Kultur

Kafka war weder politikfern noch weltfremd

Von Andreas Kilcher. Aktualisiert am 22.09.2008

Reiner Stachs monumentale Biografie stellt den rätselhaften Autor in sein historisches Umfeld. Daraus ergibt sich ein verändertes Bild.

«Es wäre ein Glück, Soldat zu sein»: Kafka im Jahr 1914.

«Es wäre ein Glück, Soldat zu sein»: Kafka im Jahr 1914. (Bild: AKG Images)

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Reiner Stach: Die Jahre der Erkenntnis. S.-Fischer-Verlag 2008. 727 S., etwa 50 Fr.

Der Biograf stellt sein Buch am Mittwoch, 24. September, um 20 Uhr im Literaturhaus Zürich vor. Moderation: Guido Kalberer, Kulturchef des «Tages-Anzeigers».

Zum Autoren des Artikels

Andreas Kil­cher, 1963 in Basel geboren, studierte Ger­manistik, Ge­schichte und Philosophie in Basel, Mün­chen und Jeru­salem. 2002 habilitierte er sich am Institut für deutsche Philologie in Münster. Von 2004 bis 2008 war er Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Tübingen. Seit Juni 2008 lehrt Kilcher Literatur- und Kultur­wissenschaften an der ETH Zürich. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, wozu er zahlrei­che Aufsätze und Bücher, wie etwa das «Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur», publizierte. Soeben ist im Suhrkamp-Verlag seine kompakte, kenntnisreiche Einführung in das Werk von Kafka erschienen. (TA)

Nicht, dass es an Kafka-Biografien man­gelte. Den Anfang aus nächster Nähe machte Kafkas Freund, Mentor und Nach­lassverwalter Max Brod 1937. Distanzier­ter und sachlicher waren spätere Darstel­lungen wie die von Klaus Wagenbach (1958) und Hartmut Binder (1979). Die Frage von Kafkas Leben schien mit diesen Arbeiten in wichtigen Zügen beantwortet. In den vergangenen Jahren hat sich die Kenntnislage jedoch erheblich erweitert. Neue Einsichten haben sich ergeben, etwa zu Kafkas beruflicher Tätigkeit, zu seinem Judentum. Zeugnisse zu Personen um Kafka kamen ans Licht, etwa zu Felice Bauer, Milena Jesenská und Robert Klopstock.

Neues zu Brod verspricht aktuell dessen Nachlass in Tel Aviv. Und nicht zuletzt liegt Kafkas Werk mit der Kritischen Aus­gabe im S.-Fischer-Verlag (1982ff.) und der Historisch-Kritischen Ausgabe im Stroemfeld-Verlag (1997ff.) in völlig neuer Gestalt vor: nicht mehr in der geglätteten Form, die ihm Brod gegeben hat, sondern in der Fassung des Handschrift, das heisst nicht mehr fertige Texte, sondern Kafkas Schreibprozesse werden lesbar.

Es liegt auf der Hand, dass auf dieser Basis Kafkas Biografie neu geschrieben werden musste. Kafka-Kenner wie Hans­Gerd Koch lieferten wichtige Bausteine dazu. Und gleich zwei Biografen haben sich an die grosse Aufgabe einer Gesamt­darstellung gemacht: Eine überzeugende Lösung präsentierte 2005 der Germanist Peter-André Alt. Und seit 2002 erscheint die noch viel umfangreichere Kafka-Bio­grafie von Reiner Stach.

Auf drei Bände und rund 2000 Seiten ist dieses Grosswerk angelegt. Der erste um­fasst Kafkas Jugend, Studium und die An­fänge des Schreibens (noch nicht erschie­nen), der zweite die ersten Berufsjahre und den Durchbruch als Schriftsteller zwi­schen 1910 und 1914 (2002 erschienen), der dritte, kürzlich erschienene die von Krieg, Beziehungen, Krankheit und dem Ringen um das Schreiben geprägte Zeit bis zu Kafkas Tod 1924. Es ist dies ein grosser Entwurf, den Stach mit einem neuen Selbstbewusstsein zur Gattung der Biogra­fie vorbringt: Dieses Leben soll nach allen Regeln der Kunst erzählt werden. Welchen Kafka präsentiert uns Stach? Und wie tut er dies?

