons, der mich immer verrissen hat, einen Erklärungsnotstand, warum meine Bücher trotzdem so erfolgreich sind. Übrigens lese ich diese Artikel über meine angebliche Erfolgsformel durchaus mit Interesse, und hie und da trifft auch der eine oder andere Gedanke zu. Aber eine Standardformel gibt es natürlich nicht.
Mit Ihrem neuen Roman «Der Koch» haben Sie es auf Platz 1 in Deutschland, Österreich und der Schweiz geschafft. Kommt mit dem Erfolg automatisch die Angst vor dem Misserfolg?
Eigentlich nicht, weil ich mittlerweile damit rechne, dass nach all den Erfolgsromanen auch mal ein Flop kommen kann. Aber einen Erfolgsdruck spüre ich schon, mir und meinem engsten Kreis gegenüber. Da ist es mir wichtig, dass diese Menschen meine Bücher als gelungen empfinden.
Ihre Frau ist Ihre erste Leserin. Gehen Sie beim Schreiben Kompromisse ein?
Meistens hat meine Frau recht. Etwa wenn sie meint, eine Beschreibung sei zu ausführlich. Es geht sogar so weit, dass ich dank ihr schon Personal gestrichen habe. Wenn ich aber finde, sie hat nicht recht, dann gibts auch keinen Kompromiss. Was aber selten vorkommt.
Fällt Ihnen das Schreiben nach sieben Romanen leichter?
Schon. Schreiben war allerdings schon immer das, was mir am einfachsten fiel. Am Anfang hatte ich jedoch Mühe, ein Gefühl für die Distanz zu bekommen.
Was meinen Sie mit Distanz?
Ein Text braucht eine Dramaturgie, einen Rhythmus, einen Höhe- und Wendepunkt. Bei kurzen Texten hatte ich damit nie ein Problem. Bei 300 Seiten fiel es mir am Anfang schwer. Heute habe ich ein Gefühl für meine Geschichten entwickelt, ob sie nun 100 oder 300 Seiten lang sind.
Woran feilen Sie bis heute?
Ich möchte meine Sprache noch weiter reduzieren, noch weniger Adjektive brauchen. Verdichtung bedingt ja, dass man sich auf die essenziellen Dinge beschränkt. Mein Ziel ist es, immer weniger Bilder zu liefern, dafür vermehrt die Leser zu animieren, ihre eigenen Bilder zu sehen.
Gibt es auch Textpassagen, die Ihnen selbst nach Tagen nicht gelingen?
Das gibts. Dann lasse ichs einfach weg.
2009 war für Sie ein Jahr der Extreme: Beruflich waren Sie äusserst erfolgreich, gleichzeitig hat Ihr kleiner Adoptivsohn bei einem tragischen Unfall sein Leben verloren. Ist man versucht, da im Nachhinein einen Zusammenhang herzustellen?
Es fühlt sich schon wie der Hohn des Schicksals an. Jeder Mensch, der Erfolg hat, fürchtet in bestimmten Momenten den Neid der Götter. Aber von dieser Seite hätte ich ihn am wenigsten erwartet.
Kann Schreiben in einer solchen Situation Trost spenden?
Trost nicht, aber Ablenkung. Man hält es ja nicht aus mit den immer gleichen Gedanken, und meine Art, diese zu vertreiben, ist, sie durch andere zu verdrängen. Es ist wie bei jedem anderen Schmerz. Wenn man den Arm und das Bein gleichzeitig gebrochen hat, tut einem nur eines von beiden weh.
Wie geht es Ihnen heute?
Manchmal gut, manchmal sehr schlecht. Es gibt sogar kurze Momente, in denen ich mich unbeschwert fühle. Aber der Schmerz bleibt. Ich versuche nun, ihn irgendwie ins Leben zu integrieren. Für unsere dreijährige Tochter lebt Toni noch, sie spielt und spricht manchmal mit ihm, und das erlaubt uns nicht, den Schmerz zu verdrängen.
Ihre Adoptivtochter ist 3, Sie sind 62. Ist das Alter für Sie überhaupt ein Thema?
Manchmal fühle ich mich schon alt...
...wobei Ihre Haarpracht mit der eines 25-Jährigen mithalten kann.
Naja, immerhin habe ich jetzt ein paar graue Haare, dann muss ich nicht immer dementieren, dass sie gefärbt sind. Als junger Mann habe ich übrigens eher kindlich ausgesehen, deshalb hat mich das körperliche Älterwerden lange nicht beschäftigt. Aber der 60. Geburtstag war schon ein Einschnitt. Kürzlich habe ich ein TGV-Billett gekauft und gemerkt, dass ich als Senior durchgehe. Willkommen im Club, dachte ich mir.
Welche Alterserkenntnis hätten Sie gern schon mit 25 gehabt?
Schwer zu sagen. Vielleicht wäre es lässig gewesen, hätte ich meinen ersten Roman nicht erst mit 50 publiziert. Andererseits ist es vielleicht gut, habe ich mir genug Zeit gelassen. Ich hatte eh schon relativ früh die Erkenntnis, dass man im Leben nichts verpassen kann.
Wie meinen Sie das?
Im Grunde verpasst man in jeder Sekunde Millionen von Dingen. Ob ich nun ein oder zwei mehr verpasse, kommt nicht darauf an. Wichtig ist, sich auf das zu konzentrieren, was man gerade tut. Übrigens noch zum Thema Alterserkenntnis: Viele Leute empfinden sich als unattraktiv, wie ich übrigens auch. Doch mit 60, als ich ein früheres Foto von mir angeschaut habe, dachte ich auf einmal: Wenn ich gewusst hätte, wie ich mit 30 ausgesehen habe, ich Depp Erst im Alter merkt man, wie toll eigentlich alles war, wie jung man damals war, mit 40. Leider kann diesen Perspektivenwechsel niemand vorwegnehmen.
Interview: Lucie Machac (Berner Zeitung)
Erstellt: 17.05.2010, 10:51 Uhr






