Kultur
In seinen Jugendbüchern wird gemobbt, vergewaltigt, gemordet
Kevin Brooks – Wenn man von Stephenie Meyer absieht, ist der 1959 geborene Brite der grosse Star unter den Jugendbuchautoren. Die Jugendlichen lieben seine dialogreichen, filmisch erzählten Thriller mit Tempo und psychologischem Tiefgang. Brooks, dessen Zugang zur Welt und zum Erzählen an den Filmemacher Ken Loach und den Krimiautoren Henning Mankell erinnert, ist ein radikaler Gesellschaftskritiker. Sein Erfolg im deutschsprachigen Raum hat auch mit dem Sound zu tun, den der Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn für Brooks auf Deutsch findet. In seinem jüngsten Roman «Black Rabbit Summer» verbindet Kevin Brooks den Krimi-Plot mit einer bitteren Gesellschaftsanalyse und einer psychologisch genau erzählten Vater-Sohn-Geschichte.
Buch
Kevin Brooks Black Rabbit Summer. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. dtv premium. 527 Seiten, ca. 23 Fr. (ab 13 Jahren)
Kevin Brooks, in Ihren Romanen wird gemobbt, vergewaltigt, gemordet. Es ist eine dunkle Welt, von der Sie erzählen.
Dass meine Bücher dunkel sind, wurde mir erst durch die Reaktionen der Leser und der Kritik bewusst. Eigentlich bin ich kein negativer Mensch, doch mich interessiert aus den Fugen geratenes Leben. Ich möchte über Gefühle schreiben, die Gewalt über die Menschen haben, über Angst und Aggression. Negative Erfahrungen haben eine ungeheure Wirkung auf das Leben der Menschen. Gewalt prägt die Geschichte und strukturiert die Gesellschaft – und daraus entstehen diese machtvollen und schwer zu bändigenden Gefühle, die mich so interessieren. Insofern ist mein Blick auf die Welt absolut realistisch.
In den meisten Jugendbüchern wird Gewalt transferiert in fantastische Welten. In Ihren Romanen sind es nicht Orks, sondern die Leute von nebenan, die zu Gewalttätern werden. Es können auch die eigenen Eltern sein.
Es ist mir wichtig zu zeigen, dass es keine Menschen gibt, die von Natur aus böse sind, wie uns die meisten Filme und zum Teil auch die Fantasy-Romane vermitteln. Die Sache ist viel komplizierter. Jeder Mensch kann in eine Situation geraten, in der er aggressiv reagiert. Und es gibt auf der anderen Seite durchaus auch Fälle, in denen Gewalt eine Lösung sein kann. Das wird in der Jugendliteratur meistens unterschlagen.
In Ihren Büchern wird nichts beschönigt. Genau das scheint die Jugendlichen anzusprechen.
Ich möchte die Wahrheit schreiben, soweit das überhaupt möglich ist. Ich sehe mich als eine Art Kriegsfotografen. Ich hasse die Vorstellung, dass Jugendbuchautoren Moralisten sein müssen, deren Bücher erbauliche Botschaften transportieren. Ich erteile keine Ratschläge. Jugendliche wissen über viele Dinge besser Bescheid als die Erwachsenen. Sie sind offener und können besser mit Problemen umgehen. Das spiegelt sich auch in meinen Romanfiguren. Dem Icherzähler Pete in «Black Rabbit Summer» zum Beispiel gelingt es, einen schwierigen Fall aufzuklären, weil weder die Vorurteile noch die Interessenkonflikte der Erwachsenen seine Sicht auf die Tatsachen vernebeln.
Ist das der Grund, dass Sie Bücher für Jugendliche schreiben?
Ja, das ist ein Grund. Ausserdem sind die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern gar nicht so gross, wie wir immer annehmen. Mit den Jahren lernen wir zwar, uns wie «Erwachsene» zu benehmen, und fahren statt mit Puppenwagen mit einem Geländewagen herum und vertauschen die Schul- mit der Aktentasche. Gemobbt wird am Arbeitsplatz genauso wie auf dem Pausenhof. Sehr viele Kinder und Jugendliche leben mit Eltern, die grosse Probleme haben. Suchtprobleme, Depressionen; viele Eltern sind arbeitslos. Ausserdem ist es nicht einfach, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein. Gerade Kinder aus Familien mit grossen Schwierigkeiten übernehmen schon sehr früh die Aufgaben von Erwachsenen. Es ist erstaunlich, zu sehen, dass sie dazu in der Lage sind. Trotzdem ist es natürlich traurig.
In Ihrem Roman «Black Rabbit Summer» gehen Sie mit den Medien hart ins Gericht, vor allem mit dem Fernsehen. Sie zeigen, dass das eigentliche Leben nichts mit medial vermittelten Bildschirmbildern zu tun hat.
Es ist etwas ganz anderes, ob man am Fernsehen oder in Gratis-Zeitungen von Vergewaltigungen, Mobbing, Familiendramen erfährt oder ob man in einem Roman darüber liest. Deshalb greife ich als Romanstoff immer wieder Fälle auf, über die in den britischen Medien berichtet wurde. Der Mord zum Beispiel, auf den ich mich in «Black Rabbit Summer» beziehe, geschah vor ungefähr zehn Jahren. Das Opfer war eine bekannte Fernsehmoderatorin. Die Polizei war durch die hysterische Berichterstattung der Medien unter Druck, möglichst bald einen Täter zu finden, irgendeinen. Deshalb halte ich mediale Vereinfachung für sehr gefährlich. Die Auseinandersetzung mit einer komplexen Wirklichkeit wird der Unterhaltung geopfert, die nach Schurken und Superhelden verlangt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.06.2010, 14:24 Uhr






