Kultur

Mao und der Geissbock

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 20.01.2015 1 Kommentar

Im dritten Teil ihrer literarischen Autobiografie entfernt sich Ulla Hahn noch weiter von der Arbeiterklasse und bezieht ein Studentenzimmer. «Spiel der Zeit» ist eine süffig zu lesende Zeitreise in die 60er-Jahre.

Ulla Hahns Sinn für Witz verleiht ihrem neuen Roman jene Leichtigkeit, die er sehr nötig hat.

Ulla Hahns Sinn für Witz verleiht ihrem neuen Roman jene Leichtigkeit, die er sehr nötig hat.
Bild: Foto: Julia Braun

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Im vergangenen Jahr gab es eine kurze, eher überflüssige Debatte über die Dominanz von Bürgersöhnchen in der deutschen Literatur. Ulla Hahn wird, falls sie diese überhaupt wahrgenommen hat, sich herzlich darüber amüsiert haben. Sie ist das schmerzlich vermisste echte Arbeiterkind, «dat Kenk vun nem Prolete», wie der Romanfigur Hilla Palm, ihrem Alter Ego in nun drei Büchern, gern im heimisch-rheinischen Dialekt unter die Nase gerieben wird.

«Das verborgene Wort» (2001), «Aufbruch» (2009) und jetzt «Spiel der Zeit» bilden eine Trilogie der Emanzipation, des Aufstiegs und der Rettung aus Enge und Bedrängnis durch – Bildung. Aus dem Proletenmädel Hildegard, rheinisch Heldejaad, von der Altstr. 2 im fiktiven Dondorf am Rhein, bestimmt für eine Verkäuferinnen- oder Fabrik­mädel­existenz vor Heirat und dem Dreiklang Kinder, Küche, Kirche, wird die Germanistikstudentin Hilla, die sich am Ende dieses Bandes mit Hugo verlobt, dem Sohn einer Kölner Honoratiorenfamilie. Ebenso ist es ihrer Schöpferin Ulla Hahn ergangen, der Arbeitertochter aus dem wirklichen Monheim, promovierte Germanistin, preisgekrönte Dichterin und Ehefrau von Klaus von Dohnanyi, dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister.

Zurück in die Zukunft

Ganz so weit kommt die Aufstiegssaga auch mit Band 3 noch nicht, sie macht – vorläufig – halt bei der Verlobungs­anzeige, einem demonstrativen Happy End. Noch unbearbeitet ist auch eine in Ulla Hahns Vita nicht unbekannte Episode: das Engagement bei der moskautreuen DKP. Hat es nicht gepasst zur Dramaturgie oder zur Figur, die sich die Autorin aus «Erfindung und Erfahrung» geschaffen hat? Schon in den früheren Bänden nahm sie sich die Freiheit, zu verknappen und zu kombinieren, zu konstruieren und zu arrangieren. Der ­literarisierte Lebensbericht streifte und streift die Gefilde von Genres wie Heiligenlegende, Tragödie oder Märchen.

Bestand haben sollen die Bücher nicht durch biografische Treue, sondern durch literarische Plausibilität. Im neuen Band reflektiert die Autorin stärker als in den früheren über das eigene Vorgehen, stellt das Verhältnis von Autorin und Figur, der «jüngeren Schwester», von Subjekt und Objekt ins Licht. Anders als Martin Walser, der im «Springenden Brunnen» alles kappt, was über ein damaliges kindliches Bewusstsein hinausgeht, hat Hilla immer den Schatten der Ulla hinter sich, die nicht nur weiss, was einmal geschehen wird, sondern ihre Figur vorab ein bisschen klüger, besser (oder naseweiser) macht.

Dass daraus keine Germanistenprosa wird, sondern eine spannende, lehrreiche, streckenweise süffige Lektüre, liegt an Ulla Hahns Sinn für Witz und ihrem ausgeprägten Spieltrieb. Das «Spiel der Zeit» (ein Gryphius-Zitat) ist auch ein Spiel der Autorin mit der Zeit. Wenn Hilla etwa 1967 im Gespräch mit ihrem Liebsten in die Zukunft schaut und sich etwas möglichst Unvorstellbares vorstellt, dann sind das Amerikaner auf dem Mond, das Verschwinden der Mauer und eine Bundeskanzlerin aus der DDR. Oder der Freund malt ihr aus, wie sie später ihren Aufstieg literarisch verarbeitet. Aus der Maserung von Rheinkieseln – den «Buchsteinen», die wir aus dem ersten Band kennen – werden sogar schon die Titel der späteren Romane Ulla Hahns gelesen. Das kann man preziös finden oder verspielt; ich neige zu Letzterem.

