Kultur
«Komik ist die einzige Rettung»
Das Buch
Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff. Suhrkamp. 251 S. Fr. 35.90.
Als der Roman einsetzt, ist das mit Pomp inszenierte Begräbnis bereits Geschichte. Zwanzig tote Exilbulgaren aus dem Raum Stuttgart sind in einem noblen Limousinenkorso nach Sofia chauffiert worden, wo sie mit einer orthoxen First-Class-Bestattung zum zweiten Mal beerdigt werden und ewige Ruhe finden sollen. Ausgeheckt und minutiös vorbereitet hat diese Idee ein steinreicher Bulgare, der damit nicht nur seinen alten Kumpels des Stuttgarter Bulgarenvereins die Ehre erweisen, sondern auch ein neues Konservierungsverfahren testen wollte. Die Hinterbliebenen lockte er mit Geld, wobei keine so geschickt verhandelte wie die für gewöhnlich liebreizend gutmütige Tochter eines Frauenarztes. Sie war bereits bei 90'000 Euro, als ihr Gegenüber sie mit dem Argument, der Vater sei ein Selbstmörder gewesen, auf 80'000 Euro runterdrückte.
Das Begräbnis ist vorbei, und nach dem luxuriösen Totengeleit mit Übernachtungen in den jeweils besten Häusern am Platz könnte der Kontrast grösser kaum sein: Diese Tochter und ihre jüngere Schwester sitzen jetzt in einem alten Daihatsu und lassen sich von einem fernen Verwandten namens Rumen Apostoloff durch Bulgarien kutschieren und übernachten in heruntergekommenen Klitschen. Die Ältere sitzt auf dem Beifahrersitz, die Jüngere kommentiert als Ich-Erzählerin von der Rückbank aus alles mit schonungsloser Direktheit. «Und was ist mit der Schwarzmeerküste? (...) Verbaut, verpatzt, verdreckt. Das aschgraue Meer – leergefischt. Das bulgarische Essen? Ein in Öl ersoffener Matsch. (...) Bulgarische Kunst im 20. Jahrhundert? Abscheulich, und zwar ohne jede Ausnahme. Die Architektur, sofern nicht Klöster, Moscheen oder Handelshäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert? Ein Verbrechen!»
Der Wurf nach dem Kruzifix
Wer solch ebenso knackige wie ganz bewusst zugespitzte Sätze zu Papier bringt, ist die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die mit «Apostoloff» ihren bislang persönlichsten Roman geschrieben hat und deren Ich-Erzählerin ihr kaum verhülltes Alter Ego ist. Besucht man sie in der schmucken und zweckmässig eingerichteten Atelierwohnung im Müllerhaus in Lenzburg (siehe Kasten), wo sie seit wenigen Tagen lebt und arbeitet, so trifft man auf eine Dame mit vollendeten Manieren und einer Lust an der prägnanten Formulierung. 1954 in Stuttgart geboren als Tochter eines bulgarischen Exilanten und einer Deutschen, hat sie als Zwölfjährige erlebt, woran sich ihre Ich-Erzählerin während der Reise durchs Vaterland zornig erinnert: Der Vater, ein erfolgreicher, aber depressiver Arzt, bringt sich mit 43 Jahren um und hinterlässt eine zutiefst schockierte und für ihr Leben gepeinigte Frau sowie einen Sohn und eine Tochter (die Schwester im Roman ist erfunden), die der Selbsttötung wehrlos gegenüberstehen und in der Pubertät schwer daran beissen.
Sie habe den Selbstmord ihres Vaters längst überwunden, sagt Sibylle Lewitscharoff, ihre Mutter aber sei zeit ihres Lebens von den schrecklichsten Albträumen heimgesucht worden. Deren grosses Fanal beschreibt die Tochter im Roman folgendermassen: «Eigentlich nicht mehr bei Kräften (...) bäumte sie sich plötzlich auf, packte, was auf ihrem Nachttisch stand, warf all das Zeugs, Teller, Becher, Pillen, Löffel, Schachteln, nach einem Kruzifix, das an der Wand hing, zielte und trafs. Tropfnass die Wand, die Bescherung am Boden. Unsere Mutter am Ende.» Gemeint hat sie nicht den Erlöser am Kreuz, sondern den Namensvertreter, mit dem sie verheiratet war. Der Mann hiess Kristo, und über «dieses Aas von einem Vater» sagt die Tochter, dass er «zwischen zu viel Gott im Namen und zu wenig Gott im Leben» kein Gleichgewicht gefunden habe.
