Kultur

Mann und Frau ticken gar nicht so verschieden

Von Bettina Weber. Aktualisiert am 18.02.2011 19 Kommentare

Von wegen Frauen seien von der Venus und Männer vom Mars – drei neue Bücher zeigen auf, wie die Hirnforschung auf dünner wissenschaftlicher Grundlage die traditionellen Rollenbilder zementiert hat.

Was unterscheidet die Geschlechter? Adam und Eva, wie der Maler Albrecht Duerer sie sich vorstellte.

Was unterscheidet die Geschlechter? Adam und Eva, wie der Maler Albrecht Duerer sie sich vorstellte.
Bild: Keystone

All die Bücher, die in den vergangenen Jahren zum Thema Geschlechterunterschied auf den Markt geworfen wurden und sich grösster Beliebtheit erfreuten, hatten vor allem eines zur Folge: Dass sich die Männer auf die Schulter klopfen durften. All ihre Verhaltensweisen, von Frauen mitunter als kindisch oder dumpf kritisiert, hatten einen Grund, und zwar einen, der sehr seriös und gewichtig klang: das männliche Gehirn. Und weil dieses nun mal so ist, wie es ist, sind die Männer ihrer Natur beziehungsweise ihrem Testosteron sozusagen hilflos ausgeliefert.

Louanne Brizendine, Neurowissenschaftlerin und Autorin von «Das weibliche Gehirn» und «Das männliche Gehirn» erklärt anhand der Biologie sogar, weshalb es Männern absolut unmöglich sei, sich nach dem Sex auch noch verbal mit ihrer Partnerin auszutauschen; diese möge also bitte Verständnis dafür haben. Dazu müsste sie die Frauen allerdings gar nicht auffordern, denn das Mitfühlende ist ja dem weiblichen Wesen eigen – dies jedenfalls behauptet Brizendine, weil ja bereits weibliche Säuglinge sich mehr für Gesichter als für Objekte interessieren würden.

Frauen fühlen, Männer denken

Die Welt, die durch die Emanzipation der Frauen unübersichtlicher geworden und aus den Fugen geraten war, kam so wieder ins Lot. Dazu trugen nebst Brizendine auch der Psychologe Simon Baron-Cohen mit «Vom ersten Tag an anders» und Autoren wie John Gray mit «Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus» oder Allan und Barbara Pease mit «Weshalb Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können» bei. Das, was die Frauenbewegung an vermeintlich ewig geltenden Grundsätzen und Rollenbildern innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt hatte, konnte nun, der Wissenschaft sei Dank, wieder einigermassen hergestellt werden.

Und so nahm die Leserschaft befriedigt zur Kenntnis, dass es nur logisch, weil eben biologisch bedingt sei, wenn Frauen schlechter in Naturwissenschaften und Männer weniger kommunikativ seien oder wenn Frauen zu Hause blieben und Männer Karriere machten. Simon Baron-Cohen formulierte das so: «Das weibliche Gehirn ist dafür gemacht, Mitgefühl zu empfinden, das männliche dagegen, um Dinge zu verstehen und Systeme zu bilden.» Womit wissenschaftlich verbrämt nichts anderes gesagt wird als: Männer denken, Frauen fühlen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Sorry Ladys, aber für gewisse Dinge taugt ihr einfach nicht.

«So weit waren wir doch schon mal», schreibt dazu die Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine, damals nämlich, als man im 17. Jahrhundert begann, mittels medizinischer Erklärungen die Unterlegenheit der Frau zu begründen. Die Argumente, sagt Fine, brächten uns heute zum Lachen, aber im Grunde habe sich nicht viel verändert seit der Zeit, als den Frauen das Stimmrecht unter Hinweis auf ihr leichteres Hirn verwehrt wurde. Und Fine geht noch weiter: Das, was da unter dem Deckmäntelchen von Wissenschaftlichkeit behauptet werde, sei nichts anderes als Sexismus: Neurosexismus. Die Wissenschaft diene bis heute – die Aussage von Simon Baron-Cohen stammt aus dem Jahre 2009 – als Steigbügelhalter jener, die in der Diskriminierung der Frau keinen gesellschaftlichen Missstand sehen, sondern eine naturgegebene Rollenverteilung. Diene jenen als Instrument, die die Tatsache, dass Frauen nicht in den Teppichetagen und Männer nicht in sozialen Berufen zu finden sind, als biologisch determiniert betrachten – und damit als unabänderlich. So werde suggeriert, Verhalten, Begabungen und Rollen der Geschlechter seien wegen der Hormone bereits im Mutterleib für alle Zeiten festgelegt.

Forscher sind voreingenommen

Fine anerkennt durchaus, dass Männer- und Frauenhirne verschieden sind. Bloss sagt sie: Zum einen seien diese Unterschiede relativ klein. Und zum andern sei noch weitgehend ungeklärt, was die Folgen davon seien. Die Forschung stecke noch zu sehr in den Kinderschuhen, als dass sie zum heutigen Zeitpunkt seriöse Erkenntnisse vermitteln könnte.

In «Delusions of Gender», einem von der Fachwelt hochgelobten und dennoch erstaunlich leichtfüssig geschriebenen Buch, analysiert Fine jene Studien, auf die sich die eingangs erwähnten Forscher und Autoren stützen. Sie macht das minutiös, allein der Anhang beträgt 82 Seiten; die Schlüsse, zu denen sie gelangt, sind ernüchternd. Denn sie zeigt auf, wie häufig sich die Forscherinnen und Forscher von dem leiten liessen, was sie sehen wollten: eben den berühmten grossen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Fine zeigt auch, wie erschreckend oft die Studien trotz dünner Faktenlage überinterpretiert wurden oder wie ungenau die Versuchsanordnung bei jenen Erhebungen war, die besonders deutliche Differenzen zutage förderten und in der Folge weltweit zitiert wurden.

