In beherzten Sätzen überspringt er Ozeane und Zeiten

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 20.08.2009

Die Autobiografie «War meine Zeit meine Zeit», die morgen erscheint, ist Hugo Loetschers Vermächtnis: das imponierende Dokument einer vielseitigen Lebensleistung.

Das Buch

Hugo Loetscher: War meine Zeit meine Zeit. Diogenes, Zürich 2009. 408 S., ca. 38 Fr.

Manchmal traf man den am Dienstag verstorbenen Hugo Loetscher am Zürcher Hauptbahnhof. Immer kam er gerade aus China oder Polen, brach auf nach Mexiko oder Indien. Kaum zu glauben, dass er zwischendurch die Zeit fand, in Zürich zu wohnen. Das tat er indes, mit vielen Unterbrechungen, seit seiner Geburt. Zürich war der Dreh- und Angelpunkt dieses mobilen Geistes (mitsamt dem dazugehörigen, unübersehbaren Körper), nur leicht verschoben hatte sich dieser Punkt vom Quartier Aussersihl ans linke Limmatufer.

Vom einstigen Zürich weiss er viel zu erzählen in seinem neuen Buch, von den Mühlen, die früher an der Limmat standen, von der politischen Topografie, proletarischen und feinen Vierteln, von der Drogenszene am Platzspitz. Er erlebt Zürich als eine Stadt, die gern ausgrenzt; so bekommt der Gymnasiast, dessen Vater Handwerker ist, auf seine Bitte, am Festumzug teilnehmen zu dürfen, die Antwort: «Es braucht immer einen, der die Pferdeäpfel aufsammelt.»

Ein erster Text über einen Holunder

Aber Zürich ist nicht der Nabel der Welt, das hat Hugo Loetscher schon früh begriffen, spätestens als Student in Paris, wo er auf Kommilitonen aus Afrika und Asien traf. Die Welt, die er sich nach und nach eroberte und zu eigen machte, hat keinen Nabel mehr. Kein Zentrum, nur noch Peripherie. Und der Erdenbewohner, der ihr gewachsen sein will, muss so viel wie möglich von ihr sehen, hören, riechen, schmecken, tasten. Ein Weltbewusstsein herauszubilden: Nicht weniger als das ist das Lebensprojekt Hugo Loetschers gewesen, und was daraus geworden ist, davon erzählt sein neues Buch.

Es ist keine Autobiografie, nur in wenigen Momenten wird der Blick auf die konkreten Lebensumstände gestattet. Der Vater («Er war ein Mann, den ich gerne gern gehabt hätte») trinkt, die Mutter hält mit Beten und Baldrian die Familie zusammen, die kleine Schwester stirbt bei einer Herzoperation. «Du wirst was Besseres»: Das gibt ihm die Mutter auf den Weg. Ein guter Schüler, ein Student, ein freier Journalist - der allererste kleine Text über einen gefällten Holunder, für den «Tages-Anzeiger» verfasst, ist im Buch abgedruckt; die Tagi-Sekretärin zahlt ihm das Zeilenhonorar als Vorschuss. Dann folgt die Festanstellung beim «Du», die Aussicht auf die Nachfolge des Chefredaktors. Loetscher kündigt, er will das Ungeplante, Unvorhersehbare.

Nicht den gebahnten Weg, den ausgetretenen Pfad; die findet er so unoriginell wie diese beiden Formulierungen. Ein anderes Bild schwebt ihm vor: das vom Holzscheit, zum Schiffchen zurechtgeschnitzt, das der Junge einst in die Sihl gesetzt hat, in den Fluss seiner Kindheit. Losfahren, eine vorläufige Richtung haben, aber kein Ziel: So sah auch die Lebensreise des Autors aus. Auch mit fast 80 zog er keine Bilanz und keinen Strich unter das Leben, schrieb nicht vom Hafen aus, sondern immer von unterwegs, auf irgendeinem Fluss, Kanal, Meer, Bahnhof, Flughafen.

Ohnehin kann jeder Mensch nur beschämend wenig von dem realisieren, was in ihm als Potenzial angelegt ist: «Was ist nicht alles in mir ansprechbar und ungenutzt.» Ein altes Dilemma: Je mehr man weiss, desto mehr weiss man, was man alles nicht weiss. Loetscher sammelt Lexika und Grammatiken fremder Sprachen, ohne sie natürlich lernen zu können. Die Folge: «Von Mal zu Mal wurde mein Analphabetismus weltläufiger.» Der nicht ganz so weltläufige Leser hat genug damit zu tun, wenigstens Loetschers globales Bewusstsein zu begreifen. Vorläufiges Ergebnis: Es ist, wie die Welt, dezentral; es ist universell und allzeitlich, und es verbindet und mischt, statt ab- und auszugrenzen.