Die Rampensau als Gefahr
In ihrem jüngsten Werk, das ihr den Leipziger Buchpreis und soeben den Spycher-Preis eingebracht hat, verwandelt Lewitscharoff den Unglücksstoff in ein rasantes Possenspiel. «Komik ist die einzige Rettung, wenn es einem an den Kragen geht. Bei Folterqualen oder Bürgerkriegsverheerungen ist Komik kein probates Mittel. Aber bei so was kann man mit einem kleinen Stabhochsprung nochmals drüberkommen.»
Gleichzeitig ist sich die Autorin einer Gefahr durchaus bewusst: «Ich musste beim Schreiben darauf achten, nicht zur Rampensau vor dem Publikum zu werden.» Manchmal sei sie zu selbstverliebt gewesen und habe das Auf-die-Pointe-Hinschreiben einfach nicht lassen können. «Ich bin heute versucht, manches zu korrigieren», sagt Sibylle Lewitscharoff.
Der Erzählgestus schiebt Trauer weit von sich weg, und so erstaunt es nicht, dass sie nur selten vorkommt und wenn, dann in der Verstörung der Kinderherzen. Verpuppt in eigenen Schmerz und Zorn und erschöpft von der Arbeit als Vertreterin von Medikamenten, war die Mutter kaum ansprechbar – und andere mochten schon gar nicht über das Tabu reden.
Angefangen zu schreiben hat Sibylle Lewitscharoff mit über vierzig Jahren und heimste 1998 mit einem Ausschnitt aus ihrem Erstling «Pong» gleich den Ingeborg-Bachmann-Preis ein. Mit den wehmütig und leise gestimmten Romanen «Montgomery» (2003) und «Consummatus» (2006) festigte sie ihren Ruf als originelle Autorin, erhielt viel Lob von der Kritikergilde, zu einem Publikumsliebling aber wurde sie nicht. Das könnte sich mit ihrem jüngsten, bisher 30000 Mal verkauften neuen Roman ändern. Zwar ist er kaum weniger eigenwillig, zugänglicher aber durchaus, verhandelt die Autorin doch die eigene Familientragödie.
Die Schuld des Selbstmörders
Damit steht Lewitscharoff vor neuen Überlegungen: Darf man so über die eigenen Eltern schreiben? «Ich beantworte diese Frage mit einem zögernden Ja, weil es die Eltern sind und weil sie tot sind.» Niemals, so sagt sie, würde sie so über jemanden schreiben, mit dem sie aus freien Stücken verkehre. «Mit den Eltern darf man ein bisschen mehr Schindluder treiben. Doch mein Roman ist ein Grenzfall.»
Immer wieder blitzt ihr Schalk im Gespräch auf; ernst und dezidiert aber wird sie, wenns um Selbstmord geht. «Einer, der etwas tut, ist nicht immer nur das Opfer, sondern zuerst einmal der, der etwas anstellt.» Auch der depressivste Mensch – wenn er erwachsen sei und seine Lebensumstände frei habe wählen können – habe einen Rest an Verantwortung. «Von den modernen Versuchen, den Menschen von aller Schuld freizusprechen, halte ich nichts», sagt die studierte protestantische Religionswissenschaftlerin mit einer grossen Affinität für den Katholizismus.
«Nicht die Liebe vermag die Toten in Schach zu halten (...), nur ein gutmütig gepflegter Hass», beschliesst die Ich-Erzählerin ihre Tirade und spricht damit wohl auch ihrer Erfinderin aus dem Herzen. (Der Bund)
Erstellt: 09.04.2009, 14:38 Uhr















