Kultur

«Kommissar Wallander» kommt nach Zürich

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 31.05.2010

Millionen lieben Wallander. Mit dem zehnten Fall schickt Henning Mankell seinen trübsinnigen Ermittler in Pension. Er selbst kommt am Montag ins Kaufleuten zur Lesung.

Autor Henning Mankell teilt den Jahrgang – 1948 – mit seiner Figur Kommissar Wallander.

Autor Henning Mankell teilt den Jahrgang – 1948 – mit seiner Figur Kommissar Wallander.
Bild: Keystone

Nachtrag, 31. Mai: Mankell-Lesung abgesagt

Die Lesung des schwedischen Schriftstellers Henning Mankell von Montag Abend im Zürcher Kaufleuten (20 Uhr) muss leider kurzfristig verschoben werden: Mankell befindet sich auf einem der Schiffe, mit denen Aktivisten Hilfsgüter nach Gaza bringen wollen. Die sogenannte «Solidaritätsflotte» wurde gestern abend von der israelischen Marine blockiert. Die Lesung wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

Info

Henning Mankell: Der Feind im Schatten. Roman. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Zsolnay, Wien 2010. 590 S., ca. 43 Fr. Hörbuch (7 CDs, ca. 49 Fr.) im Hörverlag, gelesen von Axel Milberg.

Am Mo, 31. Mai, 20 Uhr, liest Mankell auf Einladung des «Tages-Anzeigers» und der Buchhandlung Orell Füssli im Kaufleuten. Deutscher Text: Axel Milberg. Moderation (englisch): Martin Ebel. Die Veranstaltung ist ausverkauft, kann aber auf Tagesanzeiger.ch im Livestream verfolgt werden.

Sein erster Text war eine Zusammenfassung des «Robinson Crusoe» auf einer Seite. Da war er noch ein Kind. Aber von da an, meint Henning Mankell, habe er sich als Autor betrachtet.

Der Ästhetik der Reduktion ist er allerdings nicht treu geblieben. Auch sein jüngster Roman zelebriert wieder die Vollständigkeit des Erzählten und tendiert daher zur Dickleibigkeit. Ganz wie sein Held, der seit 1991 im südschwedischen Provinzstädtchen Ystad ermittelt. Damals erschien «Mörder ohne Gesicht», und es war noch nicht abzusehen, dass Ystad zum Fixpunkt auf der Weltkarte literarischen Verbrechens werden würde und Kommissar Wallander zu einem der beliebtesten Aufklärer der Krimigeschichte.

Auf 30 Millionen beläuft sich die Gesamtauflage, 16 Millionen davon wurden allein im deutschsprachigen Raum verkauft. Ystad, in der realen Kriminalstatistik eher ein unauffälliges Plätzchen, in Mankells Romanen aber Tummelplatz für Serienkiller und Schauplatz scheusslichster Todesarten, schlachtet das finstere Image längst touristisch aus. Es gibt Wallander-Touren, ja spezielle Wallander-Reisen, die Gesamtwertschöpfung der Bücher für die Region Schonen hat jemand auf umgerechnet 440 Millionen Franken veranschlagt.

Düstere Tendenzen verstärken sich

Dabei hat dieser Kurt Wallander nichts, was ihn zum König der Krimileser-Herzen prädestinieren würde. Er ist ein mürrischer, leicht depressiver, übergewichtiger Eigenbrötler, der sich schlecht ernährt, zu wenig bewegt, der zu viel trinkt und dessen Beziehungen zu anderen Menschen sich, vorsichtig ausgedrückt, schwierig gestalten. Im neuen Roman, «Der Feind im Schatten», dem zehnten und unwiderruflich letzten der Saga, verstärken sich die düsteren Tendenzen noch. Wallander hat inzwischen Diabetes, erleidet im Lauf der Handlung einen Insulinschock und einen Vorinfarkt; ausserdem quälen ihn zunehmend geistige Ausfälle, die auf eine beginnende Alzheimerkrankheit schliessen lassen. «Das Alter ist ein Massaker», hat Philip Roth gesagt; Wallander, erst Anfang 60 (er teilt den Jahrgang 1948 mit seinem Schöpfer Mankell), sieht das Schlachtfeld überdeutlich vor sich. «Das Gefühl, alt zu werden, bedrückte ihn»: Sätze wie dieser durchziehen wie ein Ostinato-Bass den Roman.