Er liebte Flüsse, Häfen, Tunnels

Wie aber ist ein solches Bewusstsein strukturiert, und wie lässt sich davon erzählen? Ganz konsequent: Es gibt keine Ordnung, keine Chronologie, dafür die Assoziation, den beherzten Sprung über Ozeane und Zeiten, den roten Faden der Metaphern und Motive. Loetschers liebstes Bildfeld war flüssig, auch das kein Wunder. Mit Flüssen beginnt es, mit der Sihl, dem proletarischen, und der Limmat, dem bürgerlichen Fluss. Es treten andere dazu: Wolga, Nil, Amazonas, Mekong. Flüsse verbinden und trennen. Umso lockender ist dann das «Gegenufer», und umso mehr liebte Loetscher Fähren und Brücken, die dorthin führen. Er liebte die Häfen, von denen man aufbrechen kann. Auch die Tunnel, die unterirdischen Kanäle. Sogar den elektrischen Strom, jene verblasste Metapher aus dem Wasserreich, die er wiederbelebt. Auch dieser Strom verbindet, und erst das drahtlose Internet! Es zaubert all die Welten, die man nicht selbst bereisen kann, in die heimische Wohnung.

Aber noch schneller klicken als die Maus, noch schneller fliegen von Kontinent zu Kontinent kann immer noch der eigene Kopf: In wenigen Zeilen ist der Autor von der Limmat in Thailand, dann am Jordan und schliesslich in Amsterdam. Eine Kunsthaus-Ausstellung über das Burgund führt ihn nach Syrien, nach Tunesien; dort ist er tatsächlich gewesen und hat, was er gesehen hat, in seinem immensen Assoziationsspeicher bewahrt.

Hugo Loetscher liebte auch die Städte, besonders «jene, die über sich hinausweisen». Und er liebte die Kulturen, besonders jene, die sich berühren. Sein Buch ist - was wäre von diesem Autor anderes zu erwarten? - ein leidenschaftliches Plädoyer für das Mestizentum in jeglicher Hinsicht. Reinheitsfantasien sind ihm ein Gräuel. Ebenso die Ausgrenzung, die «Exclusion», wie man das in modernem Soziologendeutsch nennt. Gerade weil er erfahren hat, wie es ist, ausgegrenzt zu sein.

Zu den eindrucksvollsten Passagen des Buches gehören die über Homosexualität, die ja nicht immer so locker verkündet und praktiziert werden konnte wie heute. Loetscher schreibt eine kleine Verfolgungsgeschichte, identifiziert sich mit den Verfolgten; fast wie ein Christus, der auch das, was man seinen Brüdern antut, mit erleidet. Er deutet eigene Erfahrungen mit Gewalt und Bedrohung an, aber auch mit Heuchelei und Verdrängung in «feinen» Kreisen. Und mit Vorurteilen, so absurd, dass sie schon wieder komisch sind: «Leute wie Sie werden doch erpresst», sagt ihm jemand, scheinheilig mitfühlend.

Aber es geht nicht um die Rechtfertigung eines Sonderfalls, sondern um den Preis des Besonderen im Ganzen. Die Homosexuellenfahne ist schon deshalb das Banner Loetschers, weil sie alle Farben trägt, und die Männerliebe ist schön, weil sie Liebe ist: Berührend sind die Passagen, die ihr der Autor widmet. Eindrücklich seine Fantasie über ein Grabmal, das sie verewigt: gewidmet «dem unbekannten Freundespaar». Zwei liebende Jünglinge aus Stein, der Ewigkeit entgegenschlafend.

Das Neuland ist keines mehr

Zwei Gefahren freilich entgeht dieses Buch nicht. Die eine liegt in der Form und darin, dass man sich leicht im assoziativen Klein-Klein verliert, vor lauter Flüssen kein Land mehr sieht. Die andere hat etwas zu tun mit der Zeit, die seine Zeit war.

Es ist die Tragik des Vorkämpfers. Loetscher war ein Pionier, einer, dessen die Schweiz heftig bedurfte: Froh kann sie sein, einen wie ihn gehabt zu haben. Aber das geistige Neuland, das er betreten hat, ist heute der Tummelplatz des Zeitgeistes, wenn nicht gar schon von Epigonen. Was einst progressiv, ja provokativ war, reitet heute im Tross. Dissident will jeder sein. Die kleinen, schnellen, wendigen Wasserläufe Loetschers hat der Mainstream geschluckt. Um es mit einer Anekdote zu sagen: Hugo Loetscher ass 1949 seine erste Pizza. Das war in Süditalien, schon in Norditalien gab es sie nicht. Heute kann man in Zürich nicht um den Block gehen, ohne auf drei Pizzerien zu stossen.

Allgemeiner gesagt: Loetscher fiel in einem Land, das mit seiner Enge kämpfte, als literarischer Kosmopolit auf. Heute reist der erstbeste Jungautor zum Werkjahr nach London oder New York. So richtig Loetschers Positionen immer noch sind: Originell sind sie nicht mehr.

Was bleibt, ist das imponierende Dokument einer Lebensleistung. Und ganz am Schluss dann doch ein Gedanke, wie man ihn so noch nicht gelesen, geschweige denn selbst gefasst hat. Er weist in die Zukunft und gibt dem ganzen Buch eine neue Richtung. Weltgeschichte, meint Loetscher, fängt erst jetzt richtig an. Mit dem globalen Bewusstsein, dem nichts mehr gleichgültig sein kann, was irgendwo passiert. Mit der Abkehr von Zentralismus, Hierarchie und Exklusion. Mit dem Bewusstsein der Gefährdung des Ganzen.

So gesehen, wäre die bisherige Menschheitsgeschichte Prähistorie. «Sollte ich als Vorgeschichtler Mit-Schöpfer einer Welt sein, die wir schaffen, indem wir sie retten?» So fragt er am Schluss, und aktueller, dringlicher geht es nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2009, 09:45 Uhr

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