Der Erste Weltkrieg

Mit dem Ersten Weltkrieg lässt Stach den zweiten Band seiner Biografie enden, mit dem Krieg lässt er den dritten anheben – und über viele Seiten voranschreiten. Das ist nicht Willkür, sondern Programm: Stach erhebt die Bedeutung und die Fol­gen jener «Urkatastrophe» des Jahrhun­derts zu einem Zentrum seiner Biografie. Keine Nahaufnahme eines Genies also, sondern Kafka förmlich perspektiviert in­mitten eines grossen Kriegsszenarios, wie es sich in der Provinzhauptstadt Prag während der Agonie der alten Donau­monarchie mit allem Gerede und Getöse abspielte.

Diese Blickführung mag verwundern, wer die Vorstellung hat, Kafka sei ein über weite Strecken politikferner Zeitgenosse gewesen, der seine Um­welt kaum wahrgenom­men habe, sich vielmehr notorisch mit sich selbst, einer imaginären Litera­turwelt und einer Reihe aussichtsloser Liebschaf­ten beschäftigte. Im Ver­gleich mit Kafkas Schrift­stellerkollegen könnte man diese Vorstellung zu­nächst bestätigen. Ein Ta­gebucheintrag vom August 1914 legt geradezu eine Bagatellisierung nahe: «Deutschland hat Russ­land den Krieg erklärt – Nachmittag Schwimm­schule.»

Stach dagegen entfaltet den impliziten Horizont solcher Äusserungen: die Kriegsberichterstattung und Propaganda, der auch Kafka ausgesetzt war, die Prager Frontausstellung, die auch Kafka besuchte, die Kriegsanleihen, die auch Kafka erwarb, schliesslich Kafkas Wunsch, Soldat zu wer­den. «Warum weisst Du nicht», fragt er Felice, «dass es ein Glück für mich wäre, Soldat zu wer­den? » Tatsächlich wurde Kafka im Juni 1915 und er­neut ein Jahr später ge­mustert, jeweils für taug­lich erklärt und zum Land­sturmdienst eingeteilt, al­lerdings auf Antrag seines Arbeitgebers, der Arbei­ter- Unfall-Versicherung, die auf ihren Juristen nicht verzichten wollte, vom Dienst befreit – zu Kafkas Enttäuschung.

Das Judentum

Zu seinem Trost: Auch die Versicherung stellte sich auf die Kriegslage um. Sie nahm sich den von der Front heimkehrenden In­validen an, auch den psy­chisch traumatisierten, den «Kriegszitterern», die das Strassenbild Prags zu­nehmend prägten. Kafka übernahm diese Aufgabe unter anderem darin, dass er an der Einrichtung einer «Heilanstalt» «für nerven­und gemütskranke Kriegs­versehrte » mitarbeitete.

Dafür wurde er 1918 gar zur Ehrung vorgeschlagen. Doch das Ende der Donaumonarchie verhinderte die Aus­zeichnung des inzwischen an Tuberkulose Erkrankten, der bald selbst nicht nur von Husten und Fieberschüben, sondern auch von einem Nervenzusammenbruch ge­schüttelt wurde.

Ein zweiter Kontext, den Stach in den Blick rückt, ist das Judentum. Auch hier zeigt er, dass Kafka den zeitgenössischen Diskurs über Judentum und Zionismus bis in die letzten Jahre äusserst wach mitver­folgte. Und auch dies mag zunächst über­raschen. Denn in Kafkas Tagebüchern und Briefen ist vom Judentum viel die Rede, in seinem literarischen Werk wird es jedoch mit keiner Silbe erwähnt. Kafkas Texte verhandeln das Judentum nicht ausdrück­lich – nicht auf den ersten Blick. Doch tut er dies – bei genauerem Hinsehen – hinter­gründig: verschoben in einer Bilderspra­che, etwa in Tierbildern. In nomadischen Schakalen, forschenden Hunden und nachahmenden Affen.

