Kultur

«Ich habe sehr aufgepasst, dass nichts falsch ist»

Von Interview: Peter Schenk. Aktualisiert am 14.11.2008

Krimis sind eine gute Gelegenheit, um verdrängte Geschichte aufzuarbeiten, glaubt der Basler Krimi-Autor Hansjörg Schneider. In seine Kriminalromane lässt er Fantasie einfliessen, aber an historischen Begebenheiten ändert er nichts.

Liebt die Weite. Hansjörg Schneider hat 20 Jahre lang ein Haus im Sundgau gehabt.

Liebt die Weite. Hansjörg Schneider hat 20 Jahre lang ein Haus im Sundgau gehabt.

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Hansjörg Schneider (70) hat mittlerweile sieben Hunkeler-Krimis geschrieben. Kommissär Peter Hunkeler bewegt sich darin oft im Dreiland. Schneider erzählt im Interview, wie er an seine Informationen kommt, wann er seine Fantasie spielen lässt und wann er sehr genau recherchiert.

BaZ: Herr Schneider, wieso spielt das Elsass so eine grosse Rolle in den Hunkeler-Krimis?

Hansjörg Schneider: Wir hatten 20 Jahre ein altes Bauernhaus im Sundgau, hinter Folgensbourg, im Hundsbachtal. Nachdem meine Frau vor elf Jahren gestorben ist, habe ich es verkauft. Ich kenne das Elsass gut und habe es gern.

Was haben Sie denn gern?

Das ist schwer zu sagen. Man fährt mit dem Auto über die Grenze, meistens über Hésingue. Dann steigt die Strasse an, und man ist oben. Es ist dort einfach leer – keine Blocks, keine Fabriken, gar nichts. Eine weite Landschaft und oben bei Trois- Maisons und Helfrantzkirch sieht man den Jura, den Schwarzwald und die Vogesen. Das ist ein unheimlich weites Land. Und dann gibt es diese kleinen Dörfer. In dem Ort, in dem wir waren, gab es keinen Laden und keine Wirtschaft.

Welcher Ort war das?

Das möchte ich nicht sagen. Es gibt richtige Hunkeler-Wanderer, die alles mit dem Velo und dem Auto abfahren.

Im Krimi heisst es, das Haus von Hunkeler sei nach Trois-Maisons links. Richtig?

Ja.

Gibt es die Beizen in Knoeringue und Folgensbourg wirklich, die im Buch vorkommen?

Ja. Der «Aigle», beim Jaeck in Folgensbourg, war jahrzehntelang eine Basler Beiz. Es ist der «Adler» der Habsburger, und die Beiz war eine Poststation – sie haben dort die Pferde gewechselt. Dahinter steht ein altes Kloster. Das hat ein reicher Basler gekauft und die Kapelle restaurieren lassen. Abt und Wiemken, die besten Basler Künstler der damaligen Zeit, haben die Kapelle neu ausgemalt. Die sind am Abend immer zum Jaeck Wein trinken gegangen und haben gezeichnet, um mit den Zeichnungen zu bezahlen. Beim Jaeck war die ganze Beiz voll von schönen Zeichnungen und Bildern. Aber inzwischen ist der Jaeck gestorben, jetzt ist das alles weg, und es wurde umgebaut.

Und die Beiz in Knoeringue, in die Hunkeler mit seiner Freundin oft geht?

Die ist noch genauso und ganz schön. Früher gab es zwei. Eine hat jetzt aufgegeben.

Hunkeler sagt, es gebe viele unentdeckte Gebiete vor der Haustür. Sie zeigen sie dem Leser, oder?

Ja. Das Schöne in der Region um Basel ist, dass alle gleich reden – eine Art Baseldeutsch – im Elsass zwar immer weniger, aber die Alten schon noch. Man kann ganz normal Schweizerdeutsch reden. Es ist eine alte einheitliche Region, die viel älter ist als die neuen Grenzen.

In den Krimis erfährt der Leser viel über die Realität der Region, zum Beispiel das Recht der Polizei zur Nacheile über die Grenzen oder die einbrechenden Zigeunerkinder aus dem Elsass. Recherchieren Sie das oder lesen Sie es in der Zeitung?

Das mit der Nacheile habe ich damals in der Zeitung gelesen. Das mit den Zigeunerkindern ist eine Tatsache. Davon liest man immer wieder.

Ist es Ihr Anspruch als Krimiautor, dass alles stimmen muss?

Nein, es gibt auch Sachen, die ich erfinde, auch Strassen in Basel. Und es gibt Wirtschaften, die gar nicht so wahnsinnig gut sind, wie ich sie beschreibe.

Der Chef der kriminaltechnischen Abteilung ist der Elsässer de Ville. Geht das überhaupt, dass er als Ausländer bei der Basler Polizei arbeitet?