Zu wenig Testosteron

Sowohl Baron-Cohen wie auch Brizendine kommen dabei schlecht weg. Über Letztere schrieb das renommierte Wissenschaftsmagazin «Nature» allerdings bereits nach Erscheinen von «Das weibliche Gehirn»: «Obschon die Autorin über eine hohe akademische Glaubwürdigkeit verfügt, enttäuscht sie mit ihrem Werk, weil es nicht einmal den einfachsten Standards von wissenschaftlicher Genauigkeit Rechnung trägt.» Das änderte indessen nichts daran, dass ihre holzschnittartige Geschlechterdefinierung gebetsmühlenartig wiederholt wurde. Mit einem Mal wurde es wieder salonfähig, Frauen gewisse Fähigkeiten abzusprechen und zu erklären, weshalb sie besser dazu geeignet sind, Kinder zu betreuen, und es eben kein Zufall ist, dass sie es nicht in die Teppichetagen von Unternehmen schaffen: zu wenig Testosteron. Tja, da kann man nichts machen.

Rebecca M. Jordan-Young, auf die biologische Analyse von Geschlechterdifferenzierung spezialisierte Professorin an der Columbia University in New York und Autorin des ebenfalls lobend besprochenen Buches «Brainstorm – The Flaws in the Science of Sex Difference», sagt über die populären Werke von Brizendine und Co: «Solche Bücher sind etwas für Leute, die einen Bezugsrahmen für ihre überholten Verhaltensmuster suchen. Unsere Körper werden durch unsere Kultur geformt, und das gilt in besonderem Mass für unser Gehirn. Die Verbindungen in den Gehirnzellen werden durch Erfahrungen geformt.» Das heisst: Unser Gehirn ist keineswegs wie ein Geschlechtsorgan, das uns männlich oder weiblich funktionieren lässt. Es ist, unabhängig von individuellen Begabungen und Hormonen, vielmehr formbar wie ein Stück Knetmasse. Es wird davon geprägt, wie und wo ein Kind aufwächst, ob es gefördert wird, und eben auch: ob es in die stereotypische Rolle seines Geschlechts gedrängt wird. Das passiert unbewusst, widerspiegelt aber herrschende Vorurteile: Mütter beispielsweise sprechen häufiger mit weiblichen Säuglingen als mit männlichen, trauen diesen aber umgekehrt bessere motorische Fähigkeiten zu.

Kultur wichtiger als Hormone

Stereotype zu zementieren, sei nicht sehr hilfreich, sagen Fine und Jordan-Young, erst recht, wenn diese wissenschaftlich unhaltbar seien. Denn die Stereotype können zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Wenn Schüler zu Beginn eines Mathematiktests ankreuzen müssen, ob sie weiblichen oder männlichen Geschlechts sind, schneiden die Mädchen deutlich schlechter ab als die Kontrollgruppe, die nicht nach dem Geschlecht gefragt wird – weil Mädchen oft genug gehört haben, sie seien den Buben darin unterlegen.

Es sind indes nicht nur Frauen, die Kritik üben. Auch Donald W. Pfaff, Leiter des Instituts für Neurobiologie an der Rockefeller University in New York, der seit beinahe fünfzig Jahren erforscht, inwiefern Hormone unser Gehirn beeinflussen, hält in seinem Buch «Man & Woman» fest, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Vergangenheit entweder sehr vereinfacht oder aber übertrieben wurden, die Gemeinsamkeiten würden überwiegen. In Sachen Empathie, Mathematik, Sprachbegabung sowie Durchsetzungsfähigkeit etwa seien kaum Unterschiede auszumachen – obschon jahrelang das Gegenteil behauptet worden sei. Und auch er sagt: «Der soziale Kontext spielt eine viel grössere Rolle als die Hormone.»

Stereotype sprengen

So überrascht es nicht, dass sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nivellieren, je mehr Männer und Frauen an einer Studie beteiligt sind. Zitiert und publiziert werden dann aber vor allem die Untersuchungen mit kleinen Gruppen, bei denen die Differenzen deutlicher zutage treten – ist ja auch medial viel wirksamer.

Die Tatsache, dass Frauen heute in vielen Berufen tätig sind, die noch vor kurzer Zeit undenkbar gewesen wären, scheint Fine, Jordan-Young und Pfaff recht zu geben. Und all denen zu widersprechen, die immer noch Klischees bemühen, wenn es um die Geschlechter geht. Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 60 Jahre haben dazu beigetragen, dass sich die Frauen vom traditionellen Rollenbild befreien und entfalten – und die Stereotpye sprengen konnten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2011, 20:35 Uhr

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19 Kommentare

Franz Mengini

18.02.2011, 09:20 Uhr
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Logisch kommen die Autoren auf so ein Ergebnis: es sind Feministinnen! Da herrscht ein klares politisches Interesse, Unterschiede, auch wenn sie noch so klar gemessen werden, verschwinden zu lassen. Irgenwo muss man einfach eine Grenze ziehen, was denn nun Wissenschaft ist und was nicht. Diese grenzwertigen Gender Studies müssen sich irgendwann mal einer kritischen Prüfung unterziehen lassen! Antworten


Ramon Neville

18.02.2011, 09:32 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Danke! Jetzt erzählen Sie das noch denen vom Mamablog...? Antworten



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