Das Judentum ist zweifellos eine ent­scheidende Komponente in Kafkas Leben und Schreiben, die zwar seit Brod behaup­tet, dennoch lange unterschätzt wurde, gerade in der literarischen Dimension. Ihre Erhellung bei Reiner Stach überzeugt in weiten Teilen.

Natürlich gelangt Stach von solchen Grosskontexten wie Krieg und Judentum auch auf das klassische Feld der Biografik: zum sogenannten Privatleben. Davon ist gerade bei Kafka viel zu erzählen. Denn anders als Brod, der als Literat und zionis­tischer Intellektueller und als Mitglied des jüdischen Nationalrats nach der Gründung der tschechoslowakischen Republik äus­serst gefragt war, trat Kafka kaum öffent­lich auf. So sehr er die grossen Diskurse seiner Zeit registrierte, nahm er daran we­niger als öffentliche Person teil. Familie, Beziehungen, Büro, Krankheit sind die pri­mären Koordinaten seines Lebens.

Das zeigt eindrücklich das Beziehungs­drama mit Felice, Kafkas zweimaliger Ver­lobten zwischen 1912 und 1917. Stach ent­deckte in den USA ihren Nachlass und zeigt sich in der Darstellung dieses fünf­jährigen Wechselspiels von Nähe und Dis­tanz, das Kafka mit einer Vielzahl gross­artiger Briefe betrieb, auf der Höhe seiner Kenntnisse. Ebenso überzeugend ist seine Darstellung des Verhältnisses zu Kafkas zweiter Verlobten Julie Wohryzek, die er 1919 in einer Pension für Lungenkranke kennen lernte. Es war dies allerdings ein Verhältnis, das bei Kafkas Freunden und Familie Kopfschütteln provozierte. Denn nicht nur kam sie aus einfachen Verhält­nissen – unter vorgehaltener Hand war sie auch als Dirne bekannt. Kaum weniger verfänglich war Kafkas nächste Geliebte um 1920: Milena, die in Prager Cafés als Bohémienne bekannt war, wegen Dieb­stahl und Drogen mit der Polizei zu tun hatte und als verheiratete Frau mit Kafka ein Verhältnis einging.

Auch nicht den ge­sellschaftlichen Vorstellungen entsprach schliesslich, dass der todkranke 40-jährige Kafka in seinen letzten Lebensjahren mit der 19-jährigen Dora Diamant liiert war, im Herbst und Winter 1923/24 in Berlin mit ihr zusammen wohnte, bei ihrem frommen Vater gar um ihre Hand anhielt, was aber dessen Rabbiner versagte. Das änderte freilich nichts mehr an der Bedeutung, die Dora Diamant bis zur letzten, hoffnungslo­sen Odyssee durch Sanatorien und Kli­niken für Kafka gewann.

Die Literatur

Fragt sich auch, wie sich dem Biografen die Literatur darstellt, wie sie sich insbe­sondere bei einem Schriftsteller darstellt, der von sich sagt: «Ich habe kein lite­rarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.» Es kann nicht über­raschen: Wo der Biograf Texte liest, ist er von seinem Geschäft der Biografik geleitet, denn ihr Prinzip heisst bei Stach: die «geistige Einheit von Leben und Werk», ihr Schlüssel deshalb: Auto­biografik. Kaum ein Text, den er sich vor­nimmt – von der «Verwandlung» bis zum «Schloss» –, den er nicht autobiografisch liest. So wird «Der Landvermesser» zur «Kafka-Puppe», der «Schloss»-Roman insgesamt zu einer literarischen «Ersatzhand­lung », zu einer Anordnung von «autobiografischen Patiencen» voller «priva­ter Anspielungen und Chiffren».