Ja, warum denn nicht? Ich gebe alle Bücher dem Basler Kriminalkommissär Markus Melzl zum Lesen. Wenn das nicht gehen würde, hätte er mich darauf aufmerksam gemacht.

Der französische Verbindungsbeamte im Spiegelhof ist mir aufgefallen. Den gibt es, aber er ist nicht jung und schlank wie im Krimi, sondern älter und etwas beleibt. Ändern Sie das bewusst?

Nein. Ich habe nur gewusst, dass es einen Verbindungsbeamten gibt. Es kommt auch der Erste Staatsanwalt vor. Den hatte ich aber nie gesehen; im Krimi ist er für mich ein Superarschloch. Ich war einmal im Büro vom Markus Melzl im Waaghof, als ein freundlicher Mann herein kam und sagte: Grüezi Herr Schneider, ich bin der Erste Staatsanwalt. Oh je, oh je, habe ich gedacht. Dann hat er gesagt, nein, nein, schreiben Sie nur weiter. Ich lese alle Ihre Bücher. Bei Personen bin ich sehr vorsichtig – mit wenigen Ausnahmen, aber dann habe ich persönlich was gegen sie. Es hat sich einmal eine Basler Politikerin dargestellt gefühlt, obwohl ich nie an sie gedacht habe. Es ist komisch, wie durch diese Art zu schreiben plötzlich ein Realitätsanspruch entsteht und die Leute alles glauben. Dabei ist es Fantasie.

In «Hunkeler und der Fall Livius» schreiben Sie viel über die Geschichte des Elsass, über den Zweiten Weltkrieg und die Zwangseingezogenen. Das stimmt aber alles.

Das ist etwas anderes. Ich habe wahnsinnig aufgepasst, dass nichts falsch ist. An einer derartig schrecklichen historischen Begebenheit will und kann ich nichts ändern.

Sie haben im Buch einem Informanten aus Knoeringue gedankt.

Ja, er lebt noch. Er war mit 182 jungen Elsässern vor der Zwangseinziehung der Nazis geflüchtet und ist durchgekommen. Der hat mir erzählt, wie es war.

Und das ist ins Buch eingeflossen?

Bis ins Detail. Ich würde mich genieren, da etwas zu ändern.

Der Krimi beginnt in den Familiengärten bei Hegenheim. Dort hat ein Basler Polizist 2001 bei einer Verfolgungsjagd einen Autodieb erschossen. Stammt daher die Idee?

Nein. Der Anstoss ereignete sich klar in unserem Haus. Über die Strasse gibt es einen Bauern, und dort hat seine Frau am Abend gemelkt. Ich war oft dort, weil ich die Stimmung so schön finde. Sie hat mir die Geschichte der 18 jungen Männer aus Ballersdorf erzählt, die vor der Zwangseinziehung fliehen wollten.

Haben Sie diese Geschichte recherieren müssen?

Ja natürlich. Das war schwierig, weil es fast nichts darüber gibt. Es kennen zwar alle die Geschichte, aber ausser in einem Buch, in dem nur wenig stand, wurde nichts veröffentlicht. Ich bin nach Ballersdorf gefahren und habe mit dem Maire geredet, aber der wollte nichts sagen. Dann bin ich auf dem Friedhof zu dem Denkmal gegangen. Dort habe ich einen alten Mann getroffen, der das Grab seiner Frau besucht hat. Mit ihm habe ich angefangen zu reden. Er hat mir alles erzählt.

Die Leser erfahren bei Ihnen viel über die Geschichte des Elsass.

Vieles wurde verdrängt, aber für einen Romancier ist das gut. Der Krimi ist eine gute Form, um derartige Informationen aufzuarbeiten. «Hunkeler und der Fall Livius» wird derzeit in einer schweizerisch-deutschen Koproduktion mit Mathias Gnädinger verfilmt. Ausserdem gibt es Hörspiele von den Krimis. Ich bin stolz darauf, dass durch mich so viele Menschen von der Geschichte der Region erfahren.

Ich war irritiert, weil sie mehrmals in den Krimis von der Europabrücke schreiben, die von Village-Neuf nach Weil am Rhein führt. Das ist doch die Palmrainbrücke. War das Absicht?

Nein, das war schlicht und einfach ein Fehler.

Kommt Südbaden auch deshalb weniger vor in den Krimis, weil dort viel weniger passiert ist?

Nein. Was meinen Sie, was in Südbaden los war? Kriegszeiten sind Kriegszeiten, und da gab es auch Dramen. Ich kenne mich mittlerweile in Todtnauberg gut aus und werde das sicher auch mal beschreiben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.11.2008, 16:09 Uhr

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