Häuserkampf um knappe Ressourcen

US-Marines haben sich in einem Science-Fiction-Workshop Bedrohungsszenarien für ihr Land ausgedacht. Die Resultate sind beängstigend realistisch.

Wie furchteinflössend ist dieser Krieger noch? Deckblatt der Publikation «Science Fiction Futures; Marine Corps Security Environment Forecast: Futures 2030-2045.» (Bild: Michael Ball/2016 United States Marine Corps)

Wie furchteinflössend ist dieser Krieger noch? Deckblatt der Publikation «Science Fiction Futures; Marine Corps Security Environment Forecast: Futures 2030-2045.» (Bild: Michael Ball/2016 United States Marine Corps)

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Der Panik nahe klettert Hauptmann Tristan Gupta aus seinem gepanzerten Jeep - gerade noch rechtzeitig, um den letzten Soldaten der Sturmtruppe ins Gebäude eindringen zu sehen. Er schaut auf sein Fernholographie-Gerät und erschrickt: Es zeigt einen Raum voller autonomer chinesischer Soldaten-Roboter. Gupta will seine Kameraden warnen, doch es ist zu spät. Hilflos muss er mit ansehen, wie vier Soldaten der Einheit niedergemäht werden.

Was sich liest wie eine Szene aus dem neuesten Techno Thriller von James Rollins oder Dan Brown, stammt in Wirklichkeit von zwei Offizieren des US Marines Corps. Major Vic Ruble und Hauptmann Sara Kirstein haben sich den Plot im Rahmen eines Workshops ausgedacht. Ihre Aufgabe: mittels Science Fiction die Herausforderungen identifizieren, denen sich die US Army möglicherweise in den kommenden 15 bis 30 Jahre stellen muss.

Wassermangel in Riesenstädten

Von den 84 Beiträgen, die die Offiziere am Stützpunkt Quantico (Virginia) verfassten, wurden 18 ausgewählt. Deren Autoren bekamen professionelle Science Fiction-Schriftsteller an die Seite gestellt - darunter Max Brooks («World War Z»), der Sohn von Regisseur Mel Brooks und Schauspielerin Anne Bancroft. Die drei besten Geschichten wurden nun in dem Sammelband «Sciene Fiction Futures: Marine Corps Security Environment Forecast 2030-2045» veröffentlicht (ein PDF mit den Texten hier).

Viele der behandelten Zukunftsthemen sind heute schon zu erahnen: Knapper werdende Resourcen, die Risiken, die in genmanipulierten Nutzpflanzen stecken, das Bevölkerungswachstum in der Dritten Welt, das für einen ungebremsten Zustrom in die Megacities sorgt - und für weltweite Migration.

Vic Ruble und Sara Kirstein siedeln ihre Kurzgeschichte «Double Ten Day» Taiwans Hauptstadt Taipeh an. Ein schweres Erdbeben hat dort einen Bürgerkrieg zwischen Festland-chinesischen und taiwanesischen Streitkräften ausgelöst. Die Welt des Jahres 2030, die «Double Ten Day» beschreibt, ist anfällig für derartige Kriege.

Drei Viertel der Menschheit leben in Grossstädten, viele davon in einer von 41 Megacities. Und wo Menschen derart zusammengeballt leben, so der Gedanke der Autoren, ist der Häuserkampf um knappe Ressourcen wie Nahrung und Wasser normal geworden. Gerade, wenn Naturkatastrophen sie zusätzlich verknappen. Ein Szenario, das realistisch erscheint. Die Verstädterung ist schon heute ein weltweites Problem. Und der Konflikt um Wasser ist an manchen Punkten der Welt längst Realität, etwa im Westjordanland zwischen Israelis und Palästinensern.

Die Bedeutung der USA schwindet

Von aktuellem Bezug ist auch die Verunsicherung der Amerikaner über ihre eigene Grösse, die in den Geschichten mehrfach durchscheint. Den Verlust einstiger Bedeutung und Macht, den Donald Trump in seinem Wahlkampf so wirkungsvoll thematisierte, schreiben die Marines in ihren Geschichten fort. Sowohl in «Water is a Fightin' Word» von Lieutenant Molly Waters, als auch in dem dystopischen Umweltdrama «The Montgomery Crisis», an dem neben Max Brooks sieben Soldaten mitschrieben, haben China und Indien technologisch als Weltmächte zu den USA aufgeschlossen.

In beiden Geschichten haben die US-Streitkräfte sich ausserdem aus den weltweiten Krisenherden zurückgezogen - ein Schritt, der auch mit Donald Trump kommen könnte. Das Vakuum wird durch China und Indien gefüllt.

In «The Montgomery Crisis» beschreiben die Autoren eine Weltordnung, in der China seine Macht ausgeweitet hat. Und zwar so weit, dass es massiv in den Alltag von US-Major Evans Hollande und seiner Kameradin, der taiwanesisch-stämmigen weiblichen US-Lieutenant Lee «Harper» Huan-Yue, hineinspielt: «Harper war aus Taiwan geflohen, als sich die USA von der Weltbühne zurückgezogen hatten und Taiwan zurück an China gefallen war», heisst es in dem Text. «Harper war eine versierte Programmiererin, die sich auf chinesische Systeme spezialisiert hatte. Wenn sie neue Daten bekam, musste Evans ihr befehlen, sie nicht länger zu durchforsten und ins Bett zu gehen, um ein paar Stunden Schlaf zu erwischen. Evans hatte den Verdacht, dass ihr Antrieb darin bestand, der Kommunistischen Partei Chinas maximalen Schaden zuzufügen. Er nahm sich vor, auf Anzeichen zu achten, die auf irrationale Animositäten bei ihr hindeuten könnten.»

Sich das Morgen heute ausmalen

Geopolitik auf die psychologische und private Ebene heruntergeholt - genau das also, was die Fiktion gut leisten kann. Das Experiment mit Science-Fiction-Kurzgeschichten soll bei den Marines deshalb eine Fortsetzung finden.

In der Hauszeitung Marines wird es künftig eine monatliche Science-Fiction-Kolumne geben, kündigte Oberstleutnant Patrick Kirchner bei einem Symposium der Washingtoner Denkfabrik Atlantic Council an. Nicht, um die Soldaten zu unterhalten, sondern um sie anzuregen, sich Zukunftsszenarien auszumalen. Wenn sie einmal hoch- oder mittelrangige Offiziere sind, so die Überlegung, werden sie hoffentlich nicht mehr überrascht sein, weil sie sich den Herausforderungen in ihren Gedanken bereits gestellt haben. (Süddeutsche Zeitung) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2017, 09:51 Uhr

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