Zutreffend ist wohl, dass der «Geheimniskrämer Kafka» (Bert Brecht) in seinen literarischen Tex­ten ein gewisses autobio­grafisches Spiel betrieb. Dennoch muss eine solche Ausweitung der autobio­grafischen Lektüre, so er­hellend sie partiell ist, frag­würdig erscheinen.

Ein Lesegenuss, fes­selnd, höchste biografische Erzählkunst, als ein Stück Literatur gar, als «roman­haft » wurde Stachs Kafka­Biografie gefeiert – aber auch da und dort kritisiert. In der Tat kann man die Art und Weise, wie Stach dieses Leben erzählt, durchaus ambivalent se­hen. Auf der einen Seite hat er so manchem seiner bisherigen Kollegen vo­raus, wirklich gut schrei­ben zu können. Lese­genuss, Spannung und zu­gleich Leichtigkeit der Darstellung auch komple­xer Sachverhalte – all das lässt sich bestätigen.

Was Kafka dachte

Auf der andern Seite ha­ben diese Qualitäten auch ihren Preis. Der hohen Er­zählkunst steht bei Stach ein ziemlich autoritärer Erzähler gegenüber, im Fachjargon der Literatur­wissenschaft: Stach ist ein auktorialer Erzähler, der sich mühelos in seine Pro­tagonisten hineindenken kann, ja mehr weiss als sie (Kafka eingeschlossen). Ein Beispiel unter vielen: Kafkas angebliche Re­aktion auf Milenas Frage: «Sind Sie Jude?» – nach Stach: «Einen Augenblick lang schien ihm [Kafka], das müsse ein Scherz sein.» Hier bewegen wir uns im Konstruierten: Der allwissende Erzähler er­schreibt sich einen Kafka, zwar so nah wie möglich an den Quellen, aber er denkt und lenkt mit, mal mehr, mal weni­ger.

Das zeigt sich auch in der Erzähl- und Schreibweise, der Bildlichkeit und Spra­che. Stachs Diktion ist emphatisch. Er will mitfühlende, mithoffende, mitleidende Le­ser – mit allen Mitteln, auch mit Sugges­tion und Pathos. Nicht selten sind rhetori­sche Fragen wie: «Wer, wenn nicht er, Rainer Maria Rilke, war dazu berufen, dem ungeheuren Augenblick [dem Krieg] die adäquate, erhabene, letztgültige Form zu verleihen?» Oder: «Kafka, wer sonst, über­nahm wiederum die Sache der Propa­ganda » – nämlich für die Heilanstalt für Kriegsneurotiker. Das ist nicht ganz jeder­manns Sache. Zum grossen Erfolg dieser Biografik trägt freilich nicht nur Stachs Erzählkunst bei, sondern auch das allgemeine Interesse an Kafkas Leben. Ist es aber gerade so, dass das Interesse an Kafkas Leben demjenigen an seinen Texten Konkurrenz macht? Das liesse sich sogar erklären: Das Leben von Kafkas Helden (etwa in den drei Roma­nen) ist tragikomisch und gezeichnet von Selbstbehauptung, Verstellung, Maske­rade – kaum zur Identifikation geeignet. Kafkas eigenes Leben aber ist, in Stachs Darstellung, tragisch und «wahrhaft» – zum Mitfühlen. Und noch gewichtiger: Kafkas Texte gelten meist als schwer zugänglich, hermetisch, unverständlich, unheimlich – gar angsteinflössend. Das Lektüreerlebnis der Stachschen Biografie aber ist ziemlich genau gegenteilig: Sie gilt als höchst zugänglich, verständlich, fes­selnd, ja tränenrührend. So gesehen, ist es einfacher und angenehmer, eine Kafka­Biografie als Kafka-Texte zu lesen.

Im Idealfall freilich ist die Biografie kein Ersatz, sondern ein Tor zur Literatur – und das ist Stachs Biografie über Kafka natür­lich wesentlich auch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2008, 08:36 Uhr

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