Die literarische Verspieltheit gibt dem dicken Roman eine Leichtigkeit, die er sehr nötig hat. Denn beschwert wird er auf der anderen Seite nicht nur von den langen, bildungshubernden, ja blaustrümpfigen Dialogen der beiden Liebesleute. Sondern vor allem davon, dass Hilla zu viel von Ulla tragen muss. Anders gesagt: dass der Roman der ­Autobiografie zu viel schuldet. Das Bemühen um Gerechtigkeit kann dazu führen, dass überall gleich viel weggelassen wird. Die Autorin sucht die Balance eher durch möglichst wenig Weglassen (dass jeder Band vor der Endfassung deutlich länger war, ist kein Gegenargument, sondern bestätigt den Befund). So gibt es zu viele Besuche bei der Familie, zu viele Demonstrationen, zu viele Gespräche mit dem lieben Hugo. Immerhin ist es zu viel des Guten – und man sieht es der Autorin nach, denn mit jeder unterlassenen Streichung hat sie ein Stück vom eigenen Lebensstoff gerettet.

Das Trauma überwunden

Im Ganzen ist diese autobiografische Romantrilogie ein literarisches Unternehmen, das in der jüngeren deutschsprachigen Literatur seinesgleichen sucht. Es zeigt, wie sich eine junge Frau in den 50er- und 60er-Jahren gegen ihre Handicaps – katholisch, weiblich, Arbeiterkind, Provinz – durchbeisst zum selbst bestimmten Leben. Und welche Verluste zu diesem Durchbeissen gehören.

In «Spiel der Zeit» ist das Ärgste geschafft; Hilla hat ein Studentenzimmer in einem kirchlichen Wohnheim, ein mageres Stipendium, einen unbändigen Lerneifer und eine bange Neugier auf das ­offene, ungesicherte Leben. Deshalb gibt ihr die Autorin diesen unglaublichen Begleiter, Hugo, den Mann mit dem Buckel und dem grossen Verständnis. Mit ihm überwindet Hilla das Trauma vom Krawatter Busch, einer Waldlichte, auf der sie am Ende des zweiten Bandes von drei Burschen betrunken ­gemacht und vergewaltigt worden war.

Auch ihre Herkunft ist ein Ballast, den Hilla nicht abwerfen kann – und wenn sie es vergisst, lässt es sie die neue Umgebung spüren. Wie sehr Deutschland in den späten 60er-Jahren noch eine Klassengesellschaft ist, die an den «kleinen Unterschieden» festhält und auch begabte Aufsteiger subtil zu demütigen weiss, geht leicht vergessen; der Roman zeigt es sehr anschaulich, es ist eine seiner Stärken. Zu den grossen Stärken Hillas (das heisst: der Autorin) wiederum gehört, die abschätzigen Blicke, die ihr gelten, durch Beobachtung gegen ihre Urheber zu wenden und deren vermeintliche Überlegenheit – durch Geld und Herkunft, vor allem aber durch Wissen, wie man sich benimmt – als menschliche Schäbigkeit zu entlarven. Da sind Wunden bei der Autorin zwar vernarbt, im Gedächtnis aber gut eingekapselt.

Seine Detailfülle macht das Buch zu einer Zeitreise. So gab es bei den Palms zu Hause werktags Kernseife, nur sonntags die «bessere» Seife Fa. Auf einem Hippie-Fest stösst Hilla auf ein kleines, vollkommen übersexualisiertes Mädchen: eine Szene, die mehr über die Verirrungen der allgemeinen Befreiungs­euphorie erzählt als alle empörten Leitartikel. An einem «progressiven Weihnachtsbaum» hängen Lederriemchen mit Fotos von Che, Ho, Mao, Jimi Hendrix und Rosa Luxemburg, aber auch der Geissbock des 1. FC Köln.

Solche Schlaglichter auf Milieus bleiben länger haften als die gelegentlich ins referathafte geratende Darlegung der 68er-Bewegung. Glaubt man der Autorin, war sie stets skeptisch gegenüber den revolutionären Studenten. Aus zwei Gründen: Sie kannte die «Arbeiterklasse» besser und wusste, was die wollte; und sie nahm Anstoss am sprachlichen Gestrüpp, in dem die Weltveränderung daherkam. Das passt zur Figur, wie sie schon im ersten Band auftritt: wortverliebt und sprachverspielt. Erich Frieds «zeilenumbrochene Zeitungsschnipsel» werden dem Parodieverfahren unterzogen. Unübersehbar zieht es Hilla zur Literatur. Etliche der Gedichte, die sie später berühmt machen sollen, durchziehen den Band. Er schliesst, wie die beiden vorangehenden, mit der kölschen Aufforderung für «auf gehts»: «Lommer jonn!»

Ulla Hahn: Spiel der Zeit. Roman. DVA, München. 606 S., ca. 37 Fr.

Am 22. Januar, 19.30 Uhr, liest Ulla Hahn im Literaturhaus Zürich aus dem Roman. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2015, 17:45 Uhr

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1 Kommentar

Joerg Bucher

20.01.2015, 08:46 Uhr
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Ulla Hahn gehoert zu Jenen, die Lyrik nicht nur 'salonfaehig' gemacht haben.
Auch fuer die gute Stube und gar fuer die einfache Kueche, bei Butterstulle und einem Glaeschen Landwein... .
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