Warum lieben die Leser einen derart unglamourösen, unattraktiven, unwitzigen Helden? Warum verfolgen sie gespannt die langatmigen, umständlichen Aufklärungsprozeduren, die hauptsächlich daraus bestehen, dass die Mitglieder der Ermittlungsgruppe die vorhandenen Fakten wieder und wieder durchkauen, in der Hoffnung, auf ein übersehenes Detail zu stossen, das alles Bekannte zu einem neuen Bild ordnet? Warum stören sie sich nicht an Dialogen wie diesem: «Es ist ein gutes Haus», sagte der Mann. «Wir fühlen uns wohl hier, die Kinder fühlen sich wohl. Man braucht keine Angst zu haben.» – «Das ist gut. Menschen sollten keine Angst haben.»

Die Antworten darauf sind so schwer nicht, das Rätsel ist leichter zu lösen als die meisten Fälle Wallanders. Das so überaus Unspektakuläre der Ermittlung, die Polizeiroutine, bei der nicht das geringste Detail ausgelassen wird, gibt den Lesern das Gefühl, eine Wirklichkeit gezeigt zu bekommen, die die meisten Krimi-Autoren gar nicht mehr anstreben – weil sie zu sehr in ihr skurriles Personal verliebt sind oder in die Knalleffekte ihrer Dramaturgie. Und Mankells Wirklichkeit umfasst stets mehr als den simplen Zweischritt Verbrechen – Aufklärung. Sie ist immer in gesellschaftliche Zusammenhänge von weltumspannenden Dimensionen eingebettet.

Die langen Finger der Globalisierung reichen bis in die schwedische Provinz. Wallander hat es mit Waffen- und Frauenhandel zu tun, mit Neonazis und Terroristen; er ermittelt in Lettland und über ein geplantes Attentat auf Nelson Mandela; im jüngsten Fall geht es um fremde U-Boote in schwedischen Gewässern, um einen Spion in höchsten Kreisen, letztlich um Schwedens Rolle im Kalten Krieg.

Ein Panorama weltpolitischer Verstrickungen

Henning Mankell serviert dem Leser nicht nur Morde und ihre Aufklärung, sondern auch gleich ein Panorama weltpolitischer Verstrickungen samt moralischer Deutung. Und derjenige, der in diese Verstrickungen gerät, obwohl er doch bloss einen Mörder finden will, ist gerade in seinem Antiheldentum der wahre Held unserer Zeit: Weil er nicht nur gegen raffinierte Verbrecher und deren verborgene Hintermänner kämpft, sondern auch gegen seine eigenen Schwächen, die Hinfälligkeit der menschlichen Natur und die Gebrechlichkeit der Welt an sich.

Dazu kommt selbstverständlich der Soap-Effekt, die zunehmende Vertrautheit mit einer Figur, die von Roman zu Roman altert, sich Jahresringe zulegt – und Kilos. «Der Feind im Schatten» zelebriert die Vertraulichkeit mit dem Leser ganz bewusst, indem er an frühere Fälle, frühere Romane erinnert und Gestalten aus Wallanders Lebenskreis noch einmal auftreten lässt: die geschiedene Ehefrau Mona, die sich zu Tode säuft; die lettische Geliebte Baiba, die sich im Auto zu Tode rast; und die – natürlich schwierige, wie ihr Vater und Grossvater – Tochter Linda, die Wallander, bevor die «Schatten in seinem Kopf» die Oberhand gewinnen, ihm noch das Glück einer Enkelin schenkt. Als Familienangelegenheit, passenderweise, beginnt dieser letzte Fall. Der Vater von Lindas Lebensgefährten verschwindet, Hakan von Enke, ein pensionierter Marineoffizier, der auf eigene Faust in einer seltsamen Affäre ermittelt hat. In der Endphase des Kalten Krieges war in den Schären vor Schwedens Küste ein fremdes U-Boot entdeckt worden, das aber – offenbar auf höheren Befehl – unerkannt entwischen konnte. Auch Hakans Frau verschwindet, wird dann tot aufgefunden, mit militärischen Geheimnissen in ihrer Handtasche. War sie eine Spionin?

Wallander ermittelt diesmal nahezu allein, und die Aufmerksamkeit gilt zunehmend seinem Tagesablauf, seinen Gebrechen und der Rückschau auf sein Leben und weniger der Aufklärung des Falles, dessen Lösung auch einigermassen enttäuschend ausfällt (was aber oft bei Krimis zutrifft). Nach diesem Fall gönnt der Leser seinem Helden noch ein paar ruhige Jahre mit Klara, dem Enkelkind, lange Spaziergänge mit Hund Jussi, lange Abende mit seinen Opernplatten und auch die eine oder andere Flasche Rotwein zu viel. Aber lesen muss man das dann nicht unbedingt. Der Abschied kommt zur rechten Zeit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2010, 22:08 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Sponsored by: