Kultur
«Es war eine feige Sicht»
Artikel zum Thema
- Martin Suter: «Ein Cocktail von Dummheit und Geldgier»
- Martin Suter: «Ich staune, dass es so knüppeldick gekommen ist»
- Das Ende der Business Class
Stichworte
Der 61-jährige Suter, der zwischen Südamerika, Ibiza und der Schweiz pendelt, sagt Erstaunliches: Das Zurückgehen nach Guatemala sei immer mit einer gewissen Angst verbunden. Weil er stets im Voraus Schreckensnachrichten höre. So sei etwa in dem an sich friedlichen Dorf, wo er mit seiner Frau und der Adoptivtochter lebe, jemand gelyncht worden. Er überlege sich, die Schweiz wieder ganz zu seinem Lebensmittelpunkt zu machen. Doch die Mentalität in Südamerika scheint ihm viel mehr zu behagen. Er sagt: «In der Schweiz sind die Menschen oft so missmutig».
Er spricht weiter darüber, dass er sein Geld stets ausgegeben oder in seine Häuser investiert habe. Er habe auch nie Angst gehabt, wenn kein Geld mehr vorhanden war. Suter hat diesbezüglich grosses Vertrauen, «weil ich Glück hatte, in einer Zeit jung zu sein, in der es einfacher war. Wir waren eine Generation ohne Existenzangst. Man konnte ein Jahr in Afrika trampen und fand nach der Rückkehr schnell wieder einen Job.» In diesen Jobs als Werbetexter fand er auch die Anregungen für seine Kurzgeschichten aus der «Business Class». Er blickt zurück: «Ich bin vielen erschreckend dummen Menschen im Management begegnet.»
Suche nach Religion wurde schwieriger
Im Interview wird Martin Suter auf seine Religiosität angesprochen. Er spricht davon, dass sein Vater protestantisch war, die Mutter katholisch. Er sei protestantisch aufgewachsen, hätte aber das Katholische bevorzugt: «Das Mystische, das Rituelle hat mir gefehlt.» Er suche weiterhin und wäre gerne religiös. Ob diese Suche auch mit dem Tod seines Adoptivsohnes zu tun habe? Nein, sagt er, die Suche sei dadurch eher schwieriger geworden. Die Religion und Gebete würden ihm nicht helfen, die Tragödie zu verarbeiten. Und die Zeit heile auch die Wunden nicht. An diese könne man sich höchstens gewöhnen.
Er habe lange gezögert, Kinder zu adoptieren, weil man dadurch verwundbarer werde. «Je weniger Menschen man hat, an denen man hängt, desto weniger kann einem passieren. Aber meine Frau hat das anders gesehen und sie hatte recht. Es war eine feige Sicht.» Sein Sohn sei in der Schweiz begraben worden, weil sie damals darüber nachgedacht hätten, in die Schweiz zu ziehen. Vor allem auch, weil die Schweiz als eines der sichersten Länder galt. Das sei aber seit der Minarettinitiative vorbei.
«Sofort auf die Tamilen»
Dann spricht Suter vor allem auch über sein neues Buch «Der Koch», wo es um einen tamilischen Einwanderer geht. Er habe jemand gesucht, der zwar ein genialer Koch sei, aber nur als Küchenhilfe arbeite. «Da stösst man in der Schweiz sofort auf die Tamilen.»
Zum Schluss rechnet Suter mit den eidgenössischen Filmförderungsgremien ab, die ihm das Leben bei der Arbeit am Drehbuch für «Giulias Verschwinden» schwer gemacht hätten. Und auch seinem Produzenten Marcel Hoehn. «Diesen Kommissionen, deren Mitglieder oft sehr zweifelhafte Qualifikationen haben, müssen hierzulande gestandene Leute jedes Mal neu beweisen, das sie keine Anfänger sind. Das vermiest manchem Talent das Metier und schlägt auf die Qualität des hiesigen Filmschaffens.»
«Der Koch» erscheint am 22. Januar bei Diogenes (sam)
Erstellt: 27.12.2009, 16:18 Uhr




